Ausverkauf
Kurzgeschichte zum Thema Alles und Nichts...
von Moppel
Lange hat Anna die Frau nicht gesehen, die unsympathische mit dem keifenden winzigen Terrier, für dessen Verhalten die sich jedes Mal bei Anna entschuldigt: Ist nicht meine Schuld. Ich hab den Hund aus dem Tierheim!
Und Anna denkt. Dann erzieh ihn doch. Bring ihm mit Geduld und Liebe bei, dass er nicht keifen muss. Heile seine seelischen Wunden. Wenn die Chemie zwischen euch stimmt, dann klappt das auch. Aber gesagt hat Anna das nie. Sie will nicht so bevormundend werden wie viele Menschen in dieser Stadt es sind.
Jedes Mal schaut diese Frau neidisch auf Annas Mops. Ich habe ja immer Möpse gehabt. Und jedes Mal fragt sie: Haben Sie den Mops von der Frau Gelder?( der Tierärztin gegenüber, die Möpse aufnimmt, die eine neue Familie suchen). Nein, Vom Züchter, antwortet Anna immer wieder. Nein, die Chemie stimmt nicht zwischen dieser Frau und ihrem Hund. Überhaupt nicht.
Heute kommt diese Frau Anna nah. Warten Sie mal, ruft die, ich will sie was fragen. Anna bleibt stehen. Die Frau schaut auf Annas Mops, der sich nicht die Bohne für sie und ihren grollenden Hund interessiert. Wie Anna im Übrigen auch nicht. Begehrlich blickt diese Frau auf Annas Bertchen: Hach, die sind so schön, die Möpse und dieser ganz besonders. So lieb, so gut erzogen. Was willst du, Alte? denkt Anna spontan. Ihr Warnsystem springt an.
Ja, Annas Sachen ernteten immer begehrliche Blicke. Waren immer schön. Weil sie sie liebt, sie pflegt und alles dafür tut, dass ihr Besonderes besonders bleibt.
Ihr stilvoller Schmuck, der damals in der Not, als ihr erster Mann heimlich Schulden machte, bei Ebay weg ging wie warme Semmeln.
Ihr Haus, eine alte Kaschemme, die sie zum stilvollen Altbau sanierte. Den ihr die Käufer 35 Jahre später aus den Händen rissen, als sie das große Haus nicht mehr bewirtschaften konnte.
Ihr 200 -Mercedes, zwar in die Jahre gekommen, aber ohne ein einziges Kratzerchen oder Fleckchen, garagenbehütet und inspektionsgepflegt, um den sich die Käufer hochboten, als sie ihn verkaufte, weil sie nicht mehr so gut sehen konnte.
Was willst du von mir? denkt Anna und streichelt ihren Mops. Mit eiskaltem Lächeln fragt diese Frau nun: Können Sie den den überhaupt behalten? Die Frage ist wie ein Schlag ins Gesicht, das Lächeln wie ein Stich ins Herz, denn genau das hat Anna sich in den letzten Wochen selbst gefragt. In den quälenden Wochen, als der Schmerz um ihren verstorbenen Mann körperlich wurde. Ihre Gelenke sich entzündeten und ihr das Laufen beinah unmöglich machten.
Immer wieder hatte sie lockere Hundebekannte gefragt, ob sie ihren Mops nicht mittags auf eine Runde mitnehmen könnten. Gegen Bezahlung natürlich. Nein!
Eine Profigassifirma lehnte ebenfalls ab, weil der kleine Hund nicht zu den Großen passt, die sie im Rudel ausführen.
Und diese unsympathische Frau tönt nun spitz wie ein Pfeil: Also, ich würde ihn nehmen. Aha, das willst du also, Alte, denkt Anna. Meinen lieben, hübschen, gut erzogenen 2000E –Mops für umsonst. Niemals!
Diese Frau ist nicht die entzückende, esoterische Oma mit der Pudelmütze und dem großen Königspudel, die morgens ihren Bus fahren lässt und Anna auf ein Tempotuch die Telefonnummer ihres Osteopaten kritzelt, weil Anna sich vor Schmerzen krümmt. Und die Anna jeden weiteren Morgen anstrahlt und mit ihrem polnischen Akzent lobt: Ah, gähte besserrrr. Gut, gut!
Diese Terrier-Frau aber wittert Ausverkauf und grinst selbstgefällig. Warum sollte ich meinen Mops nicht behalten können? fragt Anna unfreundlich, ich habe jetzt eine Hundedame, die ihn mittags drei Mal pro Woche ausführt. Naja, insistiert die Alte und ihr Terrier schaut Anna traurig an, wär ja besser, als wenn er im Tierheim landet.
Anna schnappt nach Luft und ranzt: Ich glaube nicht, dass Bert bei Ihnen gut aufgehoben wäre. Sie kommen ja nicht mal mit einem Hund klar. Zwei braucht schon Erfahrung. Nein, nein, jammert die Alte, das ist nicht meine Schuld. Der war schon so, ist aus dem Tierheim.
Anna winkt ab und geht weiter. Mit einem unguten Gefühl im Bauch und einem Stoßgebet auf den Lippen.