Mein Freund Müller-Mies hat so die üblichen Probleme schlecht alternder Männer. Prostata, Darm, Zahnverlust. Da er alleine vor sich hin altert, diene ich ihm als Kummerkasten, geduldig, aber jetzt auch zunehmend genervt. Denn Krankheitsgeschichten und ihre immer gleichen täglichen Bulletins, denen man andachtsvoll-empathisch zu folgen hat, sind auf die Dauer langweilig.
Nicht so bei meinem Freund Müller-Mies. Er versteht nämlich, mich jedes Mal aufs Neu in ganz kühne, anamnetische Theorien zu involvieren. So jetzt seine Ich-bezogen-weltpolitische Ursache-Wirkungsgeschichte.
„Meine Krankheiten,“ so eröffnete er mir bedeutungsschwanger, „fallen immer mit weltpolitischen Krisen zusammen. Wenn es irgendwo knallt, bin auch ich schwer getroffen.“
„Hä?“ kam von mir etwas ungläubig.
„Ja, Du erinnerst dich doch sicher – Fukushima. Was passierte da mit mir? Da hatte ich meine Prostata-OP. Vier Tage im Heilig-Geist-Krankenhaus – ich habe den ganzen Tag Fukushima gucken müssen. Mein Bettnachbar hatte sich nämlich einen Fernseher gegönnt – der hatte was mit den Hoden, aber ein netter Kerl.“
Ich erinnerte mich tatsächlich, dass ich Müller-Mies besucht und allerlei erfahren hatte über gut- und bösartige Prostatveränderungen – Männersmalltalk halt, und Fukushima, im März 2011.
„Weißt du denn noch, wann ich wann ich davor schon einmal im Krankenhaus war?“ schob er eilfertig nach.
Ich ging schnell alle Tsunamis und Vulkanausbrüche der jüngeren Vergangenheit durch, doch Müller-Mies erklärte mir – nicht ohne Stolz:
„Acht Jahre früher, März 2003. : Hüfte links. Dar war ich schon einmal in Heilig-Geist. Da war damals noch dieser Professor Wagner, angeblich der beste Hüft-Operateur – aber egal. Was passierte damals Schlimmes in der Welt?“
Ich grübelte.
„Sadam Hussein. George W. Bush. Der Irak-Krieg!“ wurde ich belehrt.
Ich nickte und schämte mich ein bisschen, dass ich derartig weltbewegende Ereignisse nicht sofort erinnerte. Und um davon abzulenken:
„Damals habe ich dich auch besucht. Aber erst in der Reha, in Bad Nauheim. Da warst du so super vornehm untergebracht...“
„Meine Parodontitis-Behandlung,“ so unterbrach mich Müller-Mies, „war zeitgleich mit der Annexion der Krim!“
„2014!“ flocht ich ein und nickte beeindruckt. Dabei schwante mir schon, dass Müller-Mies jetzt wohl eine weitere persönliche Alarmmeldung vorbereitete. Immerhin war er ein paar Jahre ohne ganz große Crashs durchgekommen.
„Gut, dass du nicht während des Dreißigjährigen Kriegs gelebt hast,“ versuchte ich einen Scherz. Aber Müller-Mies war nicht nach Scherzen.
„Jetzt der Iran-Krieg, der nicht enden will – und weißt du, was ich kommenden Montag um 9 Uhr habe?“
Ich wusste es nicht. Aber mein Freund schien etwas Schlimmes zu befürchten.
„Ich muss zur Darmspiegelung.“