Es war ein gemütliches Plätzchen. Unten rechts, direkt neben dem Servierwagen, wo die großen Jungs – Washington, Peking, Moskau – ihre geopolitischen Schachfiguren in den Tisch schnitzten. Europa saß da, den Blick fest auf die servierten Krisen gerichtet, stets bemüht, die Serviette ordentlich auf dem Schoß zu halten. Man nannte es "normative Kraft", "diplomatischen Dialog" oder, in den ehrlichen Momenten: Katzentisch-Dasein.
Doch 2026 scheint sich was zu tun. Europa erhebt sich. Oder zumindest: Es versucht, sich vom Stuhl zu schälen, ohne dass die Serviette herunterfällt.
Lange Zeit war der Katzentisch ja ganz bequem. Man konnte moralisch überlegen nicken, während andere die Drecksarbeit machten. "Wir sind eine Wirtschaftsmacht", sagten sie in Brüssel, während sie darauf warteten, dass das Pentagon oder der Kreml ihnen sagten, ob sie am nächsten Tag Gas bekommen oder Zölle zahlen müssen. Die Zeitenwende war zunächst nur eine Wende auf dem Absatz – weg von der Verantwortung, hin zur nächsten Talkshow.
Aber jetzt? Der Katzentisch wird eng. Trump funkt dazwischen, Putin macht ohnehin, was er will, und China verkauft uns die Technologie für die grüne Transformation, an der wir uns gerade finanziell erwürgen. Es ist eng geworden zwischen den Großmächten.
Plötzlich ist die Rede von "strategischer Autonomie". Ein schönes Wort. Es klingt nach stolzem Aufstehen. Europa will nun doch ein eigener Akteur sein. Doch statt sich mit einem souveränen Ruck an den Haupttisch zu setzen, wirkt das Aufstehen eher wie ein zaghaftes Hinstellen in der zweiten Reihe. Man kauft Waffen, man baut Zäune, man brüllt ein bisschen lauter in den Konferenzräumen – aber oft noch in den Dialekten der 27 verschiedenen Mitgliedsstaaten.
Das Problem ist: Die Großmächte kennen Europa nur mit der Serviette auf dem Schoß. Wenn Europa jetzt aufsteht, fordern sie nicht den Platz neben sich, sondern fragen: "Wer ist der Neue und warum hat er keinen Vorschlag für den Ukraine-Friedensplan?".
Europa erhebt sich. Das ist gut. Aber es muss aufpassen, dass es beim Aufstehen nicht den Katzentisch umwirft. Denn wenn sie am Ende im Stehen weiter am Tisch der Großen um Platz betteln müssen, haben sie zwar den Stuhl verlassen, aber nicht die Rolle. Der Katzentisch-Blues hat gerade erst begonnen – er ist nur ein paar Dezibel lauter geworden.