...das auf den bekannten Weltanschauungen, Schriften und Biografien von Taras Schewtschenko (dem ukrainischen Nationaldichter, 1814–1861) und Leo Tolstoi (dem russischen Schriftsteller und Pazifisten, 1828–1910) basiert.

Ort: Ein zeitloser Raum zwischen Himmel und Erde, ein metaphorischer Garten, der an den Dnipro erinnert, aber auch an die Weite von Jasnaja Poljana.
Zeit: Nach dem 24. Februar 2022.
Taras Schewtschenko: (blickt finster auf eine Szenerie, in der Rauch über ukrainischen Feldern aufsteigt) Siehst du es, Leo Nikolajewitsch? Es ist, als hätte ich es gestern geschrieben. Die „Moskauer“ rauben wieder, sie brennen wieder. Meine Vorahnungen, in Ketten gelegt zu werden, sie enden nie.
Leo Tolstoi: (wirkt tief betrübt, stützt sich auf einen Stock) Taras Grigorowitsch, es ist entsetzlich. Die Seelen dieser Männer sind verblendet von Stolz und Macht. Wie ich in Hadji Murat schrieb, ist diese Art von Gewalt – diese imperiale Grausamkeit – der Inbegriff der Sinnlosigkeit. Es ist nicht der Wille des Volkes, es ist der Wahn der Herrscher.
Schewtschenko: (aufgebracht) Wahn? Das ist Verbrechen! „Tötet, zerstört, raubt!“, das ist ihr Schrei seit Jahrhunderten. Putins Russland hat den Zarismus nicht abgelegt, es hat ihm nur neue Parolen gegeben. Sie wollen nicht nur unser Land, sie wollen unsere Seele, meine Sprache, meinen Geist töten.
Tolstoi: Ich verstehe deinen Schmerz, mein Freund. Aber Gewalt kann Gewalt nicht heilen. Wenn sie mit dem Schwert kommen, und ihr mit dem Schwert antwortet, werden beide Seiten in Blut ertrinken. Die Ursache des Elends liegt in der Ordnung der Gesellschaft, in der wenige Männer über das Schicksal von Millionen entscheiden. Das ist kein Krieg um Wahrheit, es ist ein Krieg um Eitelkeit.
Schewtschenko: (unterbricht) Einfache Pazifismus-Reden helfen nicht, wenn die russischen Panzer vor Kiew stehen. Wenn der Tyrann den Tod bringt, ist der Widerstand ein heiliges Gebot. Ich habe mein Leben der Freiheit gewidmet, ich saß dafür in der Festung. Mein Testament war klar: erst wenn die Ketten brechen und das Land frei ist, kann Frieden sein. Ich hoffe, sie waschen ihre Freiheit mit dem Blut des Tyrannen – so habe ich es geschrieben, und so ist es!.
Tolstoi: (traurig) Aber Taras, das Blut des Tyrannen ist auch nur Blut. Die Soldaten auf beiden Seiten sind Menschen, Söhne, Brüder. Ich habe Kriege gesehen. Was bleibt, ist nur Schmerz. Die Menschen lassen sich durch Propaganda verblenden, sie werden zu Werkzeugen der Zerstörung. Die Lösung ist nicht der Sieg, sondern die Verweigerung, am Bösen teilzunehmen.
Schewtschenko: (sieht Tolstoi ruhig an) Du bist ein großer Denker, Leo, aber du vergisst, dass dein Volk über mein Volk herrscht. Es ist leicht, über Nächstenliebe zu sprechen, wenn das eigene Haus nicht brennt. Mein Volk kämpft um sein nacktes Überleben. Sie nennen mich einen „russischen Dichter“? Ich bin ein freier Sohn der Ukraine, und meine Ukraine verteidigt sich!.
Tolstoi: Ich weiß, mein Freund. Ich habe das Leid der Tschetschenen in meinem Werk gezeigt, und ich spüre den Schmerz der Ukrainer. Wenn ich jetzt dort wäre, würde ich den russischen Soldaten zurufen: „Besinnt euch!“. Der Krieg ist ein Produkt des Despotismus. Wer den Krieg bekämpfen will, muss den Despotismus bekämpfen, nicht den Menschen.
Schewtschenko: Dann haben wir ein gemeinsames Ziel, Leo Nikolajewitsch. Nur dass ich das Feuer, das meine Steppe verbrennt, nicht mit bloßen Worten löschen kann.
Tolstoi: (seufzt) Dann möge Gott den Seelen gnädig sein, die in diesem Konflikt ihren Körper lassen. Ob auf der einen oder anderen Seite.
Schewtschenko: (blickt in die Ferne) Meine Augen sehen meine geliebte Ukraine, und mein Herz blutet. Aber sie wird stehen. Sie wird frei sein.
Zentrale Positionen im fiktiven Gespräch:
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Schewtschenko vertritt die Position des befreienden Nationalismus und des bewaffneten Widerstands gegen die jahrhundertealte Unterdrückung durch das Russische Reich (bzw. dessen Nachfolger), basierend auf seinen Gedichten wie „My Testament“ (Testament) und „The Great Vault“.
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Tolstoi vertritt den christlichen Pazifismus und die Ablehnung jeglicher staatlicher Gewalt, basierend auf seinen Schriften zu den Russo-Japanischen Kriegen und seiner Philosophie, dass Kriege nur von Regierungen für Machtzwecke angezettelt werden.