Vom Schweigeschmerz

Gedicht zum Thema Trauer/Traurigkeit

von  Vaga

Aneck ham’s des Madl g’nannt,
weil’s ibaroi aneckt is –
a bei de Leit,
de oiwei wos Guads doa ham woin
mit ihr.
Oa Tag is’ davoigraunt,
beagob ins Doi,
auf Nimmawiedersehgn.
Vaschwunda is’
und an Dialekt hod’s a nimmer
g’sprocha –
mit koam Mensch mehr, dem’s begegnt is.
De Leit ham s’ vaabscheut und sie de Leit.
Ibahaupts hod’s gar nix mehr g’redt,
weil’s niagands mehr hod anecka woin.
Und ihrn Nama hod s’ wieder ognumma:
Marie hod s’ g’hoaßn.
Aba des hod nia ebba g’wusst dahoam.
De Stiefmuatta hod den Nama vaschwign –
und dass s' d' leibliche Muatta nia g'seng hod,
weil de bei ihrer Geburt g'storma is.
Aba d' Schuid an ihram Tod,
de hod d' Marie ihr Lebda g'spiert –
und de unendliche Sehnsucht nach ihr.




Anmerkung von Vaga:

Sicher verwundert es einige, dass ich dieses Gedicht im bayerischen Dialekt geschrieben habe, obwohl ich normalerweise ausschließlich auf Hochdeutsch schreibe. Deshalb möchte ich doch etwas Erklärendes dazu sagen: Ein paar Jahre meiner Kindheit verbrachte ich in Bayern in einer Klosterschule. Meine hochdeutsche Sprache wurde damals als etwas Besonderes angesehen, und einige meiner Mitschülerinnen versuchten immer wieder, sie klanggerecht nachzusprechen. Den Klang ihres bayerischen Dialekts wiederum habe ich vielleicht auch gerade deshalb in liebevoller Erinnerung behalten.

Dieses Gedicht nun ist eine Herzensangelegenheit. Es ist meiner engsten Schulfreundin aus der damaligen Zeit gewidmet, die aus dem tiefbayerischen Land stammte und inzwischen verstorben ist. Wir hatten nach unserer Schulzeit - obwohl räumlich voneinander getrennt - stets Kontakt - bis zu ihrem Tod. Ihr Leben lang trug sie eine erdrückende Last in sich, nämlich, Schuld am Tod ihrer leiblichen Mutter zu sein, die bei ihrer Geburt starb. Ihr mühsamer Weg, ihr inneres Anecken und ihre tiefe, unerfüllte Sehnsucht nach der Mutter haben mich zu diesen Zeilen inspiriert. Ich habe versucht, ihre Geschichte in der Sprache ihrer Kindheit zu erzählen - wobei ich die Namen (sowohl den Ruf- als auch den realen Namen) zum Schutz ihrer Identität geändert habe.

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Kommentare zu diesem Text


 Hannes (21.08.26, 21:01)
Griasdi Vaga,
ich bin zufällig über dein Gedicht gestolpert und beeindruckt,
wie sehr du als Nordlicht in ein paar wenigen Kinderjahren den (ober-)bairischen Dialekt verinnerlicht und dir bewahrt hast bis heute.
Oiwei - ebba - niagands - iberoi - g'storma -  san zum Beispui Werta, de ned a jeda no woas.
Ich selbst bin im Werdenfelser Land geboren und aufgewachsen.
Jedes Wort, jede Redewndung. jedes Idiom sitzt und passt.
Im Dialekt kann das Leben der "Aneck" viel eindeutiger, einfühlsamer, warmherziger und inniger erzählt und beschrieben werden als im 
Schriftdeutschen.
I hob mi üba de sötne Fundsach narrisch g'freit.
Da
Hannes

Und noch was :
In deinem Steckbrief steht
Ich möchte in allen Sprachen schweigen können
Kennst du von Masha Kaleko

Mein schönstes Gedicht ?

Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.


Kommentar geändert am 21.08.2026 um 21:08 Uhr
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