Fünf Jahre lang war Martha fort gewesen vom Aborigine-Reservat am Meer.
Die Ehe mit Bardon Alan, dem Enkel des Aborigine-Häuptlings, war nach zehn Jahren scheinbar gescheitert, Bardon verschwunden. In den Weiten der Wüste. Niemand wusste, wohin genau. Viele sagten damals, er sei tot.
Martha hatte sich schon in der Schule für die Aborigine-Kultur interessiert und sich bei der Feldforschung im Ethnologie-Studium für dieses Reservat entschieden.
Bardon und sie hatten sich auf den ersten Blick ineinander verliebt. Obwohl seine Mutter englischstämmig war, empfand er sich komplett als Aborigine. Wusste alles über deren Kultur und setzte sich auch politisch für die Rechte seines Volkes ein. Man sagte ihm besondere Fähigkeiten nach. Er könne mit den Ahnen reden, Grenzen zwischen Zeit und Raum überschreiten. Martha hatte das fasziniert. Ebenso wie seine männliche Erscheinung und sein stets sanftes Wesen. So führte sie ihr Studium in Cairns zu Ende und tauchte privat völlig in die geheimnisvolle Welt der Aborigines ein.
Bardons Verschwinden blieb ihr rätselhaft, aber manches in diesem Land war unerklärlich, mystisch und Martha wartete. Ein Jahr lang betete und hoffte sie, dass Bardon zurückkäme. Aber er blieb unauffindbar. Und Martha entschloss sich, mit ihrem Sohn Rod nach Deutschland zurückzugehen. Seit fünf Jahren lebte sie nun wieder dort, hatte sich ein Leben eingerichtet ohne den Mann, den sie liebte.
Es war an einem düsteren Novembertag. Nebel wallten um das Haus, als Martha wie eine Eingebung empfand. Ein Drängen, noch einmal nach Australien zurückzukehren. Ihre Eltern schüttelten verständnislos den Kopf, wollten aber den geliebten Enkel gerne für drei Wochen betreuen. Und Martha buchte den nächsten Flug. Gerade so, als würde es eilen.
Nun sitzt sie vor dem weißen Holzhaus, das Bardon für ihre kleine Familie gekauft hatte, und schaut aufs Meer. Die Abendsonne zieht goldene Streifen über die Schaumkronen. Eine drängende Frage stellt Martha an die Götter der Wogen: Weshalb bin ich wieder hergekommen? Was glaubte ich, hier zu finden? Doch das Meer hat keine Antwort für sie. Außer herzlichem Verwandtenbesuch und der Bitte, das nächste Mal doch den Sohn mitzubringen, war nichts Ungewöhnliches geschehen. Und morgen würde Martha nach Deutschland zurückfliegen.
Martha dreht sich um. Schaut auf das Holzhaus im englischen Kolonialstil. Lässt es auf sich wirken. Die Farbe des Holzes ist abgeblättert, die Terrasse teilweise morsch. Irgendjemand hatte die Fensterrahmen blau gestrichen, Bardon hätte das niemals getan. Er sagte immer: Blau ist kalt.
Der alte Schaukelstuhl wiegt sich im Wind. Nichts hat das Haus ihr zu sagen. Nichts. Ob ich es verkaufe? denkt Martha. Aber Bardon hätte es für Rod, seinen Sohn, behalten wollen. Es soll immer sein Zufluchtsort sein, hatte er gesagt. Und auch deiner, Martha. Doch das Haus schweigt. Verströmt Einsamkeit. Sonst nichts.
Enttäuscht und mental erschöpft legt Martha sich auf eine Strohmatte am Strand und schläft ein. Sie bemerkt nicht, dass die Nacht heranzieht. Der Schlaf trägt sie fort. Fort von sich selbst. Das Meer ist ruhiger geworden, als sänge es ein Wiegenlied. Malt ihr Bilder im Traum.
Plötzlich fühlt Martha eine Hand ihre Wange streicheln. Sie schlägt die Augen auf. Bardon kniet sich nieder. Gut sieht er aus, wie immer - betörend.
Marthas Hand gleitet über sein welliges, schwarzes Haar, sein schmal gewordenes Gesicht, über seine kräftigen Oberarme. Es war an der Zeit, zurückzukehren, flüstert Bardon sanft. Leidenschaft durchflutet Marthas Körper und sein Lächeln dringt tief in ihre Seele.
Als sie am Morgen erwacht, im Halbdunkel der aufgehenden Sonne, betastet Martha ihren Körper. Nichts deutet auf die Nacht hin, die sie erlebt hat und sie springt im Bikini in die erfrischenden Wogen. Und doch fühlt eine Frau, wenn ein Mann sie geliebt hat. Und so fühlt Martha. Was für ein Unsinn, ermahnt sie sich, während sie mit kräftigen Zügen die Wogen durchteilt.
Irgendwann nimmt sie ihre Badesachen, geht zum Haus zurück. Ein offenes Fenster klappt im Morgenwind und es scheint, als ob das Haus lächle. In diesem Land kann man doch verrückt werden, denkt Martha und macht sich eine deftige Pfanne Rührei mit Speck.
Viele Verwandte kommen am Nachmittag, sich zu verabschieden. Bringen Geschenke für Rod mit. Am Abend geht die Maschine von Cairns nach Sydney, von wo aus Martha in die große Quantas nach Frankfurt umsteigt.
Zehn Monate später bringt Martha eine Tochter zur Welt, die ihrem Sohn Rod verblüffend ähnelt. Sie fragt sich nicht, wie das sein kann und nennt sie Alinta Ellandra. Was auf Aborigine bedeutet „Flamme neben dem Meer.“
Jahrzehnte später lebt Alinta in dem weißen Holzhaus im englischen Kolonialstil und hat die Fenster grün gestrichen. Hat ihr Medizinstudium in Cairns abgeschlossen. Man sagt ihr besondere Fähigkeiten nach und sie praktiziert als Ärztin ebenso wie als schamanische Heilerin. Diese Gnade, eine schamanische Heilerin zu sein, so sagt die Überlieferung, wird von den Ahnen in jeder Generation nur einer einzigen Person verliehen, die bereits vor ihrer Geburt dazu auserwählt worden ist.
Manchmal erzählt Alinta Martha über Skype von Daddy. Dass sie ihn getroffen habe, dass er sich nach Martha sehne. Ein Mal nur fragt Martha: Lebt Bardon denn noch? Alinta antwortet zögernd: Nein. Schon lange vor meiner Geburt ging er in die Wüste, um zu sterben. Er hatte Krebs und wollte dir sein Leid ersparen. Er liebt dich sehr, Mummy.
Martha schweigt und denkt lächelnd an die eine mystische Nacht am Meer.