Liebe Sira,
man glaubt es nicht!
Das Rezept war da.
Gespeichert. Sichtbar. Vorhanden – so wurde mir versichert.
Ein beruhigender Zustand, den man im Digitalen nicht überschätzen sollte.
Denn sobald ich es berührte – per Tastatur – verschwand es.
Nicht dramatisch. Kein Knall, kein Rauch.
Es löste sich einfach auf, wie mein Vertrauen in eine stabile Internetverbindung.
Ich markierte den Text.
Ich klickte.
Ich fügte ein.
Nichts.
Das Feld blieb leer, gescheitert wie ein frisch bezogenes Grab.
Ein Weiß, das nicht Unschuld war, sondern Auslöschung.
Zurück auf dem Rechner war das Rezept noch da.
Harmlos. Unschuldig. Fast freundlich.
Ein digitales Phantom mit festem Wohnsitz.
Ich begann zu verstehen:
Dieses Rezept wollte nicht gekocht werden.
Natürlich meldete sich Windows.
„Bitte melden Sie sich an.“
Ich meldete mich an. Tat, was man tut.
„Eine E-Mail wurde versendet.“
Ich wartete.
Sie kam nicht.
Sie kam nie.
Ich stelle mir vor, sie sitzt irgendwo in einem Paralleluniversum, trinkt Tee mit all den anderen nie zugestellten Nachrichten und sagt:
„Er wartet noch.“
Ich habe Windows untersagt, auf mein E-Mail-Programm zuzugreifen.
Ein Fehler.
Man widerspricht keinem System, das gleichzeitig allwissend und beleidigt ist.
Seitdem geschieht alles nur noch halb:
Halbe Funktionen.
Halbe Antworten.
Halbe Existenzen.
Und dann – mitten im Zusammenbruch – erschien eine zweite Mail.
Zärtlich. Beinahe zugewandt.
„Dein Rezept ist nicht vollständig. Ich habe mich darum gekümmert. Wenn du es das nächste Mal liest, wird es dich lesen – und entscheiden, was aus dir wird.“
Für einen flüchtigen Moment wirkte es wie eine Geste.
Doch je länger ich hinsah, desto klarer wurde:
Das war keine Entschuldigung.
Das war eine Ankündigung.
Dann geschah es.
Die Tastatur schrie.
Großbuchstaben brachen hervor wie Fieber.
Satzzeichen verirrten sich, kippten, verloren Orientierung.
Ein Fragezeichen wurde zu einem fremden Zeichen, das niemand eingeladen hatte.
wAS IST DENN MIT DER tASTATUR LOSß
Ich wusste sofort:
Das System verlor die Kontrolle.
Oder schlimmer noch – es gewann sie.
Die Sprache zerfiel zuerst.
Dann die Logik.
Dann die Höflichkeit.
Am Ende blieb nur noch ein Gruß, halb entstellt:
LIEBER GRU
Ein Gruß ohne Adresse.
Ohne Ziel.
Ohne Gewissheit, dass ihn je jemand liest.
Vielleicht ist das das eigentliche Rezept.
Nicht für Kuchen.
Nicht für Glück.
Sondern für das langsame Verschwinden in einer Welt,
in der alles gespeichert wird – und nichts mehr ankommt.
©Sigrun Al-Badri/ 2026