Besuch in einer Bibliotek(8B)

Erzählung

von  Imitologiker


Besuch in der Bibliotek(8B)

– Ein neuer Fund

„Sieh mal, dort schaut ein Zettel heraus.“

Es war ein Band der Hausmärchen der Brüder Grimm. Mehrere handgeschriebene Blätter, sorgsam zusammengefaltet, steckten zwischen den Seiten. Als ich das Buch aufschlug, fiel mir sofort eine Randnotiz ins Auge.

„Vorsicht! Hier sollen willige Untertanen ...“

Der Rest war unleserlich. Die Ausrufezeichen jedoch waren noch deutlich zu erkennen.

Auch der Titel des Märchens war mit Tinte heftig umrandet worden. Einige Tintenspritzer verdeckten einzelne Buchstaben. Zu lesen waren nur noch „Wolf“, „...lein“ und eine Sieben.

„Ja“, sagtest du, „das kenne ich noch von früher. Der Wolf und die sieben Geißlein. Ich wollte es als Kind jeden Abend hören.“

„...und bist du nun ein williges Werkzeug geworden?“, fragte ich schmunzelnd.

„Lass lieber sehen, was auf den Zetteln steht.“

Die Zeit hatte vieles verblassen lassen. An den Knickstellen fehlten ganze Satzteile. Immerhin war die Handschrift klar – weder Sütterlin noch schwer zu entzifferndes Altdeutsch.

„Was mag den Verfasser nur so aufgebracht haben“, fragte ich, „dass er die Überschrift mit solcher Wucht einkreiste, bis die Tinte auf die Buchstaben spritzte?“

Ich begann vorzulesen:

„... letzter Punkt. Selbst meine Tochter machte mich darauf aufmerksam, dass eine Ziege unmöglich einen „... einen solchen schikurgischen Eingriff – ich schreibe das Wort absichtlich so, wie meine Tochter es damals aussprach...“ ...unleserlich
Hier verlief die Tinte, der Rest war verloren.

Ich sah dich fragend an.

„Sie meint wahrscheinlich den Abschnitt, den die Brüder Grimm später eingefügt haben“, sagtest du. „Damit die Kinder beruhigt einschlafen können, wird der Mutter plötzlich eine fast unglaubliche chirurgische Fähigkeit zugeschrieben. Am Ende sind alle wieder vereint.“

Ich musste lächeln.

„Und danach sagte meine Mutter immer: ‚... und wenn sie nicht gestorben sind ...‘“

„... dann leben sie noch heute“, ergänzte ich.

Eine Weile schwiegen wir.

„Komisch“, sagtest du schließlich. „Warum sollte gerade das gefährlich sein? Das gehört doch fast zu jedem Märchen.“

Ich faltete den Zettel wieder sorgfältig zusammen.

„Heute werden wir das wohl nicht mehr herausfinden.“

Ich schob die Blätter zwischen die Seiten zurück.

„Morgen lesen wir weiter.“



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online: