Wer wartet, verliert Zeit

Text

von  Verlo

Nicht nur einmal habe ich versucht von meiner Mutter zu erfahren, was passiert ist. Mit meinem Vater. Mit mir.

Nicht nur einmal habe ich gehofft, daß meine Mutter mich freigibt, ihree Fänge öffnet und mich mich sein läßt. 


Am meisten hat mich die Reaktion meiner Mutter und meines Stiefvater, der im Grunde zu meinem Vater geworden war, weil ich meinen nie kennenlernte, niedergeschlagen, als ich nicht mehr Offizier der NVA war.

Vermutlich hat meine Mutter für ihren lieben Ehemann gesprochen, der sehr gern Kariere bei den schützenden Organen gemacht hätte.

Nicht, um uns alle zu schützen, sondern um eine so gewichtige Stimme zu sein, daß ein Blick reicht, um Menschen etwas machen zu lassen, was sie nicht wollen.

Daß der Gedanke an ihn reicht, um Menschen etwas machen zu lassen, was sie nicht wollen.

Als ich Reifen für meinen Trabant brauchte, sagte mein Stiefvater, geh mal dort hin und sage, daß du von mir kommst.

Dort wollte man mir runderneuerte Reifen verkaufen. Also alte Reifen, auf denen eine Schicht Gummi aufgetragen worden ist. Ich sagte, ich möchte neue. Dort sagte man, runderneuert sind ebenso gut. Ich sagte, ich möchte neue. Das Gesicht dort sprach Bände: er wollte nicht, aber er wußte, ihm war klar, wenn ich nicht die Reifen bekommen, die ich möchte, braucht er beim Herren im Kfz-Zubehör nicht mehr höfflichst nachzufragen.

Tragisch war: nicht lange später borgte ich einem Kameraden mein Auto, und der hatte kurz vor dem Ziel (Rückgabe an mich) einen Unfall, bei dem beide Vorderreifen zerstört wurden.

Na ja, das gesamte Vorderteil des Autos war zerstört. Die Reparatur sollte ich selbst bezahlen, immerhin war es ja mein Auto.

Noch tragischer: einige Zeit später hatte ich einen Unfall – danach ließ sich das Fahrzeug nicht mehr reparieren.


Daß ich nicht mehr in der Partei war, schien meine Mutter nicht zu stören. Aber lange mußte ich mir anhören, wie gut ich es gehabt hätte, wenn ich Offizier geblieben wäre.

Im Grunde war ich ein Ausgestossener: raus aus der Partei, vom Leutnant zum Soldaten degradiert, kalte Schulter von den Eltern, eine ungewisse Zukunft.

Ob es schlimmer war als heute sanktioniert zu sein? Nein. Mein Konto wurde nicht gesperrt. Ich durfte arbeiten, nur nicht überall, was verständlich ist: der Staat vertraute mir zurecht nicht mehr.

Damals konnte sich allerdings niemand vorstellen, daß das freie und demokratische Deutschland jemand, der Reden des russischen Präsidenten ins Deutsche übersetzt, schlimmer bestraft als jemand, der in der deutschen Diktatur des Proletariats aus der führenden Partei ausgeschlossen und aus einem bewaffneten Organ rausgeschmissen wurde, weil er mit dem Klassenfeind zusammengearbeitet hat.


Es hat Jahre gedauert, bis sich das Verhältnis zwischen meiner Mutter und ihrem lieben Ehemann und mir normalisiert hat.

Geworden, wie ich es mir wünscht habe, wie es für (m)eine gesunde Entwicklung nötig gewesen wäre, ist es nie geworden.

Sie erwarteten, daß ich lieb bin, daß ich mache, was ihnen gefällt.

Als wäre sie nicht in der Lage, ein glückliches Leben zu leben und reichen diese für sie zu schwere Aufgabe weiter.


Wir lieben dich nur, wenn du machst, was wir wollen. – Diese Liebe wird man nie bekommen.


Ein Freundin sagte einmal: Wenn du wie Woody Allen schreiben würdest, könnte ich dich lieben.


Eine andere Freundin hat sich von mir getrennt, weil ich nicht in den Westen wollte. 

Ihr nächster Partner wurde ihr erster (und einziger) Ehemann, damit er im Westen Familienzusammenführung beantragen kann, nachdem er über Polen die DDR verlassen hat.

Als die Familie zusammen in West-Berlin lebte, hat sie sich scheiden lassen und ihren Geburtsnamen wieder angenommen.


Ich glaube, ich war bereits über 40 Jahre alt, als ich nicht mehr die Wünsche meiner Mutter und ihres lieben Ehemanns zu erfüllen anstrebte, damit sie mich endlich lieben.

Weitere Jahre hat es gedauert, bis ich auch dort gut sein konnte, obwohl ihnen das nicht gefällt.

Das Thema ist für mich noch nicht wirklich greifbar. Es hört sich alles nicht so schlimm an, war es aber für mich: um ich werden zu können, um ich sein zu können, mußte ich etwas tun, was meiner Mutter und ihren lieben Ehemann nicht gefällt.

Es gab und gibt keine Familie. Es gibt sie, und es gibt mich.

Gleichzeitig sind Teile von ihnen auch in mir. Es ist schwierig, die guten zu behalten, die schlechten unwirksam zu machen. Einfach unbeachtet lassen, geht nicht. Sie haben eine Funktion, die erfüllt werden muß, damit sie inaktiv werden.


Es ist einfacher, sich selbst zu geben, was wichtig ist, was nötig ist, als darauf zu warten, daß man es von anderen bekommt.

Wenn jemand einen lieben möchte, stellt er nicht jahrelang, jahrzehntelang Bindungen, schon gar nicht welchen, für die man seine Persönlichkeit verbiegen muß.


Erfahren habe ich auch: wie sehr auch immer ein anderen einen liebt und achtet, kann es nicht die Liebe und Achtung ersetzen, die man sich nur selbst geben kann.



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Kommentare zu diesem Text


 Aber (15.07.26, 19:27)
Grab im Garten eine Grube und wirf die dunklen Tage hinein, Verlo.

Life is too short to have sorrow.

 Verlo meinte dazu am 15.07.26 um 19:49:
Aber, ich habe den Text erweitert, ohne zu wissen, daß du kommentiert hast.

Leider funktioniert es nicht, einfach eine Grube zu gaben und ...

Selbst böse Seelenteile, die auf meinen Stiefvater zurückgehen, kann ich nicht einfach töten. 

Auch sie haben eine Aufgabe, und diese muß erfüllt werden.

Ist sie erfüllt, verlieren sie ihre Kraft.

Kämpfe ich gegen sie, werden sie starker.

Das wird in Sagen thematisiert. Das hat also schon viele Menschen vor mir beschäftigt.

 Aber antwortete darauf am 15.07.26 um 19:53:
Zieh den Schlussstrich, Du bist stark genug dazu.

 Verlo schrieb daraufhin am 15.07.26 um 20:17:
Aber hat geschrieben:
Schlussstrich
Mir tut solche Schreibung weh. Angemerkt und abgehakt.

#

Aber, das was ich jetzt bin, bin ich nicht geworden, weil ich Schlußstriche gezogen habe.

Eine Lösung, bei der man stark sein muß, damit sie funktioniert und von Dauer ist, ist keine Lösung, sondern ein Kampf gegen sich selbst, den man nur verlieren kann.

Beispiel: der Kampf gegen den Alkohol – niemand kann den gewinnen, der Alkohol ist zu stark.

Nur wenn man dem Alkohol gibt, weswegen der gekommen ist, seine Aufgabe erfüllt ist, geht er.

Da könnte ich über eine Ex-Frau schreiben, die ich viele, viele, viele Jahre vermißt habe, weil sie mir etwas gab, was ich mir nicht geben konnte.

Ich hätte mich gern wieder von ihr quälen lassen, damit ich wieder bekommen, was nur sie mir geben konnte.

Ich hätte mich von ihr quälen lassen müssen, in der Hoffnung, daß sie in ihrer Gnade mir wieder zumindest hin und wieder gibt, was ich mir nicht selbst geben kann.

Verständlich, daß ich ihr ausgeliefert war.

Sie hat das Spiel nur mitgemacht, so lange sie mich brauchte.

Danach hat sich mich entsorgt und den nächsten für sich wirken lassen.

 Moppel äußerte darauf am 15.07.26 um 20:19:
Aaron hat recht!

 Verlo ergänzte dazu am 15.07.26 um 20:36:
Aus deiner Sicht, sicherlich, Moppel.

Aber ich glaube, nicht aus seiner Sicht.

 Moppel (15.07.26, 20:18)
Verlo, ein Text, der mich packt. Weil ich die Geschichte von meinem Mann kenne. In Fakten eine ganz andere, aber im Grundsatz: Du wirst nzur geliebt, wenn  du tust, was andere von dir wollen, dieselbe.
Es ist schwer gegen Prägungen anzugehen. Ich weiß es.
Mein Mann hat Jahre gebraucht, zig Gespräche haben wir gefüührt, bis er sich von seiner Familie und deren Dominanz befreien konnte.

Bis er lernte, dass echte Liebe nur die ist, die den anderen so nimmt wie er ist und ihm die Freiheit gibt, so zu sein wie er will.
Danach hat er es genossen...
Du musst dich lösen.
Auch mich hat diese Familie versucht zu dominieren. No way!
lG von M.

 Verlo meinte dazu am 15.07.26 um 20:35:
Moppel, ich mag keine Gewalt gegen mich, auch nicht meine eigene.

Davon abgesehen haben die anderen in der Familie (mein Bruder und mein Stiefvater) und ich so viel Kontakt, daß wir selbst ohne Glückwünsche zum Geburtstag auskommen.

Das eigentlich Problem sind die Seelenteile in mir, die ich von ihnen (einschließlich meiner schon viele Jahre nicht mehr lebenden Mutter) angelegt habe.

Es ist also keine Frage der räumlichen Distanz.

Auf der anderen Seite kann man auch in derselben Straße leben und trotzdem frei sein.
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