Auslandsstudium in der DDR

Short Story zum Thema Grenzen/ Grenzen überschreiten

von  Koreapeitsche

Die Mauer war seit ein paar Monaten geöffnet und die DDR existierte noch. Da machte ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg von Kiel via Ratzeburg, Schwerin und Wismar nach Rostock. Ich wollte mich mit Rostock näher beschäftigen, dachte sogar darüber nach, dorthin zu ziehen. Ich war ohnehin gerade mit dem Zivildienst fertig und suchte neue Aufgaben.

Ich hatte auf der Fahrradtour ein Buch über nonverbale Kommunikation dabei, in dem ich auf meiner Tour zwischendurch immer mal las.  

Zunächst fuhr ich mit dem Zug und einem Fahrradticket nach Ratzeburg. Hier sollte die Fahrradtour starten. Zunächst ging es nach Schwerin. Hier verbrachte ich meine erste Nacht. Ich saß eine Zeit lang an einem großen, rechteckigen Wasserbecken in der Innenstadt und besuchte eine Kneipe namens Traube. Später legte ich mich einfach mit dem Schlafsack in einen Park, musste dazu über die verschlossenen Zauntore des Parks steigen, die seit 20 Uhr über Nacht verschlossen waren. Als ich aufwachte, erschrak ich, denn ich blickte direkt auf das prächtige Schweriner Schloss.

      Die zweite Nacht verbrachte ich in Wismar in einem Hostel nahe dem Polytechnikum. Zuvor besuchte ich eine Discoveranstaltung in ebendieser Hochschule.

      Am dritten Tag radelte ich auf einer Landstraße immer geradeaus bis nach Rostock. Das Wasser und die Küste sah ich auf dieser Strecke nicht, auch wenn ich wusste, dass es sich zu meiner Linken befand. Ich hatte einen Anstecktacho am Lenker und fuhr teils 35 Stundenkilometer. Auf der Straße war wenig Verkehr und das Radfahren wurde zum Sport.

      Als ich Rostock erreichte, fuhr ich zunächst in die Innenstadt und trieb mich hier eine Weile herum. Bald lernte ich einen Rostocker kennen, der mir anbot, eine leerstehende Wohnung zu übernehmen. Er verwendete mehrmals das Wort „Material“, als hätte es hier einen besonderen Stellenwert. Auch um die Wohnung fit zu machen, müsste Material beschafft werden. Mir war das Angebot in dem Moment zu heikel und ich wollte erstmal weiter die Stadt erkunden. Schließlich landete ich im Studentenkeller, wo ich in den Feiermodus überging.

      Diese Studentenkneipe befand sich in der Nähe des Hauptgebäudes der Uni. Hier lernte ich eine Menge Leute kennen, mit denen ich teils Adressen austauschte. Viele der Kneipengäste studierten in Rostock. Ich kam auch auf den Geschmack, und plante dem Immatrikulationsbüro der Uni einen Besuch abstatten, bevor ich wieder nach Hause fahren würde. Deshalb wollte ich am nächsten Morgen trotz der durchgemachten Nacht gleich ins Büro der Uni, das sich ganz in der Nähe des Studentenkellers befand. Ich sagte gleich, dass ich mich für das Fach Psychologie interessiere, denn mir war bewusst, dass mein Notendurchschnitt für die Unis im Westen zu schlecht war. Ich hoffte, dass es hier in Rostock einen Weg geben würde, mich für Psychologie einzuschreiben, um den westdeutschen Numerus Clausus für Psychologie zu umgehen.

Während meines Zivildienstes hatte ich zwei Rollstuhlfahrer mit Sprachstörungen betreut. Ich wollte das erworbene Wissen in irgendeiner Form in ein Studium einbringen. Zwar erhöhte der Zivildienst meine Wartezeit, doch es reichte absehbar immer noch nicht für den NC. Ich lag eine Zeit auf einem Rasen und versuchte zu schlafen.       Nach dieser durchzechten Nacht im Studentenkeller ging ich am Morgen erwartungsfroh ins Hauptgebäude der Rostocker Uni.

Als ich schließlich in einem Immatrikulationsbüro vorsprach, wurde mir eröffnet, dass die Universität Rostock derzeit lediglich den Studiengang „Pädagogische Psychologie“ anbiete, das Studium also beschränkt sei auf pädagogische Aspekte, denn nur so mache Psychologie Sinn. Im Verlauf des Gesprächs einigten wir uns darauf, dass der zuvor in wenigen Sätzen umrissene Studiengang eine Mischung sei aus Sozialpädagogik und Psychologie, jedoch Themen wie Wirtschaftspsychologie nicht beinhalte. Doch beim derzeitigen Stand gab es Probleme bei der Einschreibung, denn die DDR existierte noch und es war nicht absehbar, wie es in Zukunft für diesen zweiten deutschen Staat weitergehen sollte.

Trotz der Maueröffnung galt die BRD aus Sicht der DDR immer noch als Ausland und es bedurfte eines besonderen Bewerbungsprozesses mit Anträgen, Nachweisen und Dokumenten. Das war bei meinem Kurzbesuch in Rostock nicht so ohne Weiteres zu wuppen.

Dennoch sollte ich nicht mit leeren Händen gehen. Schließlich ging die Frau zu einer Regalwand, holte eine DinA5-Broschüro heraus und reichte sie mir. Darauf stand „Auslandsstudium in der DDR“. Ich sollte mir das alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen, zumal ich ohnehin weder Zeugnis noch Lebenslauf dabeihatte, und nahm die Broschüre hoffnungsvoll mit auf die weitere Reise.

      Als ich gerade aus dem Uni Gebäude herauskam, lief eine große Demo oder Protestveranstaltungen auf dem Platz davor, an dem sich auch der Studentenkeller befand. Plötzlich kam ein Hubschrauber herbeigeflogen, der sich gefährlich tief auf die Demonstrierenden herabsenkte, als wolle er rücksichtslos landen. Ich fühlte die Druckwelle der Rotorblätter und litt unter dem ohrenbetäubenden Motorengeräusch. Da verließen die Demonstranten fluchtartig den Platz und strömten wie abfließendes Wasser in die Seitenstraßen. Mein erster Gedanke war „Polizeiterror durch die Volkspolizei“, die immer noch ihr Eigenleben führte. Der Hubschrauber verschwand, als die Demonstranten vom Platz vertrieben waren. Das war nicht Freund-und-Helfer-Style.

      Ich irrte etwas durch die Gegend, ging später wieder zum Studentenkeller. Dort traf ich ein paar Leute wieder, mit denen ich die zurückliegende Nacht durchgemacht hatte. Ein Pärchen aus Plauen versprach mir zu schreiben. Ich blieb bis zum Abend am Studentenkeller, bis mir ein Rostocker aus Lichtenhagen anbot, die kommende Nacht bei ihm zu verbringen. Wir fuhren mit der S-Bahn. Er wohnte in einem nicht besonders hohen, modern anmutenden Plattenbau mit einem angenehmen Farbmuster auf der Außenfassade.  

Er wollte mir seine Tapes vorspielen, die er über Jahre aus dem Radio aufgenommen hatte. Am Ende schlief ich zusammengekauert in einem harten, ungemütlichen Sessel. Ich war etwas enttäuscht, dass mir kein besserer Schlafplatz angeboten wurde als der harte Sessel. Früh morgens fuhr ich mit der S-Bahn das letzte Stück bis Warnemünde und lag eine Weile am Strand, ganz in der Nähe des großen Strandhotels. 

      Von Warnemünde aus fuhr ich mit einem Dampfer inklusive Fahrrad nach Fehmarn. Ich war überrascht, dass die Fähre diese Strecke tatsächlich bediente. Ich löste zwei Tickets, eins für mich als Fahrgast und eins fürs Fahrrad, die beide gleich teuer waren und vom Preis mit den Tickets der Kieler Fördedampfer zu vergleichen waren.

      Als die Fähre gegen Mittag abfuhr, setzte ich mich vollkommen übermüdet auf eine Bank an einem fixierten Tisch, legte den Oberkörper auf die Tischplatte und verbrachte die Fahrt vorne übergebeugt im Halbschlaf, so dass ich nichts von der Küstenlandschaft mitbekam.

      Von Puttgarden-Fehmarn aus strampelte ich mit dem Herrenrad die weite Strecke zurück nach Kiel. Da ich zu erschöpft war, die restlichen rund 10 Kilometer zu fahren, nahm ich ab dem Kieler Hauptbahnhof einen Fördedampfer bis zur Anlegestelle Friedrichsort. Trotzdem war ich vollkommen ausgepowert, als ich wieder zu Hause war.

      Die Ereignisse überschlugen sich. In der noch existierenden DDR wurde ein harter Wahlkampf geführt – besonders von den Westparteien. Es ging für den Kapitalismus um alles. Der Kampf der Systeme wurde vom CDU-Staat gewonnen.

      Nachdem am 3. Oktober ein neues Parlament gewählt wurde, lag Rostock nicht mehr im Ausland. Die Broschüre „Auslandsstudium in der DDR“ war fortan unbrauchbar und hatte nur noch historischen Wert. Ich musste mich jetzt für Psychologie in Rostock zentral bewerben, denn fortan galt auch hier der Numerus Clausus. Ich scheiterte erneut.

      Ergo konnte ich als Abiturient nicht von der Wiedervereinigung profitieren, fühlte mich im weiteren Verlauf sogar durch das System bestraft, denn ich blieb arbeitslos und musste ein Parkstudium beginnen, das keine beruflichen Vorteile mit sich brachte.

 

I want to ride my bicycle.



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