Aperolspritzhimmerl

Text

von  atala

Im Sommer, bevor unser Haus einfiel, fuhren wir zu viert im Range Rover die Meeresflanke entlang. Wir schnitten die Serpentinen, neben uns fiel die steile Felsküste in ein tiefblaues Meer. Hinter der Scheibe des klimatisierten Autos flimmerte die Luft und jemand erzählte von den Schweineherzen, den Katzen und dem Biolehrer.

Er habe die Herzen, nach dem Sezieren im Unterricht seinen Haustieren verfüttert. Sie hätten sich, wenn er mit den Herzen im Plastikbeutel zur Tür eintrat, um ihn gescharrt, und sich vor Verlangen kaum halten können. Sie hätten sich auf die festen Muskelwände gestürzt, Stücke aus dem Gewebe gefressen und sie dann vollständig verschlungen.
Das Meer war karibikwarm, wir verbrachten den ganzen Tag im Wasser, ohne dass unsere Körper abkühlten. Wir trieben im Meer unweit eines Quallenschwarms. Ein gallenartiger Teppich – hörten wir in den Nachrichten – bedeckte weite Teile der Oberfläche. Aber wir sahen keine der geisterhaften Geschöpfe im Wasser treiben.
Der Himmel trug die Farbe von Aperol Spritz.
Ein Krieg von vielen wurde ganz nah an uns ausgetragen. Manchmal meinten wir Artelleriebeschuss zu hören, aber wenn wir uns umschauten, war es nur der knatternde Motor eines Fahrzeugs.
Jemand schaute aufs Wasser, als wir die Kurven schnitten und sagte: Das ist das Meer, in dem man Menschen ertrinken lässt.
Wir gaben die Schuld unseren Eltern, den Konzernen und den Flugzeugen. Wir schossen kleine Steine, die an der mediterranen Küste herumlagen in Richtung der Maschinen.
In diesem Sommer wussten wir noch nicht, dass unser Haus einstürzen wird, aber wir ahnten es. Wir spekulierten. Manche sagten, es werde noch etwas halten, anderen sahen schon die Balken einstürzen. Schon lange war es für baufällig erklärt worden.
Bevor wir ans Meer gefahren sind, gab es eine „der Schäfer und der Wolf“ Situation. Die Fabel von Aesop, in der ein junger Hirte aus Langeweile WOLF brüllt, obwohl das Tier nicht zu sehen ist. Solange, bis die Leute im Dorf ihm nicht mehr glauben und als tatsächlich ein Wolf durch das Tor gelangt und er wieder WOLF, EIN WOLF brüllt, glaubt ihm niemand mehr. Sie drehen sich im Schlaf, als das Tier die Schafe reisst und als es schliesslich auch den Jungen verspeist, schlagen sie die Decke über ein Bein.
Jemand hatte in unserem Haus Rauch aufsteigen sehen, ist losgerannt und hat geschrien: ES BRENNT, ES BRENNT. Aber wir hatten ihn ausgelacht und gesagt: das ist nur der Dampf unseres Bügeleisens, der über unsere Kleider fährt.
Wir sahen alle Vorzeichen, aber wir wussten sie nicht immer zu deuten.
Im Radio sprachen sie von Bränden, die im bergigen Hinterland nicht unweit von unserem Strandabschnitt wüten sollten. Aber wir sahen keinen Rauch am Himmel, keine Asche im Wasser.
Ein gelbes Löschflugzeug ist vor uns auf dem Meer gelandet, hat den Tank gefüllt und ist hinter den Berg geflogen. Kurze Zeit später ist es zurückgekehrt. Die Brände mussten ganz nah gewesen sein.

Wir wussten noch nichts vom Klang, wenn das Hausdach einstürzt.
Abends tranken wir Sangria und Piña Colada, dann Energydrink und Gatorate gegen die pelzige Zunge und den pochenden Kopf. Wir prosteten dem Sonnenaufgang zu.


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