Die Menschen, die Sonnenaufgänge erschossen

Satire zum Thema Missgunst

von  Saira

Man erkannte sie schon von Weitem.

Nicht an ihren Gesichtern.

Die versteckten sich hinter Masken.

Sondern an ihrem Lieblingssport: dem gemeinsamen Erschießen von
Sonnenaufgängen.

Über dem Eingang prangte in vergoldeten Buchstaben:

Institut zur Bekämpfung Spontaner Inspiration.

Der Leitspruch lautete:

  „Wenn wir nichts erschaffen können, verhindern wir wenigstens, dass
  andere Freude daran haben.“


Das Institut beschäftigte die klügsten Köpfe der Mittelmäßigkeit.

Abteilung A untersuchte Romane.

Nicht, um sie zu lesen.

Sondern um herauszufinden, weshalb sie Leser fanden.

 

Das Ergebnis lautete:

Verdächtig.

Abteilung B analysierte Gedichte.

Nach monatelanger Forschung veröffentlichte sie eine bahnbrechende
Erkenntnis:

  „Wer Gefühle ausdrückt, verfolgt wahrscheinlich einen finsteren Plan.“

Die Studie erhielt den renommierten Preis für Angewandte Einbildung.

Die größte Abteilung war jedoch das Labor für Profilbilder.

Dort arbeiteten hochqualifizierte Avatarologen.

Sie konnten aus einem Wechsel von Herbstlaub zu Meereswellen
zweifelsfrei ableiten, dass die betreffende Person mindestens vier
Gesichter, neun Persönlichkeiten und elf Schönheitsoperationen besitzen
musste.

Beweise?

Wie unerquicklich.

Beweise störten den kreativen Prozess.

Jeden Morgen trat der Hohe Rat zusammen.

Er bestand aus Menschen, die sich gegenseitig versicherten, vollkommen
unabhängig zu denken.

Sie formulierten täglich neue Gedichte.

Sie handelten zufällig immer von derselben Person.

Natürlich erwähnten sie niemals einen Namen.

Sie beschrieben lediglich jemanden, der schrieb.

Jemanden, der freundlich blieb.

Jemanden, der Menschen unabhängig von Herkunft und Namen mit Würde
behandelte.

Jemanden mit einem arabischen Nachnamen.

Rein literarischer Zufall.

  „Wir meinen niemanden“, erklärten sie feierlich.

  „Warum schreibt ihr dann seit Jahren fast täglich über dieselbe
  Person?“


Diese Frage war im Institut verboten.

Sie konnte zu gefährlichen Denkprozessen führen.

Also schrieb man stattdessen ein weiteres Gedicht.

Das dreitausendzweihundertachtundvierzigste.

Alle klatschten.

Alle lobten einander.

Alle zitierten einander.

Mit der Zeit wurde es schwierig herauszufinden, wer wen ursprünglich
kopiert hatte.

Schließlich beschloss man, den Begriff „Originalität“ aus dem Wörterbuch
zu streichen.

Er sei elitär.

Währenddessen geschah draußen etwas Unerhörtes.

Menschen lasen Bücher.

Sie weinten über Gedichte.

Sie fanden Hoffnung in Sätzen.

Das Institut reagierte sofort.

Sondersitzung.

Alarmstufe Purpur.

  „Die Inspiration ist erneut ausgebrochen!“

  „Wie viele Opfer?“

  „Unzählige Leser.“


  „Mein Gott …“

Eilig entwickelte man eine Gegenmaßnahme.

Noch mehr Andeutungen.

Noch mehr Gift.

Noch mehr Chorproben der gekränkten Eitelkeit.

Doch Inspiration erwies sich als merkwürdiger Organismus.

Sie ernährte sich nicht von Lob.

Nicht einmal von Erfolg.

Am kräftigsten wuchs sie dort, wo man sie einzusperren versuchte.

Das brachte das Institut an den Rand des Wahnsinns.

Man erhöhte die Dosis.

Aus Neid wurde Obsession.

Aus Obsession Gewohnheit.

Aus Gewohnheit Identität.

Bald wusste niemand mehr, wofür das Institut eigentlich gegründet worden
war.

Es existierte nur noch wegen seiner Direktorin.

Jeden Morgen erklärte sie dieselbe Person für bedeutungslos.

Jeden Morgen antwortete ihre Gefolgschaft mit der Andacht eines Chores.

So wurde aus Zustimmung eine Liturgie.

Und aus Liturgie Identität.

Eines Nachts erschien der Tod persönlich.

Nicht mit einer Sense.

Sondern mit einem roten Korrekturstift.

Er blätterte schweigend durch die Archive.

Millionen Wörter.

Tausende Kommentare.

Hunderte Gedichte.

Immer dieselbe Besessenheit.

Schließlich seufzte er.

  „Wie tragisch.“

Die Direktorin lächelte stolz.

  „Unsere Arbeit war also wichtig?“

Der Tod schüttelte den Kopf.

  „Nein.“

Er strich den Namen des Instituts durch.

Dann schrieb er darunter:

Museum der toten Inspirationen.

  „Was bedeutet das?“, fragte die Direktorin.

Der Tod antwortete:

  „Ihr hättet all diese Zeit damit verbringen können, selbst Kunst zu
  schaffen.“


Er legte den Stift weg.

  „Stattdessen habt ihr euer Leben damit verbracht, einem anderen beim
  Leben zuzusehen.“


Jahre später war vom Institut kaum noch etwas übrig.

Ein paar vergessene Kommentare.

Verstaubte Andeutungen.

Gedichte, die bereits beim Schreiben nach Mottenkugeln rochen.

Die Archive waren voll.

Voller Anschuldigungen.

Voller Verdächtigungen.

Voller Beweise dafür, wie viel Zeit man damit verbringen kann, jemanden
für bedeutungslos zu erklären.

Die Bücher aber standen noch in Regalen.

Gedichte wurden weitergelesen.

Menschen fanden Trost in ihnen.

Und irgendwo wechselte jemand wieder sein Profilbild.

Im ehemaligen Institut ertönte augenblicklich die Sirene.

  „Alarm!“

  „Was ist passiert?“

  „Sie lebt immer noch.“


Das war für sie die schlimmste aller Nachrichten.

Denn nichts demütigt den Hass gründlicher, als wenn sein Opfer
weitergeht, schreibt, lacht und sich weigert, zur Statue fremder
Verbitterung zu werden.

Als die Sonne schließlich aufging, bemerkte niemand, wann das Gebäude
verschwunden war.

Kein Feuer.

Kein Knall.

Es hatte sich einfach aufgelöst.

Denn Neid besitzt eine seltsame Eigenschaft:

Er hält sich für unsterblich.

Dabei lebt er ausschließlich vom Leben anderer.

Und wenn diese anderen weiterschreiben, weiterlachen und weiter Mensch
bleiben, beginnt der Neid zu verhungern.

Lautlos.

Unaufhaltsam.

Wer nur vom Licht anderer lebt, stirbt irgendwann an der eigenen
Dunkelheit.

Und die Dunkelheit behauptet bis zuletzt, sie sei bloß eine
missverstandene Form der Helligkeit.

Das letzte Echo des Instituts verlor sich irgendwo im Wind.

 

 

 

 

© Sigrun Al-Badri/ 2026


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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (01.07.26, 17:21)
Hallo Sigi,

Menschen, die Sonnenaufgänge erschossen, fühlen sich gleich angegriffen. Sie sind zu bedauern in ihrer Bescheidenheit, ein großes Lob einfach stehen zu lassen.

Empathische Grüße
Ekki

 Saira meinte dazu am 01.07.26 um 20:13:
Lieber Ekki,

ich danke dir.

Mich fasziniert seit Langem ein seltsames Paradox:

Manche Menschen erklären jemanden jahrelang für bedeutungslos und widmen ihm gleichzeitig einen erstaunlich großen Teil ihrer Lebenszeit.

Das ist unfreiwillige Anerkennung, die mich amüsiert.

Neid ist die einzige Leidenschaft, die den Blick dauerhaft nach außen richtet. Sie sieht jede Blüte im Garten des Nachbarn. Nur den eigenen Boden vergisst sie.

Das ist für mich eine zweite Art der Armut.

Herzliche Grüße
Sigi

 AchterZwerg antwortete darauf am 02.07.26 um 17:54:
Zum Thema feiert Milan Kundera in seinem Roman Das Fest der Bedeutungslosigkeit die Bedeutungslosigkeit geradezu als den Schlüssel zur Leichtigkeit. Er argumentiert, dass die Erkenntnis unserer Unbedeutendheit uns von dem Zwang befreit, immer wichtig oder erfolgreich sein zu müssen.
Das dazu!  ;)

 AnneSeltmann (01.07.26, 17:41)
Hallo liebe Sigrun!

Ich habe den Text mit großem Interesse gelesen und musste zwischendurch mehr als einmal schmunzeln, obwohl zwischen den Zeilen viel Ernst mitschwingt. Mich hat vor allem beeindruckt, wie konsequent du die Idee dieses „Instituts“ bis zum Schluss durchträgst. Die Mischung aus Satire, Ironie und poetischen Bildern ist dir wirklich gelungen.
 
Besonders gefallen hat mir, dass du den Leser nicht belehrst, sondern ihn mit deinen Bildern selbst denken lässt. Genau das macht den Text für mich so wirkungsvoll. Und der Gedanke, dass Neid am Ende mehr über den Neidischen erzählt als über denjenigen, gegen den er sich richtet, hallt lange nach.
 
Der Schlusssatz ist für mich das i-Tüpfelchen: „Wer nur vom Licht anderer lebt, stirbt irgendwann an der eigenen Dunkelheit.“ Ein starkes Bild, das den ganzen Text noch einmal auf den Punkt bringt.
 
Unabhängig vom Hintergrund ist das für mich eine sehr klug aufgebaute, sprachlich starke Satire, die zeigt, wie viel Kraft gute Literatur entfalten kann, wenn sie nicht laut werden muss. Ich habe sie sehr gern gelesen!!!


Liebe Grüße

Anne

 Reliwette schrieb daraufhin am 01.07.26 um 18:03:
Liebe Anne, 
du bemerkst zutreffend, dass die Urheberin dieses Textes mit literarischen Mitteln
einen Denkprozess in Gang setzt. Das ist eine schöne Eigenschaft und gehört in den Bereich der Poesie. Ich gehöre der beuysianischen Denkrichtung an und benenne die Hintergründe
aus Sicht der Problemlösung oder übergehe diesen Misstand, weil ich ihn für bedeutungslos erachte. Nichtsdesdotrotz sehe ich in Deinem Kommentar Ansätze, wie man den Missstand literarisch aufarbeiet.
Herzliche Grüße! Hartmut

Antwort geändert am 01.07.2026 um 18:06 Uhr

Antwort geändert am 01.07.2026 um 18:10 Uhr

 Saira äußerte darauf am 01.07.26 um 20:34:
@Anne
Liebe Anne,

ich danke dir ganz herzlich.

Besonders gefreut hat mich dein Satz, dass der Text den Leser nicht belehren, sondern zum eigenen Denken einladen soll.

Genau das wünsche ich mir beim Schreiben. Literatur verliert für mich in dem Moment ihre Kraft, in dem sie Antworten verteilt wie Flugblätter. Ich glaube vielmehr an Bilder. Sie gehen einen Umweg, und gerade deshalb gelangen sie oft näher an das, was uns bewegt.

Die Figuren des "Instituts" halten sich für Beobachter. 

Tatsächlich aber haben sie längst aufgehört zu leben. Sie existieren nur noch im Schatten dessen, was sie bekämpfen.

Vielen Dank für deine kluge und aufmerksame Rückmeldung.

Herzliche Grüße
Sigrun


@Reli
Lieber Reli,

ich erlaube mir, dir meine Gedanken, die du hinsichtlich Annes Kommentar geäußert hast, mitzuteilen.

Du hast recht: Das eigentliche Institut ist letztlich bedeutungslos. Es könnte morgen verschwinden, ohne dass dadurch ein einziges Gedicht weniger geschrieben würde.

Und darin liegt die Ironie.

Neid hält sich selbst oft für den Mittelpunkt der Welt. In Wahrheit spielt er in der Geschichte der Kunst fast nie die Hauptrolle. Er ist meist nur eine Randnotiz. Die Werke bleiben. Die Missgunst altert sehr viel schneller als die Literatur. Neid hinterlässt Spuren. Nicht auf den Werken der Beneideten, sondern im Wesen und in den Gesichtern derer, die ihr zu lange Raum geben.

Dass Menschen ein Forum verlassen haben, weil sie den Umgangston nicht mehr ertragen konnten, empfinde ich ebenfalls als traurig. Denn Literatur sollte Räume öffnen und nicht verengen.

Herzlichst Grüße
Saira

 Reliwette (01.07.26, 17:51)
Hallo, Saira,
 das Institut zur "Bekäpfung Spontanerr  Inspiration"
ist m,.E. völlig bedeutungslos. Jeder kann sich an fünf Fingern einer Hand abzählen,, was damit gemeint ist.
Es ist trotzdem bedeutungslos. Auf der anderen Seite bemühen sich ein oder zwei "Hände voll" Protagonisten Prosa und /oder Lyrik auf ein Podest zu stellen, so dass Unbedarfte sagen können, "Wow, das berührt mich". Wiederum andere neiden die Anerkennung durch vergebene Sterne. Da trennt sich die Spreu vom Weizen . KV hat sich nicht selbst disqualifiziert. Wichtige Poeten mit scharfem Verstand sind ausgetreten, weil sie gemoppt wurden.. Das ist eine Schande. 
EIN LIEBER GRUß! Reli

Kommentar geändert am 01.07.2026 um 18:08 Uhr

Kommentar geändert am 01.07.2026 um 18:13 Uhr

 Saira ergänzte dazu am 01.07.26 um 20:39:
Lieber Reli,

ja, dieses Institut mit der Direktorin sind tatsächlich bedeutungslos.

Sie leben ausschließlich von der Beschäftigung mit anderen. Ihre Gedanken kreisen nicht um das, was sie erschaffen möchten, sondern um das, was sie verhindern wollen.

Genau darin liegt wohl die größte Tragik des Neides. Er hält sich für eine schöpferische Kraft, obwohl er nichts erschafft. Er hält sich für überlegen, während er sich vollständig vom Leben anderer abhängig macht. Gäbe es niemanden mehr, den man beneiden, verdächtigen oder herabsetzen könnte, bliebe von diesem Institut nur gähnende Leere.

Mich hat beim Schreiben genau dieser Widerspruch interessiert. 

Literatur entsteht aus Freiheit. Mobbing entsteht aus Fixierung. Das eine öffnet Fenster, das andere zieht die Vorhänge zu.

Genau deshalb halte ich zu diesem "Institut" und zu dieser Haltung bewusst Abstand. Die Satire war meine literarische Auseinandersetzung damit – nicht mehr und nicht weniger. Mehr Bedeutung messe ich diesem Kreis nicht bei. Meine Zeit und meine Freude gehören dem Schreiben, den Menschen, die Literatur lieben, und den Geschichten, die noch darauf warten, geschrieben zu werden.

Herzliche Grüße
Saira

 AchterZwerg meinte dazu am 02.07.26 um 07:16:
Immerhin muss ich der Direktorin zugute halten, dass sie sich in geradezu prophetischer Schau den passenden Spitz(!)namen gewählt hat.  :)

 AchterZwerg (02.07.26, 07:21)
Liebe Saira,

selbst die Rhein-Metall-Aktien sind gefallen - dass gibt und neue Hoffnung auf ein friedlicheres Leben im zitronensauren Alltag.

Oder nicht?  :D

 Saira meinte dazu am 02.07.26 um 14:23:
Der Markt schwankt, Achter. Die Deutung schwankt stärker. „Nobody“ bleibt außen vor.


 AchterZwerg meinte dazu am 02.07.26 um 17:45:
Ebenso wie die erste eine ganz wunderbare Collage. 
Die Perlenkette mit dem Fragezeichen ist der Hammer!!!

:D <3 :D

 Saira meinte dazu am 02.07.26 um 20:26:

nicht wahr?  :D <3

 Quoth (02.07.26, 08:21)
Manche Menschen erklären jemanden jahrelang für bedeutungslos und widmen ihm gleichzeitig einen erstaunlich großen Teil ihrer Lebenszeit.
... und du erfindest ein bedeutungsloses Institut und widmest ihm viel zu viele Worte und wertest es dadurch auf.

 Saira meinte dazu am 02.07.26 um 14:28:
Das ist ein klassischer Kategorienfehler: Satire ist keine Aufwertung.

 Quoth meinte dazu am 05.07.26 um 18:06:
Ach, eine Satire soll das sein? Für mich ist es ein allegorisches Gedicht auf Andersdenkende.
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