Der Mensch hinter Verlo

Text

von  Verlo

Eigentlich wollte ich über meine erste große Liebe, die Riesenschnauzer-Hündin, mit der ich aufgewachsen bin und die meine Großmutter am vorletzten Tag des Teils meiner Schulferien, den ich wieder einmal in Crimmitschau verbrachte, nachdem meine Mutter Jahre zuvor nach Berlin gezogen war und ich zwangsumgesiedelt wurde, hat töten lassen, schreiben, aber während ich das Roggenvollkorn-Brot mit Nüssen, das ich heute so zum ersten Mal gebacken habe, anschnitt – das übrigens abkühlte, als ich drei Stunden mit dem Motorrad bei teilweise Regen unterwegs war, um Motorenöl für Motorräder zu kaufen, damit meinem Motorrad vor meinem 67. Geburtstag nach 20 000 Kilometern endlich nicht mehr Motorenöl für Autos, sondern für Motorräder einfüllt sein würde –, fragte eine Stimme in mir: Wer ist eigentlich der Mensch hinter Verlo?

Das ist auch der, der diesen Satz geschrieben hat, weil er nicht gern über sich spricht. (Er hoffte, dieser verzwickte Satz würde Leser abschrecken.)

Die Frage, wie er sich heute fühlt, die der Psychiater vor jeder Sitzung der Gruppentherapie kurz beantwortet haben wollte, konnte er nicht kurz beantworten, außer mit "normal".

Die richtige Antwort wäre gewesen: Wenn du Versager mich heute noch einmal so ärgerst wie die letzten Sitzungen, werde ich dich quälen.

Aber dazu ist es nie gekommen. Der Psychiater tat mir leid. Die Zeit des Erstgespräches, in dem geklärt werden sollte, ob die Krankenkasse meine Psychotherapie bezahlt, nutzte er zum großen Teil für sich selbst, nachdem ich den Grund für eine Therapie von "Kann nicht mehr zur Universität gehen", worauf er antwortete, wird nicht von der Krankenkasse übernommen, präzisiert hatte zu: "Immer, wenn ich daran denke, wieder an die Universität zu gehen, ruft aus dem Hof hinterm Haus eine Stimme, ich soll ganz schnell zu ihr kommen, aber ich wohne im Dachgeschoß (ehemals Mädchenkammern) eines Jugendstil-Hause mit drei hohen Etagenwohnungen und muß auf den Steinboden springen, wenn ich schnell genug sein will, um die wichtigen Informationen zu bekommen."

Der Psychiater machte daraus in Gedanken, er sprach es nicht aus, was es ist: akute Selbstmordgefahr, und schloß meinen Teil des Erstgespräches mit "das bezahlt die Kasse", und erzählte den Rest der Sitzung aus seinem Leben, als hätte er Wochen mit keinem Menschen gesprochen. 

Vielleicht war das ein Zeichen, wie die Therapie ablaufen würde. Jedenfalls hat sie mir nicht nur nicht geholfen, ich fühlte mich nach ihr schlechter als zuvor.

Das Problem habe ich dann allein gelöst.

Was blieb mir auch anders übrig.

Sicherlich war das ein Zeichen: der Psychiater hat gespürt, was ich damals nicht erkannte, vielleicht auch geschlußfolgert aus dem, was der Psychotherapeut (spezialisiert auf Tiefenanalyse nach Freud, wobei er Freud wie aus dem Gesicht geschnitten war, auch ähnlich in der kleinen Körpergröße), der die Therapie abbrach, weil er sich überflüssig fühlte, trotzdem immer wieder sagte, erzählen Sie, was Ihnen einfällt, aber scheinbar immer frustrierter wurde, und mich zu seinem Chef überwies, der gerade noch einen Platz in der Gruppentherapie besetzten mußte, damit sie beginnen konnte.

Beide spürten, erkannten durch ihre Erfahrung den Menschen hinter Verlo, der damals für mich unsichtbar war, nicht zu fassen, irgendwo tief in mir sich versteckt hatte, um zu überleben.

Nicht gefaßt und getötet zu werden von Typen wie Psychiater und Psychotherapeuten, die durch mich ihre Unzulänglichkeit sahen wie eine dumme häßliche Fratze beim verschlafenen Blick in den Spiegel. 

Vermutlich auch damals beim Erstgespräch beim Psychiater war schon klar, nur ich wußte es nicht, daß ich mein Psychologie-Studium nie beenden würde.

Dabei sah ich deutlich vor mir: eine eigene Praxis, genug Geld für ein kleines Flugzeug, mit dem ich mehrmals im Jahr kleine Flughäfen in Norwegen anflog, um mich übers lange Wochenende zu erholen.

Aber in Deutschland hätte sich der Mensch hinter Verlo immer verstecken müssen. 

Wäre ich noch in Deutschland, hätte ich diesen Text nie geschrieben.

Selbstanzeige kann tödlich enden, wenn Möchtegern an der Macht sind.




Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online: