Kapitel 12 – Das Zeitalter der aufgeschobenen Entscheidungen

Parabelstück zum Thema Zeitreise

von  Saira

Es gibt eine Frage, die fast jedes Schuljahr gestellt wird.

Manchmal schon in der ersten Stunde. Manchmal erst ganz am Ende.

Sie lautet immer gleich.

„Wenn die Menschen damals wussten, was geschehen würde – warum haben sie nicht früher gehandelt?“

Die Lehrkräfte antworten darauf selten sofort.

Sie bitten die Klasse, das Kapitel zunächst zu Ende zu lesen.

Denn diese Frage hat keine einzelne Antwort. Sie besteht aus vielen kleinen Antworten. Und fast alle beginnen mit demselben Wort.

Morgen.

Die Menschen des frühen 21. Jahrhunderts waren gut informiert. Sie kannten die Berichte der Wissenschaft. Sie beobachteten schmelzende Gletscher, steigende Temperaturen und immer häufigere Wetterextreme. Sie wussten, dass Kohle, Öl und Gas die Atmosphäre veränderten. Sie wussten auch, dass sich diese Entwicklung aufhalten ließ – zumindest zum Teil.

Es fehlte nicht an Wissen.

Es fehlte auch nicht an Ideen.

Windparks entstanden. Solaranlagen bedeckten Dächer, auf denen vorher nur Regen gefallen war. Forschende entwickelten Batterien, neue Antriebe und Verfahren, die Jahrzehnte zuvor noch als Zukunftsmusik gegolten hätten.

Gleichzeitig wurden neue Öl- und Gasfelder erschlossen.

Nicht, weil niemand die Folgen kannte.

Sondern weil man hoffte, beides zugleich haben zu können: Veränderung und Gewohnheit.

Rückblickend wirkt dieser Gedanke erstaunlich menschlich.

Die Protokolle jener Zeit lesen sich heute manchmal wie Gespräche mit einem Wecker.

Immer wieder ist dort von Dringlichkeit die Rede.

Immer wieder wird beschlossen, bald zu handeln.

Das Wort „bald“ gehörte damals zu den beliebtesten politischen Zeitangaben.

Es klang näher als „später“ und war doch weit genug entfernt, um niemanden allzu sehr zu beunruhigen.

Dabei geschah durchaus etwas.

Städte wurden grüner.

Immer mehr Menschen stiegen auf Bus und Bahn um oder kauften ein Elektroauto. Unternehmen entwickelten klimafreundlichere Technologien. Wälder wurden aufgeforstet, Moore renaturiert, Häuser besser gedämmt.

Doch der Wandel blieb langsamer als die Erwärmung.

Die Erde wartete nicht darauf, dass Mehrheiten gefunden wurden.

Sie reagierte.

Nicht aus Zorn.

Sondern nach den Gesetzen der Physik.

Als die Sommer heißer wurden, sprach man zunächst von Ausnahmen.

Als Dürren häufiger auftraten, sprach man von schwierigen Jahren.

Als Überschwemmungen ganze Landstriche veränderten, sprach man von Jahrhundertereignissen.

Die Jahrhunderte wurden auffallend kurz.

Erst allmählich begriff man, dass die Natur keine Pressekonferenzen verfolgt.

Sie liest keine Wahlprogramme.

Sie kennt keine Kompromisse.

Sie antwortet ausschließlich auf das, was geschieht.

Nicht auf das, was angekündigt wird.

Heute gilt als gesichert, dass ein früherer Umbau der Energieversorgung, der Industrie, des Verkehrs und der Landwirtschaft viele spätere Schäden begrenzt hätte.

Nicht alle.

Aber genug, um Geschichte anders zu schreiben.

Am Ende dieses Kapitels steht dieselbe Frage wie seit vielen Jahren.

Warum handelte die Menschheit nicht früher?

Die Schülerinnen und Schüler schreiben unterschiedliche Antworten.

Manche nennen wirtschaftliche Interessen.

Andere sprechen von Angst vor Veränderungen.

Wieder andere von politischer Kurzsichtigkeit.

Alle Antworten sind richtig.

Und doch fehlt ihnen etwas.

Vielleicht, weil die eigentliche Antwort nicht in der Politik lag.

Sondern in einer Eigenschaft, die den Menschen seit Jahrtausenden begleitet.

Sie glaubten, dass es immer noch ein Morgen geben würde.

Und sie hatten recht.

Nur nicht mehr das Morgen, das sie sich vorgestellt hatten.



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