Abb.1:
Self-Portrait of the Teacher as a scrupulous Artist.
(0) Die Ferien sind da, damit man wegfährt.
Sehr lange.
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(1)
Er hatte mittelmäßige Lehrer, sie redeten.
Gute, sie erklärten und bewiesen.
Bei sehr guten konnte er lernen, methodisch zu argumentieren.
Dann gab es auch große Lehrer.
Sie waren begeisterte Lehrer und wie sie begeistern konnten.
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(2)
Ihm fällt nichts ein, was gute Schüler nicht verstehen wollen.
Das einzige Problem ist, sie zu interessieren; wenn sie einmal interessiert sind, ......
Nun ja, auch weniger ist mehr.
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(3)
Vor dem Internet war die letzte Technologie, die einen wirklichen Einfluss auf die Art und Weise hatte, wie man sich zusammensetzte und miteinander sprach, der Tisch,
auch im Klassenzimmer.
Jetzt gilt beides. Schule. Sie hat was.
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(4)
Bevor man stirbt, hofft man, dass einem jemand den Gottesglauben erklärt. Nachdem man gestorben ist, hofft man, dass Gott einem das Chaos erklärt. Aber auf jeden Fall dankt man den Lehrern, die man hatte. Sie schufen nicht Klarheit, aber verminderten das Chaos.
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(5)
Es gibt nur zwei Arten von Mathebüchern. Solche, die man nicht über den ersten Satz hinaus lesen kann, und solche, die man nicht über die erste Seite hinaus lesen kann.
Und das ist genauso falsch wie die analoge Klassifikation von Lehrern.
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Abb. 2:
Im Portal des Gymnasiums sammelten sich die Lehrer
zum Jahresfoto, vorne in der Mitte stand der Direktor.
(6)
Poem en Prose Einmal
Hab ich zufällig am Bahnhof
einen früheren Lehrer von mir getroffen.
Erst habe ich ihm gesagt, dass ich auch
Lehrer geworden bin.
Dann hat er sich mit mir gestritten,
wer ich bin.
(Vers Libre, ja doch.)
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(7)
Der Deutschlehrer schrieb Haikus (5-7-5). Mein großer Ele-
Phant passt mit seinem langen Rüs-
Sel in kein Haiku.
Und einmal sagte er zu uns: Jeder ist sich selbst der Größte.
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Abb.3:
Das Gymnasium in Miltenberg, erbaut 1909,
Stadtbaumeister Ludwig Frosch
(* 22. April 1872; † 14. Juni 1956),
erstaunliches Personal, siehe Abb.: 4.
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(7, 2)
Aus dem Buch der Weisheit: Der Meister macht kaum einen Unterschied
zwischen seiner Arbeit und seinem Spiel, seiner Arbeit und seiner Freizeit,
seinem Geist und seinem Körper, seiner Bildung und seiner Erholung,
seiner Liebe und seiner Religion.
Er weiß kaum, was was ist;
er verfolgt einfach seine Vision von opalisierender Exzellenz in allem, was er tut,
und überlässt es anderen, zu entscheiden,
ob er arbeitet oder spielt.
In seiner Sicht tut er immer beides.
Allerdings gilt das uneingeschränkt nur,
wenn er nicht mehr als drei Schüler hat.
Abb.4:
Vor dem Portal das Personal.
(7, 5) Der straffe Herr in der unteren Reihe rechts außen ist Herr M. ( Englisch, Französisch, Stenographie) Zwei- oder dreimal suchte er uns Zwölfjährige im Klassenzimmer bei Vertretungsstunden auf. Er nahm am Pult Platz. Auf einer Hohner-Mundharmonika, die er aus dem weißen Mantel zog, blies er AFN-Lieder, ließ uns den Kanon „Row, row, row your boat“ singen. Er strahlte, wir strahlten.
Plötzlich galoppierte er mit leicht angewinkelten Knien drahtig und druckvoll, in der linken Hand die Mundharmonika weiter am Mund haltend, vom Pult herunter durch den Gang zwischen den Bankreihen einmal her, dann hin, dann wieder zurück zum Pult. Er sei „Jumping Jack “. Wir waren sprachlos. Die Rolling Stones gab es damals noch nicht. Dann er stieß sich vom Pult ab und ritt wieder los. In einer Art Froschsprung landete er beim Holzschrank rechts an der Wand. Wir sollten weiter singen, er schlug mit der Faust an die Tür bumbernd den Takt.
Wir sahen uns nach dieser Stunde staunend an und rekapitulierten unsre Eindrücke im Dialog mit den anderen immer wieder.
Einmal allerdings verblüffte er uns über die Maßen, keine "Äktschen", nur nüchtern-farbiger Bericht. Er hatte - das war Stadtgespräch - einen Autounfall auf der Brücke nach Miltenberg Nord. Und war dabei die Böschung zum Sportplatz hinuntergestürzt. Auf einem Wandertag bekamen wir zu hören, was er dabei erlebt hatte. Er fuhr
mit seinem VW-Käfer über die Mainbrücke Richtung Miltenberg Nord. Im letzten Drittel, dort, wo damals eine steile Böschung zum Sportplatz abfiel, grasbewachsen und kaum jemals betreten, durch eine steile Treppe begehbar, dort also im letzten Drittel sei ihm plötzlich per Intuition sichtbar geworden, dass ein Komet vom hohen Himmel herab auf die Brücke stürze, nahezu direkt über ihm, und dass sein Leben bedroht sei.
Blitzschnell lenkte er das Auto gegen das damals noch wenig feste Geländer, gab sogar Gas, um der Katastrophe gewiss zu entkommen. Das Auto durchbrach glücklich das Geländer, rappelte den Abhang zum Sportplatz hinab und blieb dann unten fast unbeschädigt stehen. Er – M.– sei ohnmächtig geworden, wohl infolge Fall und Aufprall am Fuße der Böschung. Als er aus der Ohnmacht erwachte, habe er freudig festgestellt, dass der Komet ihn dank seiner Entschlusskraft und raschen Reaktion nicht getroffen hatte. Er sei seiner Intuition ewig dankbar.
Wir hatten atemlos die Erzählung verfolgt, hin und wieder drängte es uns zu lachen, aber die ernste Miene und die sonore Stimme des Professors, seine blitzenden Augen und die Pietät gegenüber einem Menschen in der geschilderten lebensgefährlichen Lage - schließlich war er die uns bekannte Böschung heruntergerast - alll das machte uns doch recht unsicher, so dass stummes Staunen bei uns Schülern die Oberhand gewann.
Bei den anschließenden Abendessen in den Familien daheim gab es dann sicherlich so manches Kopfschütteln.
Abb.5:
Die Böschung zwischen Brücke und Sportplatz.