Schmitt-Habauf fordert

Kurzgeschichte zum Thema Abrechnung

von  Citronella

Rechtsanwalt Dr. Julius Schmitt-Habauf war ein Despot. Und er hätte es wahrscheinlich noch nicht einmal übelgenommen, wenn man ihm dies direkt ins Gesicht sagte.


Sein Erfolg als Medien- und Künstleranwalt schien ihm im Laufe der Jahre ein wenig zu Kopf gestiegen zu sein. Er konnte einerseits sehr charmant sein, andererseits führte sein im wahrsten Sinne des Wortes einnehmendes Wesen dazu, dass seine Angestellten nicht viel zu lachen hatten. Sein Lieblingsausruf „Bin ich denn hier nur von Idioten umgeben?!“, gern auch im Beisein von Mandanten, gellte öfters mal durch die Kanzlei.


Marianne hatte den Job als Übersetzerin mit Freude und viel Enthusiasmus begonnen, musste aber bald einsehen, dass hier einiges anders lief als beim Vorstellungsgespräch besprochen. Schmitt-Habauf, der mit seiner engsten Vertrauten, der noch sehr jungen Brigitte, vielleicht im Privatleben, aber nicht im Arbeitsalltag zufrieden war (Genaueres wusste man von den beiden nicht, aber er kommunizierte mit ihr in seinem sehr vertraulichen Ton), hatte bald erkannt, dass Marianne über gute organisatorische Fähigkeiten verfügte und schließlich früher auch schon mal als Sekretärin gearbeitet hatte. Kurzentschlossen verfrachtete er sie aus dem ruhigen Kämmerlein, das sie ganz für sich allein gehabt hatte, um in Ruhe Verträge übersetzen zu können, in das hektische Sekretariat.


Mehrmals am Tag erklang aus dem (meistens geöffneten) Chefzimmer der gellende Ruf: „Brigitte!“, worauf diese sofort losrannte, um in den unüberschaubaren Aktenbergen, die sich im ganzen Zimmer türmten, etwas zu suchen. Schmitt-Habauf war nämlich auch ein großer Chaot. War Brigitte einmal nicht sofort verfügbar, musste nun auch Marianne einspringen. Bei geschlossener Zimmertür gab es zusätzlich eine knarzende Sprechanlage, die seine Befehle durchjagte.


In diese angespannte Arbeitsatmosphäre brachte nur die bunt gemischte Mandantschaft ein wenig Licht. Berühmte Künstler, mal aufgeblasen, mal wesentlich netter als man erwartet hatte, sorgten für Abwechslung. Unvergessen die Szene, als Angelika, die wildeste und schrillste Kollegin von allen, gekonnt durch den Raum tanzte und einen Song des erwarteten Sängers parodierte. Als dieser später eintraf, mag er sich über die vielen lächelnden Gesichter gewundert haben.


Einen pünktlichen Feierabend gab es nie, weil der Chef bis eine halbe Stunde vorher gar nicht daran dachte, die Postmappen seiner fleißigen Mitarbeiterinnen zu bearbeiten. Fast immer waren dann noch irgendwelche Änderungen nötig, die ihm im letzten Moment eingefallen waren, und natürlich mussten die Sachen „heute noch raus“. Man war damals noch auf Briefpost angewiesen.


Irgendwann reichte es Marianne. Das war nicht der Job, den sie sich vorgestellt hatte. Noch innerhalb der halbjährigen Probezeit schrieb sie daher ihre Kündigung und legte sie Schmitt-Habauf auf den Tisch. Und was machte dieser? Er zerriss das Schreiben ganz einfach mit den Worten „Das akzeptiere ich nicht!“ Marianne war sprachlos. Sie kochte innerlich vor Wut, bewahrte aber vorerst die Contenance.


Dann kam es einige Tage später zu einem Vorfall, der endgültig das Fass zum Überlaufen brachte. Schmitt-Habauf hörte ein geschäftliches Telefonat zwischen Marianne und einem Mandanten mit an, und ihm gefiel offensichtlich nicht, wie sie das Gespräch führte. Er riss ihr gewaltsam den Hörer aus der Hand und setzte das Gespräch in seinem Sinne fort. Marianne war völlig perplex und sich überhaupt keines Fehlers bewusst.


An diesem Freitagnachmittag wusste sie, dass sie die Kanzlei nie wieder betreten würde. Über das Wochenende bereitete sie ein wohlüberlegtes Kündigungsschreiben vor – fristlos, außerordentlich – und brachte dies am Sonntagnachmittag auf die Hauptpost. Es würde Montagmorgen in der Kanzlei sein, nicht aber Marianne.


Schmitt-Habauf widersprach nicht, er hätte bei den geschilderten Gründen auch keine Chance zur Durchsetzung gehabt. Was er allerdings bald darauf tat, war eine Forderung auf Rückzahlung des Weihnachtsgeldes, das wegen der kurzen Beschäftigungsdauer sowieso nur anteilig gezahlt worden war. Aber das ließ sich der sicherlich schon mehrfache Millionär nicht nehmen. Marianne konnte nur darüber lachen und zahlte gerne. Denn wo er Recht hatte, hatte er Recht. Das Geld stand ihm zu.


Besagter Künstler, den die Kollegin parodierte, tourt in einem bemerkenswerten Alter immer noch erfolgreich durch die Welt, und er singt immer noch den Hit von damals. Marianne muss heute noch schmunzeln, wenn sie mal wieder von ihm hört.


Dr. Julius Schmitt-Habauf starb mit Anfang Sechzig nach kurzer schwerer Krankheit.





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