Wir stehen am Ufer des großen Flusses und versuchen, die Namen der vorbeiziehenden Schiffe zu lesen. Manchmal können wir auch den in kleineren Lettern geschriebenen Heimathafen erkennen und unser Wissen testen, zu welchem Land dieser Hafen gehört. Die Flagge, sofern sie aufgezogen ist, hilft uns eventuell weiter. Sind wir mit unserem Latein am Ende, schlagen wir Zuhause in Knaurs Lexikon nach.
Sonntags fahren wir in den Wald. Ich sitze auf einem kleinen Sattel an der Lenkstange von Mutters Fahrrad. Meistens halten wir an der alten Wassermühle, wo wir die mitgebrachten Brote auspacken und dem plätschernden Wasser zuschauen. Der Vater ritzt unsere Namen in Baumrinden, und wenn wir im nächsten Jahr wiederkommen, sind die Buchstaben schon ein wenig mitgewachsen. Er zeigt mir große Ameisenhaufen, kann es nicht lassen, darin herumzustochern, und freut sich diebisch über das einsetzende Gewusel der Tierchen.
Im Sommer bringt er mir die ersten Kirschen aus dem Dorf mit, in einem niedlichen Henkelkörbchen, wie Kinder sie zum Blumenstreuen bei Hochzeiten verwenden. Er hängt mir Zwillingskirschen über die Ohren. Die leicht abstehenden Ohren habe ich von ihm.
Zu seltene unbeschwerte Momente. Liebend gern würde ich mich an mehr erinnern. Aber da ist zu viel von diesem Anderen, diesen Auswüchsen seines unberechenbaren Wesens, das alles überlagert. Jahrelang habe ich ihn wirklich verabscheut. Erst bei meinem letzten Besuch, als er durch eine unheilbare Krankheit bereits schwer gezeichnet war, konnten wir Frieden miteinander schließen. Wenigstens das ist uns zum Schluss noch gelungen.