Ausbildung nicht bestanden
Text
von Verlo
Mein Kommentar zu niemands Text "Ex & Hopp" (https://keinverlag.de/510691.text) ließ bei der Autorin Erinnerungen an die Ausbildung aufkochen, obwohl diese rund 60 Jahre her sind.
Daß niemand ihre Ausbildung erinnerte, weckte eine Erinnerung an meine Lehre auf.
Ich war Offiziersbewerber und sollte ein Kurz-Abo ab 1. Juni an der Offiziershochschule beginnen, um ab 1. September mit dem Studium beginnen zu dürfen. Dazu mußte ich die Lehre eher beenden.
Der Lehrobermeister betreute meine Abschlußarbeit persönlich. Mehrmals legte ich ihm vor, was ich bereits geschrieben hatte.
Ich gab die Abschlußarbeit pünktlich ab und sah meine Lehre als abgeschlossen an.
Der Lehrobermeister bestellt mich zu sich und sagte: Abschlußarbeit Note fünf, damit ist die Lehre nicht abgeschlossen.
Ich war irritiert. Ich hatte am Text nichts verändert, allerdings war die Zeichnung nicht mit Bleistift, sondern mit Kugelschreiber angefertigt.
Ich sagte: Sie haben den Text mehrmals angesehen und nie gesagt, etwas sei falsch.
Er sagte: Sie haben keine technische Abschlußarbeit geschrieben, sondern eine literarische.
Ja, meine Wortwahl beim Beschreiben der Funktion der Kraftstoffanlage war nicht geprägt vom vielen Lesen technischer Artikel, sondern durch meine Leidenschaft für philosophische Themen.
Statt den Kraftstoff einfach von der Kraftstoffpumpe aus dem Tank ansaugen und zur Einspritzpumpe pumpen zu lassen, erweckte ich die Kraftstoffpumpe zum Leben, hatte Verständnis für ihre schwere Arbeit, machte mir Sorgen, wenn sie zu vielen Stunden am Tag arbeitete. Kraftstoff strömte nicht einfach so, sondern drängte sich durch die Leitungen, passierte Biegungen, wird im Filter, der wieder einmal gereinigt werden müßte, stranguliert, erreicht aber doch noch rechtzeitig die Einspritzpumpe, aber da ist eine Einspritzdüse versüfft, der Motor läuft nicht rund, drei Zylinder müssen die Arbeit für den vierten übernehmen, was ist wenn es dem Motor zu anstrengend wird und er eine Pause einlegt, was werden die Kunden sagen, die auf ihre Wäsche warten, was der wird der Genosse General Sekretär sagen, wenn er an einem Tisch mit dreckiger Tischdecke essen muß, weil eine Einspritzdüse die Arbeit des Kollektivs bremste ...
Er sagte: ist die Abschlußarbeit nicht bestanden, ist die Lehre nicht bestanden.
Genosse Lehrobermeister, wenn ich am 1. Juni nicht in Löbau bin, kann ich den Sozialismus nicht mit der Waffe verteidigen.
Ich kann leider nichts für Sie tun.
Gut, ich wollte zwar für den Sozialismus mit der Waffe kämpfen, aber gern tue ich das auch mit dem Schraubenschlüssel, hier im Betrieb, so lange, bis ich die Lehre bestanden habe.
Er spürte, daß ich es ernst meine. Das überraschte ihn. Er schien erwartet zu haben, daß ich bitte, ihn anflehe, vielleicht mit der Partei drohe, aber ich akzeptierte.
Er sagte: wir machen eine Ausnahme, Sie haben die Lehre bestanden und können sie vorzeitig beenden.
Später dachte ich, unvorstellbar, daß er sich gegen Partei und Armee stellt, die mich als Offiziersschüler eingeplant hatte.
War das seine Art von Protest gegen den sozialistischen Staat? Oder wollte er es mir noch einmal richtig zeigen?
Wirklich ernstgenommen habe ich weder ihn noch den Lehrmeister, der wegen Alkohol am Streuer, ordentliche Menge, nicht nur ein Feierabendbierchen, seine Fahrerlaubnis abgeben mußte. Das Vorbild aller Kfz-Schlosser-Lehrlinge hat neben einer Polizeiauto an der Ampel gehalten und im Suff gesagt: "Kollegen, euer Bremslicht geht nicht".
Der Lehrobermeister war der Chef aller Lehrmeister und einem Mann untergeordnet, der für Jugendarbeit verantwortlich war. Der kümmerte sich auch um die Offiziersbewerber.
Das war ein anderes Kaliber. Kein Möchtegern wie Lehrobermeister und Lehrmeister. Und hatte an mir nichts auszusetzen. Er hat mir sogar einmal die Adresse einer jungen Frau, Lehrling in der Wäscherei, in die ich verliebt, gegeben.
REWATX war eine sehr große Wäscherei in Berlin-Spindlersfeld, die bereits 1832 von Wilhelm Spindler gegründet wurde, hatte viele Autos, deswegen eine eigene Kfz-Werkstatt.
Das Erlebnis hat in mir keine Spuren hinterlassen. Ich empfand es auch damals nicht als schlimm.
Hätte man mich nicht als Offiziersschüler genommen, weil ich die Lehre nicht bestanden oder nur mit "genügend" bestanden hatte, wäre keine Welt für mich untergegangen. Im Grunde wollte ich nicht wirklich Offizier werden, bin auch nicht der Typ dafür, aber ich wollte von zu Hause weg. Außerdem wollte mein Stiefvater so gern, daß ich Offizier werden und er stolz auf mich sein kann.
Hätte man im Osten als Volljähriger ganz normal eine Wohnung bekommen, wäre ich wohl einfach zu Hause ausgezogen. So hoffte ich, daß ich als Offizier eine Wohnung bekomme.
Immer wieder überraschend, wie viel Widerstand es in der DDR gegen den Staat und seine Organe gab, ausgelebt an einzelnen. Im Westen stellt man sich wohl vor, daß alle gekuscht haben, weil sie Angst hatten, in den Stasi-Knast zu kommen.
Nicht nur Lehrobermeister und sein Gehilfe haben mir das Leben schwer gemacht, sondern auch Lehrer in der Berufsschule, die wußten, daß Offiziersanwärter war, aber auch schon davor, weil meine Mutter in der SED war und sie dem Klassenfeind kämpferisch gegenübertrat.
Das änderte sich, als ich in eine Schule in einem Neubauviertel versetzt wurde, in dem unter anderem Egon Krenz wohnte, als er noch Chef der FDJ war, und die sein Sohn besuchte.
In dieser Schule waren viele junge Lehrer, und die meisten waren in der Partei.
Das Klima an dieser Schule unterschied sich wie Tag und Nacht von den anderen Schulen, an der es Sadisten gab, die Freunde am Quälen von Schülern hatten. Vermutlich besonders, wenn sie wußte, daß die Mütter oder Väter von Schülern für die Sache waren, also in der Partei engagiert.
Als wenn ich als Zehnjähriger etwas dafür konnte, daß meine Mutter in der SED war.
In der alten Schule wäre ich zum Assi geworden, hätte vielleicht irgendwann einen sadistischen Lehrer abgestochen.
In der neuen Schule schätze die meisten Lehrer mich. Dort gab es auch keine Sadisten.
Vielleicht haben die Kleingeister auch erkannt, daß ich anders bin und mich deshalb bekämpft.
Aber auch dafür kann ich nichts. Was ich bin, habe ich von meiner sehr intelligenten Mutter und von meinem begabten, intelligenten Vater.
Aber genug geplaudert.
Vorhin hat mich eine junge Frau aus dem Schlaf geklopft und mich gebeten ...
Außerdem habe ich am Nachmittag einen großen Mann auf einem großen Motorrad getroffen. Diese spannende Geschichte kann ich erzählen ... aufschreiben: "Zwei Männer treffen sich".