Tod bei Transferschluss
Kurzgeschichte zum Thema Verlust
von Koreapeitsche
(Der tote Betreuer - Ein Verkehrstoter zu Saisonbeginn)
Es stand die zweite Saison in der A-Jugendverbandsliga an. Das war eine Riesenchance, uns auf höchstem A-Jugendniveau zu profilieren. Wir hatten vor Saisonbeginn bereits mehrere Spieler aus Nachbarvereinen zum Vereinswechsel bewegen können, um uns zu verstärken. Jetzt war bis zum 31. August Zeit uns um weitere Neuzugänge zu bemühen. Danach schloss das Transferfenster. Wir hatten einen Spieler aus einem Nachbarverein auf dem Wunschzettel, der als Schlüsselspieler galt, denn er war Leistungsträger, von kräftiger Statur, technisch versiert und eine wahre Spielerpersönlichkeit. Uns zwar bekannt, dass er manchmal Alkoholprobleme hatte, doch er würde sich sicher im Mannschaftsgefüge im Griff haben, solange der Erfolg anhielt.
Das Trainergespann versuchte alles Mögliche, um diesen Wunschkandidaten für unsere Mannschaft zu gewinnen. Aus diesem Grund besuchte unser Betreuer kurz vor der Transfer-Deadline besagten Spieler zu Hause bei dessen Eltern, um ihn auf den letzten Drücker zum Vereinswechsel zu motivieren. Hauptargument war, er könne Verbandsliga statt Kreisliga spielen. Der Betreuer war ein Bekannter die Familie des Spielers, kannte auch die älteren zwei Söhne. Es wurde ein langer Abend.
„Du wärst der wichtigste Spieler der Mannschaft. Wir können dir ein gesundes Vereinsumfeld bieten.“
„Nein, das möchte ich nicht. Ich will in meinem alten Verein bleiben.“
„Wir würden dich zu den Trainings und Spielen von zu Hause abholen und danach wieder zurückbringen.“
„Nein, ich möchte nicht. Ich will meinem alten Verein treu bleiben.“
Inzwischen war Alkohol im Spiel. Auch der Jugendspieler trank etwas, jedoch am meisten trank der Betreuer, der die Verhandlung führte. Der Spieler blieb hart und war partout nicht zum Wechsel zu bewegen.
Es war inzwischen fast 1 Uhr nachts, als der Betreuer enttäuscht einsehen musste, dass es nichts mehr brachte, weiter auf den Spieler einzuwirken. Also brach er auf.
Der Betreuer wohnte Luftlinie keinen Kilometer vom Wohnsitz des begehrten Spielers entfernt. Er ging zu Fuß und war ganz schön betrunken. Jetzt musste er über die vierspurige Schnellstraße auf die andere Straßenseite und konnte seinen Wohnblock am Rand der Siedlung schon sehen. Es wäre ein deutlicher Umweg gewesen. Doch es wäre der sichere Weg gewesen, ganz bis zum Fußgängertunnel nahe der Bushaltestelle zu gehen. Also entschloss er sich, leichtsinnig wie er durch den Alkohol war, auf freier Strecke die Schnellstraße zu überqueren, die auf diesem Teilabschnitt neben dem Flughafen wie eine Autobahn anmutete. Er kletterte über die erste Leitplanke und lief auf die Straße. Doch der Betreuer hatte die Situation falsch eingeschätzt und wurde von einem Auto erfasst. Er war sofort tot. Der Vorfall wurde im Verein wie eine Katastrophe zur Kenntnis genommen, zumal einer seiner Söhne in unserer Mannschaft spielte. Wir standen zu Saisonbeginn nicht nur ohne Betreuer da, sondern einer unser Abwehrspieler hatte durch den Unfall seinen Vater verloren. Da der verunglückte selbst früher Trainer war, verloren mehrere Spieler einen Ex-Trainer. Er trainierte früher die F-Jugendmannschaft, in der ich damals mit dem Fußballspielen anfing.
Schon am übernächsten Wochenende sollte das Auftaktspiel in der A-Jugend-Verbandsliga stattfinden. Für uns ging es nur darum, unseren Mitspieler, den Sohn des verunglückten Betreuers, seelisch zu stabilisieren. Wir fuhren als Mannschaft mehrmals geschlossen in die Stadt, um gemeinsam mit dem Sohn des Betreuers auszugehen und unsere Solidarität und Mitgefühl zu zeigen und ihn nach dem Verlust wieder aufzubauen. Wir wollten als Team für unseren Mannschaftskameraden da sein und ihn nicht im Stich lassen.
Rein sportlich stand diese Saison von Anfang an unter einem schlechten Stern. Der Torwart brach sich das Bein und fiel für den Rest der Saison aus. Weitere wichtige Spieler fielen aus oder sprangen ab. Es war früh absehbar, dass wir zu den Abstiegskandidaten gehörten. Doch rein menschlich nahmen wir eine positive Entwicklung, die es ohne den Unfall nicht gegeben hätte. Wir integrierten den Sohn des Betreuers erfolgreich und standen zusammen die Saison durch. Andere hätten an dem Punkt das Handtuch geworfen. Zwar stiegen wir am Ende der Serie als Vorletzter ab, doch wir waren als Mannschaft zusammengeblieben und brachen nicht auseinander.