Morgenmann und Gestern
Theaterstück zum Thema Gegenwart
von S4SCH4
Vorwort
Alles beginnt mit einem Brief, den Morgenmann von Gestern erhält. Morgenmann solle die Rolle eines Boten einnehmen und sein zukünftiges Sein beizeiten dahingehend instruieren, die Welt vor einer Krise zu retten. Morgenmann sei schuldig und sein andauernder Glaube und folgerichtige Taten seien nun gefragt.
Nach einigem hin und her und dem Sträuben des Morgenmannes gegen das auferlegte Kreuz, überlistet Gestern Morgenmann schließlich und dieser findet sich bald darauf in der Rolle eines Staatsfeindes wieder und verliert sich selbst in der erwirkten Unklarheit, zwischen diffuser Täter- und Opferrolle.
Morgenmanns Menschlichkeit bricht zusammen, er findet zwar kurzzeitig Trost, zieht aber schließlich eindeutige Bilanz seines Verlustes.
Gestern verkündet derweil den Anbeginn eines „zweiten Tages“, dieses als eine gesellschaftlich-geistliche Bewegung, in der Morgenmann als Märtyrer zum einem neuen ich gefunden hätte (Häute).
Morgenmann weist seine Menschlichkeit von sich, mitsamt seines ich und einem wir, dies während Gedanken an Entschuldigung und Vertrauen ihm im Schlaf heimsuchen und er schließlich vor vollendeten Tatsachen steht, was eine neue Zeitrechnung betrifft. Sein neues Sein: Morgenmann wird zum „neuen“ Gestern.
Inhaltsverzeichnis
- Szene 1: Ein Gelöbnis auf Besserung (m)eines Lebens als Schuldner, dies im Hintergrund einer gesellschaftlichen Eiszeit und eines Schneeballeffektes, wobei der Teufel der einzige ist, der noch Briketts verkauft (624 Worte)
- Szene 2: Eine Antwort auf einen nächtlich geschriebenen Brief, der von Schneebällen, Schuld und anderer Obskurität erzählte (181 Worte)
- Szene 3: Die Entrüstung eines gerade noch schlafenden Mannes, der um Kot aufwacht und überdies fürchtet mundtot gemacht zu werden (68 Worte)
- Szene 4: Morgenmanns kämpferisches Zuvorkommen, um den Coup von Gestern aufzuhalten, indem er ihm die Leviten liest (312 Worte)
- Szene 5: Gestern fängt vom Morgenmann einen Fisch mittels Blinker (200 Worte)
- Szene 6: Morgenmanns Versuch die Distanz zu wahren (140 Worte)
- Szene 7: Gesterns Geflüster in ein schlafendes Ohr (98 Worte)
- Szene 8: Ein unfreiwilliges Geschehnis wird zur Geburtsstunde eines neuen Lebens für den Morgenmann (377 Worte)
- Szene 9: Die emotionale Eruption eines zweigespaltenen Morgenmanns, der nicht weiß, wohin er sich nun wenden soll (333 Worte)
- Szene 10: Mutter schenkte ein Gedicht (161 Worte)
- Szene 11: Morgenmanns Bilanz (157 Worte)
- Szene 12: Der zweite Tag (306 Worte)
- Szene 13: Zwischen Tag und Nacht ringt Morgenmann nach Worten (226 Worte)
- Szene 14: Im Auge des Sturmes ist es ruhig (113 Worte)
- Szene 15: Teuflisch gut (198 Worte)
- Szene 16: Morgenmann, die Nacht von gestern (372 Worte)
- Szene 17: come and go, asleep (149 Worte)
Nachbemerkung
Was bleibt von einer Person, die exemplarisch für eine Gesellschaft stehend, ein Gestern, Heute, Morgen und ein Übermorgen verarbeitet und unter dem Druck der Sorge für das Kommende, in Teile zerbricht?
Die Konfrontation eines anschleichendem Schuldigkeitgefühls, dieses auch hinsichtlich der Hinterlassenschaft an nachfolgende Generationen, mit dem momentanen (Augen)Blick, dass im Leben doch (endlich) einmal alles in Ordnung sei, ist im Kern ein Widerspruchskomplex am gegenwärtigen Leben, das vor allem erwartet, es jeden Tag möglichst gut zu tun.
Dass man es aber nicht möglichst gut täte, oder „nachvollziehbar gut täte“ ist eine Einsicht, die sich schleichend einem eigenen Spiegel bediente, ein Anblick, der im Folgenden abschrecken- oder abstumpfen ließe und zudem, solches, als Vorwürfe aufstapelte. Etwas, das bald unweigerlich politisch-geistige Gesinnungen und Narrative anlockt. So ins stete Hintertreffen gebracht, „denen“ auch noch Rechtfertigung für das ureigene Dasein abzugeben, auf das sie „uns“ planen könnten, wird aus dem Leben scheinbar ein Los fremder Gewalt.
Wie ist eine Gesellschaft, und das Individuum darin, also frei, wenn das was Freiheit verspräche, immer wieder auf dem (inneren) Prüfstand stünde und durch den immer größer werdenden Schatten von Schuldanschuldigung, Schadenvermutung und Scheinheiligkeit begutachtet wird. So, dass dies früher oder später gar in Gesinnungsgutachten gegossen wäre, die über dieses Leben und diese Freiheit bestimmten?
Ist Freiheit nur ein Moment, für dessen „Vergängnis wir ewig unfrei bezahlten, ein Opener für die lange Karriere Unfreiheit? Ist Freiheit ein auswegloser Kampf, in dessen Blut und Schweiß und Tränen die Bekämpften (deren Freiheit aus Unfreiheit anderer besteht!), sich nur ihre Hände wuschen? Und meinten: Du willst oder kannst ja nicht!
Oder ist Freiheit noch mehr … doch wie befreite man sich, nachdem selbst die Freiheit eines Befreitwerdens einmal abgenommen politisch-geistig verramscht wurde.
Neben jenem Freiheitsbegriff für das, was damit aufgegeben scheint (dahinwelkender Morgen), erwächst jedoch gleichsam etwas Neues: dieses Heute (das sich abhäutete vom Gestern im Sinne des Kommenden), erscheint sowohl als Befreier, wie auch als Unterdrücker, indem es einerseits Chancen böte, die dem geschassten Lebensabschnitt (der Morgen) abzuringen seien und anderseits eben nun jene Freiheit (die des ungewollten Morgens) zu verwalten scheint.
Wer ändert sich wie oft und wie schnell passierte das? Ist es am Ende doch nur ein „survival of the fittest“? Oder siegt doch die Freiheit desjenigen, der vom Leben eingeholt scheint? Mit diesen Fragen entlassen diese ersten 17 Szenen den/die Leser:in schließlich, damit sie sich eventuell selber die Frage stellten: wo stehe ich eigentlich gegenwärtig …
Kommentare zu diesem Text
Unbedingt lesenswert – ich las heute bis zum Ende von Teil 4 – und, so scheint mir, noch längst nicht auserzählt.