Ein Brief
Text
von Saudade
Mein lieber Weltreisender!
Du weißt, ich habe viel zu tun, auch heute muss ich lange sitzen und es liegt mir auch fern, Dich mit meiner Person zuzuspammen, aber ich nehme mir jetzt Zeit, um ein wichtiges Thema anzusprechen, das mir am Herzen liegt. Also, ich mach Coffeepause, während Du vermutlich bald schlafen gehst
Welches Bild hast Du von Dir? Seit wann hast Du das? Ich nehme an, seit der Jugend, nicht? Gib das jetzt bitte weg, es wird Zeit.
Du hast mir mal geschrieben, dass Du Schach spielst. Das ist ein komplexes Spiel. Ohne mögliche nächsten Spielzüge des Gegners vorauszudenken, könntest Du gar nie gewinnen. Dabei heißt es nicht nur, die Züge vorauszudenken, sondern auch Deine möglichen weiteren Züge danach. Vermutlich machst Du das schon automatisch und es ist Dir gar nicht mehr bewusst, dass Du es tust.
Desweitern, Du bist Vorgesetzter eines, mittlerweile immer größer werdenden, Unternehmens. Jedes Unternehmen dieser Größe verlangt ein vernetztes Denken, die wirtschaftlichen Hintergründe sind hochkomplex. Du meisterst das außergewöhnlich gut.
Du bist der Vertriebsmensch, dafür benötigt es Anpassungsfähigkeit, perfekte Kommunikationsfähigkeit, Überzeugungskraft und auch Einfühlungsvermögen sowie - das sowieso - fachliche Kompetenz.
Diese Eigenschaften sind Dir schon einmal sicher.
Auch, dies im zwischenmenschlichen Bereich, merkst Du, wenn etwas nicht in Ordnung war/ist und lenkst hervorragend ein. Nun, Du weißt, grins, dass ich schon erkenne, wenn Du mich wieder milde stimmen möchtest, das finde ich süß und bin dann milde, aber es kam dann aber auch mal vor, dass Du meinst, das war aber jetzt zu hart von mir und "nix da, ich akzeptiere das so nicht, weil ich Dich gern hab". Es geht auch anders, dennoch ist das Einfühlungsvermögen und das hat was mit Tiefe zu tun, sehr viel sogar. Und selbst, wenn wieder die Phase der Schweigeorgie herrscht, wenn ich schreibe "Mir geht es nicht gut", was ich selten mache, weil ich Dich nicht belasten möchte, dann schreibst Du immer zurück und fragst, was los ist.
Ich kann nicht beurteilen, wie Du zu anderen bist, nur, was ich wahrnehme.
Ja, Details... Dein Tag ist stets getaktet, während Du fokussiert bist, kriegst Du Anrufe rein, Mails, es redet Dich jemand von der Seite über ganz anders gerade gedachtes Thema an. Du musst stets multifunktional agieren, was aber auch für die, die an Dich herantreten, bedeutet, dass sie sie sofort zum Punkt kommen müssen und nicht Dich zum tiefen philosophischen Denken anregen dürfen und können. Das geht einfach nicht.
Jetzt machst Du das schon so lange, dass dies ein Teil von Dir geworden ist. Du kannst Dich nicht mit Details aufhalten, außer ein neues Projekt steht an, dann muss alles abgewogen werden. Und dafür hast Du, in Wahrheit, aber auch fachlich kompetente Menschen, die Dir das abnehmen.
Du bist ganz Job, das macht Dir Freude und es ist Dein Liebstes. Dass das dann ins Privatleben fließt, ist normal und ganz klar. Was ja nicht bedeutet, dass Dir alles egal ist. Und, falls Du doch zu sehr an der Oberfläche bleibst, wenn es unangebracht ist, das sage ich Dir dann schon und ich hoffe, Deine family auch, denn das ist wichtig.
Jedoch darauf zu schließen, dass Du nicht in die Tiefe oder Detail gehen könntest, ist absurd, Dich muss man nur manchmal stoßen, daran erinnern, dass Du es kannst. Und immer ist es doch auch nicht von Nöten. Manchmal, da nehme ich mich nicht aus, will man eben zu Zweit über etwas nachdenken, was man aber nicht verlangen kann.
Vermutlich hast Du Dein ganzes Leben nur "Du hast..." oder "Du bist..." gehört, dies nicht immer auf die feine Englische, weil es schwierig ist, sich in Dich reinzudenken, eigentlich zu wissen, was Du für eine Verantwortung hast, sein eigenes Ego zurückzunehmen, ja, vermutlich... dabei geht Kommunikation anders: "Ich fühle mich so nicht wohl..." - Du hast ein problemorientiertes Denken. Wenn Dir jemand einen Anhaltspunkt gibt, dann versuchst Du es zu lösen. "Du hast...", "Du bist..." ist ein Angriff, hat nichts mit Lösung zu tun, damit kannst Du nichts anfangen. Abgesehen davon, dass das Grundregeln der Kommunikation sind, Sätze mit "Ich habe ein Problem mit diesem oder jenen" zu beginnen und nicht "Du bist das Problem", das wärst ja Du als Ganzes, in jedem Detail, das ist absurd und nur auf Abwertung angelegt.
Du hast mir einmal geschrieben, dass Du Dich nicht ändern möchtest, Dich so wohl fühlst. Du hast Dich längst geändert, denn mittlerweile siehst Du mich nicht mehr als eine, die eine Funktion hat, sondern als Mensch. Das war ein - zugegebenermaßen - langer Prozess, aber es ist nun so. Du teilst eben ein, dies nach Wichtigkeit, sonst bricht Dein Gefüge.
Und, dass Du nicht dem Wunschpartner oder Paradesohn entsprichst, das ist das Problem derer, die es so oberflächlich sehen wollen. Nochmals, Du bist Job, durch und durch, dass Du keine Sonette aufsagen magst und kannst, bedeutet nicht, dass Du nicht empfänglich für schöne Worte wärst und die eindringen. Dein Leben geht so schnell vorwärts, dass alles schnell gehen muss. Auch brauchst Du keine Bestätigung mehr, bei nichts, Du hast schon enorm viel geleistet. Schau, ich merk ja wie Du tickst, das ist okay, manchmal sogar sehr amüsant, da schmilzt Du dahin und dann checkst Du, dass das jetzt gar nicht in Dein Konzept passt und schaltest sofort wieder um in den sachlichen Modus, das kannst Du gut. Glaub mir, ich kenn das, Du bist da ein Spiegel meiner selbst, deshalb amüsiert es mich äußerst und ich nehme es gar nicht persönlich, denn ich weiß ja, das ändert nichts an der Tatsache, dass Du lieb hast. Das bleibt ja drin.
Bleib so wie Du bist, das ist schön, ich mag das. Und für die Romantik zwischendurch bin ich zuständig. Jeder das, was er gut kann.
Ändere Dein Bild von Dir, ich bitte Dich.
Lass Dich auch nicht mehr unterschwellig kränken und nimm disqualifizierende Aussagen nicht mehr in die eigene Persönlichkeitsanalyse auf. Du bist Job. Da fährt die Eisenbahn drüber und wie lautet der Gösser - Werbespruch? Was man gerne macht, macht man gut.
Alles Liebe (immer!)
C.