Warmes Licht umgab uns. Schützend standen die Regale rechts und links. Im schräg einfallenden Licht tanzten feine Staubkörner. Wir hatten das Märchenbuch wiedergefunden. Behutsam öffnete ich die gefalteten Zettel. Die sorgfältige, fast kunstvolle Handschrift faszinierte mich. „Sieh mal, wie sauber und akkurat das geschrieben ist.“ Du strichst vorsichtig über das Papier. „Schade. Dieser Zettel hat wohl lange in der Sonne gelegen.“ „Vielleicht“, sagte ich, „war sich die Schreiberin unschlüssig, ob sie ihre Gedanken preisgeben sollte. Vielleicht hat sie sie deshalb immer wieder zur Seite gelegt.“ Ich reichte dir den Bogen. „Fühl einmal. Das Papier ist etwas Besonderes.“ „In solchen Fällen sprach mein Opa immer: ‚Von Bütten handgeschöpft.‘ Er sprach diese Worte mit einer solchen Ehrfurcht aus, dass ich mich nie traute nachzufragen. Später sollten wir es im Werkunterricht lernen. Doch unsere Lehrerin wurde krank, und wir hatten eine Stunde früher Schluss. Damals hätte ich meinen Opa gern damit beeindruckt.“
Du lächeltest. „Komm, lass mich endlich wissen, was die Mutter so aufgebracht hat.“
Ich las weiter: „Warum hat man den kleinen Geißkindlein eigentlich die Fluchtmöglichkeit durch die Tür versagt? Der Wolf kommt durch die Tür herein. Statt hinauszulaufen, kriechen die Geißlein unter den Augen des Wolfs unters Bett. Ein Bett steht gewöhnlich in einer Ecke. Dort sitzen sie in der Falle.“ Ich blickte auf. „Die Frau hat recht.“ Du dachtest kurz nach. „Märchen folgen einer eigenen Logik. Würden die Geißlein einfach hinauslaufen, gäbe es diese Geschichte nicht.“ „Das stimmt“, antwortete ich. „Aber die Mutter fragt gar nicht nach der Geschichte. Sie fragt nach den Kindern.“ Ich zeigte auf den letzten, deutlich erhaltenen Satz: „Ich frage deshalb die Kinder: Warum ist keines der Geißlein nach draußen gerannt und hat laut um Hilfe geschrien oder die Geschwister aufgefordert mitzulaufen?“ Die Schrift wurde zum Ende hin kräftiger. Du schütteltest lächelnd den Kopf. „Du hörst wieder einmal das Gras wachsen.“ „Mag sein“, sagte ich. „Aber die Mutter hat eine gute Frage gestellt.“ Du sahst mich an. „Du hast wirklich ein feines Gespür für Unzulänglichkeiten.“ Ich lachte. „Selbst wenn alle Köche eine Glatze haben, ich finde das Haar in der Suppe.“ Wir legten die Zettel sorgfältig zwischen die Seiten zurück. „Morgen?“, fragtest du. „Natürlich“, antwortete ich. „Vielleicht wartet dann schon der nächste Fund auf uns.“
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