Inventar der Bäume

Gedicht zum Thema Natur

von  AnneSeltmann



Heute tragen die Bäume
ihr zweites Gewicht.

 

Nicht das der Jahre,
nicht das der Ringe,
sondern ein helles,
geliehenes Weiß.

Jeder Ast
ein vorsichtiges Regal,
auf dem der Winter
sein Geschirr abstellt.

 

Die Fichten stehen da
wie Tiere, die gelernt haben
ganz still zu atmen.

 

Birken –
mit Schultern aus Schnee,
als hätten sie sich
für etwas entschuldigt.

 

Der Garten wird langsam
zu einem Archiv
von Formen, die sonst
nur der Wind kennt.

 

Man könnte meinen,
die Stämme hörten zu,
wie die Flocken
leise ihren Namen sagen.

 

Unter der Last
beugen sie sich
in einer geduldigen Grammatik:
Satzzeichen aus Holz und Kälte.

 

Ich gehe hindurch
und trage das Knirschen
an den Schuhen davon,
als kleine Beweise.

Gegen Abend
wird alles schwerer,
auch das Licht.

 

Der Winter
braucht nicht viele Sätze –
ein Wort,
das warm genug ist.




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Kommentare zu diesem Text


 Teo (15.01.26, 11:11)
Hi Anne,
ein besonderes Naturgedicht.
Der Winter stellt sein Geschirr ab...eine wirklich originelle Beschreibung für die Eigenart dieser Jahrezeit.
Toll gemacht!
Es grüßt 
Teo

 Nuna meinte dazu am 15.01.26 um 11:15:
Hier ist der Schnee komplett  weggetaut :) liebe Grüße aus Mitte SH
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