Der Mensch hinter Verlo (Teil 2)
Text
von Verlo
Ich, Verlo, weiß, was ich im Teil 1 geschrieben habe, aber, befürchte ich, der Leser hat Andeutungen bekommen, die alles und nichts sagen.
Denke ich darüber nach, wo der Mensch hinter Verlo deutlich wird, fällt mir ein Besuch beim Arbeitsamt ein.
Ich betrat einen Raum mit mehren Tischen. Eine Frau lächelte mich an. Ihr fehlte ein Schneidezahn. Ich setzte auf den Stuhl vor ihrem Tisch und sagte: Ich bin arbeitslos geworden.
Das sind fast alle, die zu uns kommen, sagte sich, den Kopf zu ihren Kolleginnen dreht, und lachte. Die Kolleginnen lachten auch.
Bei ihr bin ich richtig, dachte ich.
Da müssen wir Ihre Daten erfassen, sagte sie.
Ich war schon einmal arbeitslos. Sie haben meine Daten.
Wann war das?
1991.
Sie krümmte sich vor lachen: Diese Daten gibt es nicht mehr! Datenschutz!
Ihre Kolleginnen lachte auch wieder, krümmten sich aber nicht.
Als mir ein Eckzahn fehlte, es war ein Milchzahn, der Jahrzehnte zu spät ausgefallen war, der Erwachsenenzahn steckte noch im Kiefer, lachte ich nicht mir einem so großen Mund. Gut, dachte ich, dann bin ich der doofe Arbeiter und bringe die Sachbearbeiterinnen zum Lachen.
Ich hatte verstanden, wenn ich nicht nach Norwegen gehe, um dort zu arbeiten und zu leben, werde ich nie mehr nach Norwegen kommen. Norwegen suchte Busfahrer. Das Amt sollte mir den Busschein bezahlen, mich zum Sprachkurs schicken und Verbindung zu Arbeitsvermittlern von Zeitarbeitern in Norwegen aufnehmen.
Also wurde ich zu dem, der dem deutschen Staat zwanzig Jahre bis zur Rente auf der Tasche liegt, weil er zu blöd für alles ist, außer für einen blöden Busfahrer, aber nicht in Deutschland, sondern nur im kalten und dunklen Norwegen.
Ich erinnere nicht mehr den ganzen Vorgang der Datenerfassung. Einen weiteren großen Lacher erzeugte ihre Frage, ob ich einem Ehrenamt nachging.
Ich starrte sie mit großen Augen an. Ehrenamt? Zog die Stirn hoch (überlegte angestrengt). Ach so, wenn man einen Orden für was bekommt.
Die Frau hat sich wohl direkt in mich verliebt, so laut und lange hat sie gelacht. Ihre Kolleginnen waren sichtlich erheitert. Ich nahm das ungerührt zur Kenntnis. So wäre es vollkommen normal, daß man über mich lacht, wenn ich eine meiner Erkenntnisse offenbare.
Nach kurzer Zeit erhielt den Bescheid: Arbeitslosengeld war zu niedrig, man ergänzte es durch Hartz 4 und schickte mich zum 1-Euro-Job in eine christliche Einrichtung für betreutes Wohnen für geistig und körperlich Behinderte. Obwohl ich nicht die geringste Qualifikation hatte, wollte man mit ihr Fachkräfte einsparen.
Die dortigen Zustände hätte ich nie geglaubt, wenn ich sie nicht erlebt hätte.
Als eine Fachkraft als Vertretung einen Bewohner, der sich kaum bewegen und sprechen konnte, eine Falle stellte (er hatte Hunger, sie sagte, wir essen gleich, du mußt warten, und legte eine Stulle in seine Reichweite) und dann schikanierte, wäre ich der Frau fast an die Gurgel gesprungen. Diese Schlampe hätte ich töten können.
Die Oberschwester bot man mir an, über alles zu schreiben, man würde morgen darüber sprechen und eine Lösung finden. Am nächsten Tag hat man ich entlassen. Und mir aufgetragen, daß Internes die Einrichtung nicht verlassen dürfe.
Jahre später kann ich noch nicht fassen, wie man mit mir umgegangen war: ich arbeitete Vollzeit, dann wurden wir Ossis befreit, und uns die Arbeit weggenommen. Ich war gesund, konnte arbeiten, war qualifiziert, aber es gab keine Arbeit. Trotzdem tat man so, als wäre ich das Problem.
Im Westen hat man gewußt, was dieser Anschluß für den Osten bedeutet.
Detlev Rohwedder, vom Ministerrat der DDR zum Vorsitzenden der Treuhandanstalt bestimmt und um einen verträglichen Übergang bemüht, wurde von der linken RAF getötet. Angeblich.
Verlo könnte sich immer noch aufregen, als wäre alles erst gestern passiert.
Der Mensch hinter Velo hat aus Krise eine Chance gemacht, aus der Niederlage einen Sieg.
Leider habe ich Mensch Deutschland nicht bereits verlassen, als ich mich 1993 in Norwegen verliebt hatte.
Ich war überzeugt, der Golden Westen kommt in den Osten. Aber es ist der Graue Osten in den Westen gegangen.
Das war bereits 2009, als ich Deutschland dann endlich verlassen hatte, sichtbar, hat man genau hingesehen. Heute, 2026, will man es im Westen noch nicht wahrhaben, verschließt Augen und Ohren, wenn große Betriebe Tausende Arbeiter entlassen, Traditionsfirmen schließen, Technologieträger abwandern, ostdeutsche Standorte durch Rüstungsproduktion gerettet werden.
Der Kanzler will Rußland endlich eine strategische Niederlage bereiten.
Denke ich an Deutschland in der Nacht, bin um den Schlaf gebracht.
Nein, nicht ich, der Mensch hinter Verlo. Vielleicht sollte ich selbst ... meinen Pressesprecher beauftragen ..., nein, nicht Verlo, Verlo muß jetzt ins Bett, das ist alles zu viel für den Guten.
Die Gelegenheit ist gut. Die anderen schlafen. Verlo hat genug und seilt sich ab.
Jetzt könnte ich, der den Überblick behält, immer behalten hat, der Organisator dieses Saftladens voller Chaoten und Verrückter, jetzt könnte ich das Geheimnis meines Erfolges verraten.
Nimm deine leisen Stimmen ernst und sein lieb zu ihnen.
Punkt.