Nachts in der Provinz
Reportage
von Citronella
In gewisser Weise konnte ich seinen Gemütszustand ja nachvollziehen, als er mit lustlosem Gesicht nachts um 4.00 Uhr unsere Auffahrt hoch schlurfte: Wieder eine Oma, die wegen Bluthochdrucks die Rettung angerufen hatte und ihn vielleicht um eine wohlverdiente Pause brachte. Aber Job ist Job, dachte ich, und so deutlich muss man seine Lustlosigkeit gegenüber Patienten nun auch nicht zum Ausdruck bringen.
Als neulich gleich zwei Freundinnen erzählten, sie hätten wegen ihres hohen Blutdrucks einen Krankenwagen gerufen, lachte ich noch. In dieser Nacht um 2.00 Uhr, als ich nicht wieder einschlafen konnte, weil die Hände kribbelten, die Ohren sausten und der Kopf schmerzte, verging mir das Lachen. Ich wälzte mich eine Weile schlaflos umher und grübelte lange, sehr lange – und stand dann auf, um den Blutdruck zu messen. Er war schon seit Tagen stark erhöht, aber nicht gefährlich gewesen. Jetzt las ich: 204/115 und wusste, was zu tun war. Die Schlaganfallgefahr schien mir zu groß. So hatte ich es mal gelesen.
Nach einer schnellen Dusche rief ich die 112 an und wurde von einem sehr freundlichen Herrn kurz und knapp befragt. Es dauerte nur wenige Minuten, dann kam der RTW lautlos angefahren. Es entstiegen besagter lustloser Schlurfer und eine sehr sympathische junge Frau. Am Wohnzimmertisch nahmen sie einige Messungen vor und bestätigten meine Befürchtungen.
„Das müssen wir in der Klinik abklären lassen“, nölte der Schlurfer.
„Jetzt?“, fragte ich.
„Ja, oder wollen Sie bis nach dem Frühstück warten?“
Ich sagte nichts mehr.
„Nehmen Sie Schlüssel, Handy und Geld fürs Taxi mit, denn zurückbringen tun wir Sie nicht.“
Im Wagen zurrte man mich auf der Liege fest, legte mir die Kanüle für eine Infusion, am anderen Arm verblieb eine Blutdruckmanschette. Auf dem Monitor neben der Liege konnte ich die Werte verfolgen, sie gingen während der Fahrt kontinuierlich nach unten.
Die junge Frau steuerte das Fahrzeug zügig über holprige Landstraßen ins 20 km entfernte Krankenhaus, während der Schlurfer neben mir saß und die Buchführung machte. Er stellte noch ein paar mürrische Fragen zum Gesundheitszustand, war aber ansonsten nicht gesprächsbereit. Die Liege ruckelte ein paarmal unangenehm hin und her, wenn wieder ein Schlagloch nicht zu vermeiden gewesen war. Glücklicherweise gab es einen Haltegriff an der Liege. Ich dachte noch, dass so eine Fahrt für Schwangere vielleicht wehenfördernd sein könnte.
Nach der Ankunft in den Katakomben der Klinik rollerten beide die Liege aus dem Wagen in die Notaufnahme. Während die junge Frau das Zugpferd machte, stiefelte der Schlurfer gelangweilt hinterher. An der Rezeption, wo er die diensthabende Frau sofort duzte, übernahm er die Formalitäten, erklärte kurz und knapp den Sachverhalt, und ab ging's in ein Untersuchungszimmer. Ich bedankte mich freundlich bei meinen beiden Rettern und wünschte ihnen einen baldigen Feierabend.
Es war erstaunlicherweise wenig los an diesem Morgen, und so verlief die Untersuchung zügig: Ein Schluck eines beruhigenden oder blutdrucksenkenden Trunks, weiteres Durchlaufen der Infusion, Blutabnahme, EKG, später Abhorchen der oberen Organe durch eine sehr junge Ärztin. Zwischendurch immer wieder Wartezeiten, während in einem der gegenüberliegenden Zimmer ein Mann erbärmlich stöhnte. Gestern war Vatertag, fiel mir ein. Da die junge Ärztin etwas unsicher schien, holte sie später noch die Oberärztin dazu, man erzählte mir allerlei, fragte, ob ich zur weiteren Beobachtung bleiben oder lieber nach Hause wolle. Mit einem dreiseitigen Abschlussbericht, der sogar schon die Blutwerte enthielt, setzte ich mich schnellstens in das einzige Taxi vor dem Haupteingang.
Um 8.00 Uhr wartete zu Hause schon das Frühstück auf mich. Den Termin mit der Hausarztpraxis in der nächsten Woche hatte ich in vorausschauender Weise schon vor ein paar Tagen gemacht. Ich werde wohl künftig um Medikamente nicht herumkommen. Weitere kardiologische Untersuchungen werden folgen. Aber bei dieser ersten und einzigen Fahrt in meinem Leben mit einem Rettungswagen sollte es eigentlich auch bleiben.