Am Morgen des 23. August 2025 herrschte im Bezirksamt Berlin-Mitte der Ausnahmezustand. Nach jahrelangem juristischen Tauziehen hatte das Oberverwaltungsgericht mitten in der Nacht grünes Licht gegeben: Die Mohrenstraße musste augenblicklich umbenannt werden. Das Amt, bekannt für seine Liebe zu unumstößlichen Prinzipien und fehlerfreien bürokratischen Prozessen, schritt zur Tat. Mit feierlicher Miene enthüllte das Dezernat für diskriminierungsfreie Stadtgestaltung die neuen Schilder: Anton-Wilhelm-Amo-Straße.

Die Pressemitteilung war ein Meisterwerk der Verwaltungsprosa. Amo wurde darin als „das ultimative koloniale Opfer und Symbol des antikolonialen Widerstands“ gewürdigt. Die Referenten klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Der moralische Kompass des Bezirks stand perfekt auf Norden. Die Welt war gerettet, die Akte geschlossen.
Doch die bürokratische Idylle währte exakt drei Wochen.
Im September schepperte es im Gebälk des Rathauses. Ein Historiker namens Michael Zeuske hatte in den Archiven von Den Haag gestöbert und Dokumente ans Licht gezerrt, die den Berliner Verwaltungsapparat in Schockstarre versetzten. In feinstem Sütterlin und holländischer Amtssprache stand dort schwarz auf weiß: Der junge Amo war gar kein geraubtes Sklavenkind gewesen. Er war als First-Class-Passagier nach Europa gereist, eskortiert von einer bewaffneten Leibwache. Schlimmer noch: Seine Familie in Westafrika war steinreich geworden – durch den exzessiven Handel und Verkauf von Sklaven an die Europäer.
Im Bezirksamt Mitte brach das Chaos aus. Die Telefone liefen heiß.
„Herr Bezirksstadtrat!“, rief ein bleicher Sachbearbeiter durch den Flur. „Wir haben eine Straße zur Bekämpfung des Rassismus nach dem Spross einer Sklavenhändler-Dynastie benannt! Was sagt der Leitfaden für diesen Fall?“
Der Leitfaden schwieg.
Die politischen Fraktionen im Abgeordnetenhaus bauten sich augenblicklich hinter ihren Barrikaden auf.
Die Opposition forderte triumphierend die sofortige Rückbenennung: „Historische Blindheit! Bürokratischer Schildbürgerstreich!“
Die Initiatoren der Umbenennung hielten wütend dagegen: „Man darf Amo nicht für die Schandtaten seiner Familie in Sippenhaft nehmen! Außerdem hängt das Schild nun mal!“
Die SPD-Fraktion rechnete panisch die Kosten für ein erneutes Umschreiben der Personalausweise durch und plädierte für „pragmatisches Aussitzen“.
Am Ende siegte die bewährte Berliner Verwaltungskunst: Die Schilder blieben hängen, aber das Amt erließ eine Ergänzende Anordnung zur Kontextualisierung der Anordnung. Unter jedem Straßenschild wurde ein kleiner, behördlicher Beipackzettel angebracht. Wer heute die Straße entlangläuft und wissen will, wer Amo war, muss nun dreimal um das Schild herumgehen, um das kleingedruckte historische Dilemma komplett zu erfassen.
Ergänzender Anhang:
Das süße Erbe von Mitte oder Wie der Mohr zum Magier wurde
Als die Beamten im Bezirksamt Mitte die Akten der alten Mohrenstraße endgültig ins Archiv sperrten, stießen sie auf eine historische Ironie, die das satirische Drama dieser Straße perfekt abrundete. Denn exakt in dieser Straße, in der Hausnummer 10, lag der Geburtsort einer der langlebigsten Werbefiguren Deutschlands.

Im Jahr 1918 hatte die dort ansässige Schokoladenfirma Sarotti ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Inspiriert vom Straßennamen kreierten die Werbestrategen den „Sarotti-Mohren“: einen kleinen, schwarzen Diener mit Turban, Pluderhosen und einem goldenen Schokoladentablett. Jahrzehntelang galt er als Inbegriff des süßen Luxus, bis die Globalisierung und das geschärfte Bewusstsein der 1990er Jahre die Schokofirma einholten.
Der Vorwurf der Kritiker wog schwer: Die Figur reproduziere rassistische, koloniale Klischees des unterwürfigen Dieners aus der Kolonialzeit. Die PR-Abteilung der Firma geriet ähnlich in Panik wie das Bezirksamt ein Vierteljahrhundert später. Eine Lösung musste her – und sie folgte der klassischen Logik des modernen Marketings.
Im Jahr 2004 vollzog die Firma eine wundersame Metamorphose, die jedem Alchemisten zur Ehre gereicht hätte:
Per Vorstandsbeschluss wurde der „Sarotti-Mohr“ feierlich entlassen. An seine Stelle trat der „Magier der Sinne“.Um jeglichen Rassismusvorwurf visuell zu entkräften, wurde die Hautfarbe der Figur kurzerhand von Schwarz in pures Gold umgefärbt. Das Serviertablett – Symbol der Unterwürfigkeit – wurde wegrationalisiert. Stattdessen jonglierte der goldene Magier nun mit Sternen.
Turban und Pluderhosen blieben aus Gründen des Wiedererkennungswerts am Point of Sale natürlich erhalten. Und so schloss sich der Kreis: Während das Bezirksamt Mitte im Jahr 2025 versuchte, die Geschichte durch das Auswechseln von Schildern zu korrigieren (und prompt über die Ahnengalerie des neuen Namenspatrons stolperte), hatte die Schokoladenindustrie schon zwanzig Jahre zuvor bewiesen, wie man ein koloniales Problem ganz pragmatisch löst – man pinselt es einfach gold an...