So oft schon hatte Anna von diesem Haus geträumt. Eine alte Bauernkate irgendwo in Frankreich, umspielt vom sanften Duft des Lavendels.
Sie sah Grand Mère, die an einem schwarzen Umschlagtuch häkelte, denn letzte Woche war ihr Sohn Thierry gefallen. Sie sah Amelie, von der sie nie wusste, ob es ihre Mutter wäre.
Auf dem kargen Holztisch standen noch die groben Keramikteller vom Frühstück. Anna wischte die Krümel fort und schaute auf die Stalltür. Man hatte keine Tiere mehr, alle waren konfisziert worden. Denn hinter dieser Tür war Krieg. Und es roch nach Feuer.
Seit dem Tod ihres Mannes vor acht Monaten hatte Anna der Traum nicht mehr heimgesucht. Und heute, als sie erwacht, riecht es nach Feuer. Dieser Sommer ist wüstenheiß. Das Gras liegt wie gelbes Stroh, Blumen sind bis in die Wurzeln vertrocknet. Ein Funken reicht aus und es brennen die Wälder. In Griechenland, Spanien, Frankreich, überall brennt es. Gestern berichteten die Nachrichten von Venlo. Ziemlich nah.
Anna schaut auf die Rollade, die sie über Nacht immer einen Spalt breit offen lässt, damit frische Luft in die Wohnung kommt. Dahinter ist Krieg. Krieg der Natur. Und es riecht nach Feuer.
Sie macht sich fertig und leint den Hund an. Als sie aus der Haustür tritt, schlägt ihr beißender Rauchgestank entgegen. Rot wie Blut flackern die Flammen über dem Bürgerbusch, dem Waldgebiet gegenüber. Es ist sechs Uhr früh, Ferienzeit, die Straßen menschenleer.
Anna schaut ihrem Mops tief in die Augen. Er versteht. Acht Monate sind genug, denkt sie spontan und läuft auf den Wald zu. Hört das Krachen des brechenden Holzes.
Schon tönen Martinshörner der Feuerwehr. Viel Zeit hat sie nicht. Sie leint den Hund ab. Er würde nach hause laufen. Die nette Nachbarin, die ihn so liebt, hatte Anna versprochen, ihn zu nehmen, wenn ihr einmal etwas zustoßen sollte.
Ein paar Hundespaziergänger rufen von ferne, gestikulieren. Doch Anna geht gradewegs auf das Feuer zu. Ihr Schritt ist ruhig. Sie weiß, was sie tut. Und sie will es so.
Geh! befiehlt sie dem Hund, lauf nach Hause! Doch er bleibt. Da trägt sie ihn.
Immer weiter geht sie, den Hund fest an sich gedrückt, bis sie eins werden mit den Bäumen, die sie stets so liebte.
Und als sie fällt, sieht sie das alte Bauernhaus. Grand Mère häkelt ein schwarzes Umschlagtuch und weint. Thierry, der ihr im Licht entgegenkommt und aussieht wie ihr vor acht Monaten verstorbener Mann, reicht ihr einen Topf mit blühendem lila Lavendel. Streichelt den Hund und sagt: Voila, mes petits - wir pflanzen ihn ein. Daheim. In unserem nächsten Leben.