Das letzte Bankett der Erde

Groteske zum Thema Macht

von  Saira

Das Restaurant hieß „Die Geduldige Erde“.

Niemand wusste genau, wo es lag. Manche behaupteten zwischen zwei Kontinenten, andere zwischen zwei Zeitaltern. Der Wirt Herr Chen sagte immer nur: „Es liegt dort, wo Menschen glauben, die Welt gehöre ihnen.“

An diesem Abend hatte er den größten Tisch des Hauses gedeckt. Ein runder Tisch, so groß, dass darauf eine Weltkarte hätte liegen können.

Fünfzehn Plätze.
Fünfzehn Teller.
Fünfzehn Gläser.

Und in der Mitte ein gewaltiger Wok, aus dem ein ruhiger, beharrlicher Dampf aufstieg.

Herr Chen hatte viele Bankette erlebt. Aber selten eines, bei dem so viele Gäste gleichzeitig glaubten, der Tisch gehöre ihnen.

 

Die Gäste

Der erste Gast war Xi Jinping. Er setzte sich ruhig und betrachtete den Raum mit der Geduld eines Mannes, der weiß, dass Zeit manchmal die mächtigste Waffe ist.

Kurz darauf erschien Wladimir Putin. Er nahm ein Messer, prüfte kurz sein Gewicht und legte es wieder hin.

Dann kam Donald Trump. Er sah sich um. 
„Fantastisches Restaurant. Wirklich großartig. Vielleicht das beste Restaurant der Welt.“

Niemand widersprach.

Danach trafen ein:

Emmanuel Macron
Keir Starmer
Friedrich Merz
Mette Frederiksen

Dann

Narendra Modi
Shigeru Ishiba

Und schließlich

Ali Khamenei
Benjamin Netanyahu
Mahmoud Abbas

Zuletzt kam Volodymyr Zelenskyy.

Der Tisch war vollständig.

Die Welt war versammelt.

Die Welt selbst wusste nichts davon.

 

Die Vorspeisen

Herr Chen brachte die Vorspeisen:

Dim Sum
Lammspieße
Frühlingsrollen
Garnelen
Reisnudeln
Eingelegte Gurken

Trump sah auf die Teller. 
„Amerika nimmt zuerst.“

Putin nahm ein Stück Fleisch.

„Manchmal“, sagte er ruhig, „nimmt man einfach, was man braucht.“

Zelenskyy sah ihn an.

„Auch wenn es jemand anderem gehört.“

Putin zuckte mit den Schultern.

Xi trank Tee.

„Die Welt verändert sich langsam.“

Modi sagte:

„Und manchmal sehr schnell.“

Macron sagte:

„Europa versucht wenigstens Regeln.“

Trump lächelte breit.

„Europa versucht.“

Herr Chen schenkte Tee nach.

Er hatte gelernt: Mächtige sprechen gern über Regeln, solange sie selbst sie schreiben.

Der Wok in der Mitte blubberte leise.

 

Das Hauptgericht

Der Hauptgang kam.

Große Schalen wurden auf den Tisch gestellt:

Ente mit Pflaumensoße
Rind mit schwarzem Pfeffer
Fisch mit Ingwer
Gebratene Nudeln
Pak Choi
Jasminreis

Der Duft war schwer und süß.

Trump zeigte auf das größte Stück Fleisch.

„Das gehört Amerika.“

Putin schnitt sich ein Stück vom Fisch.

„Manchmal erweitert sich der Teller.“

Zelenskyy sagte ruhig:

„Manchmal verteidigt jemand seinen Teller.“

Netanyahu sagte:

„Manchmal muss man kämpfen, weil man keinen bekommt.“

Abbas antwortete leise:

„Und manchmal kämpft man nur um einen Platz am Tisch.“

Der Raum wurde still.

Khamenei betrachtete den Wok.

„Manchmal beginnt ein Feuer weit entfernt.“

Niemand fragte, wo.

Xi hob langsam seine Teetasse.

„Feuer“, sagte er ruhig, „reisen schnell.“

Modi sagte:

„Und schneller, wenn jemand Öl trägt.“

Putin lächelte kaum sichtbar.

„Streichhölzer sind billig.“

In diesem Moment vibrierte der Deckel des Woks ganz leicht.

Nur Herr Chen bemerkte es.

Er legte einen schweren Löffel darauf.

Der Tisch redete weiter.

 

Der Nachtisch

Herr Chen brachte den Nachtisch:

Mango-Pudding
Sesambällchen
Lychee
Gebackene Banane

Während sie aßen, hörte man draußen entfernte Sirenen.

Dann noch einmal.

Und noch einmal.

Niemand fragte danach.

Trump sah auf die Desserts.

„Sehr gut. Wirklich hervorragend.“

Putin probierte ein Sesambällchen.

„Süß.“

Macron blickte kurz zur Tür.

„Das klingt nach…“

Xi unterbrach ihn freundlich.

„Geräusche gibt es immer.“

Der Deckel des Woks hob sich einen Fingerbreit.

Dampf quoll heraus.

Zelenskyy sah es.

„Manchmal“, sagte er leise, „ist die Küche schon in Brand.“

Niemand antwortete.

Khamenei nahm eine Lychee.

„Dann ist es vielleicht zu spät, den Koch zu fragen.“

Frederiksen sagte trocken:

„Oder den Brandherd.“

Trump zuckte mit den Schultern.

„Man kann über alles verhandeln.“

Der Wok grollte jetzt hörbar.

 

Die Rechnung

Herr Chen räumte die Teller ab.

Der Tisch sah aus wie eine Weltkarte nach dem Krieg. 

Grenzen aus Soße.
Kontinente aus Krümeln.

Leere Schalen wie ausgeplünderte Länder.

Die Mächtigen redeten weiter.

Über Stabilität.

Über Sicherheit.

Über Ordnung.

Draußen heulten jetzt deutlich Sirenen.

Niemand stand auf.

Herr Chen hörte eine Weile zu.

Dann sagte er ruhig:

„In meinem Dorf sagt man:

Wenn Mächtige die Welt wie ein Menü betrachten,
vergessen sie oft, dass sie selbst auf der Speisekarte stehen.“

Trump runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen?“

Herr Chen hob langsam den Deckel des Woks.

Ein tiefes Grollen kam daraus.

Wie aus einem sehr großen, sehr alten Ofen.

Niemand sagte etwas.

Im Dampf konnte man kurz etwas erkennen.

Karten.
Grenzen.
Städte.

Sie lösten sich langsam auf.

Herr Chen legte die Rechnung auf den Tisch.

„Die Rechnung“, sagte er.

Draußen wurde es plötzlich sehr hell.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (08.03.26, 11:37)
Tja, liebe Saira,
eine Pekingente stand nicht auf der Speisekarte,und Donals Duck, pardon, Trump, vergaß zu erwähnen, dass die meisten Pressestimmen ihn boykottieren und deshalb verboten werden (sollten), und dass er alle Gäste mit hohen Zöllen bestrafen werde, wenn sie ihm nicht gefügig würden, während Xi Ping sich ihm zugewandt äußerte: "Trump, Sie sind pleite!"
Was aber sagte Netanjahu noch schnell?
Er sagte:" Niemand kann mich anklagen, ich genieße politische Anonymität".
Macron darauf hin:!"Quatschkopf, soooo nicht!"
Selenskiy zeterte: " Meine sehr geehrten Herren, bitte, bitte, bitte!".
Trump daraufhin:  "Geh mir aus den Augen, Winzling", oder hast du etwas anzubieten, was wir zufällig gebrauchen können?
Dann setzte sich Fritze Merz in Szene:
"Wir brauchen eine Alternative zur NATO in Europa, ich lasse aufrüsten, bis die Bodendielen brechen! Deutschland blickt auf eine lange Tradition zurück!"
Der iranische stellvertretende Präsident jammerte:" Nicht den Iran, nicht den Iran, nehmt was Ihr wollt!"
Putin schwärmte von einer neuen Weltordnung!
Xi Ping sagte zu ihm: "Sei du auch still, denn du bist auch pleite!-
Kommt Zeit , kommt Unrat!"
Kim Jong Um hatte man gar nicht zur Tafel gebeten. Er war dabei, die Löcher in den Straßen zu stopfen.

Lieber Gruß, Saira, wer bleibt noch, die Scherbenhaufen zusammenzufegen? Das größte Stück wird den Umfang eines Lutschbonbons haben!
Reli

 Saira meinte dazu am 08.03.26 um 23:04:
Lieber Reli,

du hast aus meinem stillen Bankett ja gleich ein richtiges Welttheater gemacht. :)

Sehr schön finde ich unter anderem deinen Einfall mit Kim Jong Um draußen auf der Straße, der Löcher stopft, während drinnen über Weltordnung diskutiert wird. 

Und deine letzte Frage bleibt tatsächlich wie ein Echo stehen: Wer bleibt übrig, um die Scherbenhaufen zusammenzufegen? 

Herzliche Grüße
Saira

 Didi.Costaire (08.03.26, 15:46)
Moin Sigi,

das Menü las sich nicht übel, doch am Ende hat ein Herrchen die Macht über all die starken Herren (und die schweigend Mette). Leider ist das auch für den Rest der Menschheit schlecht.

Liebe Grüße, 
Dirk

 Saira antwortete darauf am 08.03.26 um 23:04:
Moin Dirk,

stimmt: Viele Mächtige am Tisch und doch bleibt etwas im Raum, das größer ist als sie alle.

Und leider zahlt die übrige Welt am Ende meist die Rechnung.

Danke dir fürs Lesen.

Liebe Grüße
Sigi

 Tula (08.03.26, 16:03)
Hallo Sigi

Leere Schalen wie ausgeplünderte Länder.

eine treffliche Metapher
Ich habe leider das dumme Gefühl, dass sich einige beim Hauptgericht arg verschlucken, während andere eher hungrig bleiben. Beim Dessert jedenfalls lacht Kaiser Xi am lautesten  :(

Über die Dauer des Lichts am Ende ließe sich gewiss noch debatieren.

LG Tula

 Saira schrieb daraufhin am 08.03.26 um 23:05:
Hallo Tula,

danke dir für deinen Blick auf diese Metapher. Beim Schreiben kam mir dieses Bild tatsächlich wie ein leiser Nachhall des ganzen Banketts vor.

Über das Licht am Ende ist die Fantasie des Lesers gefordert.

Liebe Grüße
Sigi

 Hannes (08.03.26, 21:38)
Liebe Saira,
wie manchmal von mir ein 💚 fast ohne Kommentar.
... und danach wurde es langsam sehr dunkel.
Der
Hannes

 Saira äußerte darauf am 08.03.26 um 23:07:
Moin Hannes,

ein Herz reicht manchmal völlig.

Manche Geschichten brauchen nur einen stillen Leser, der versteht und danach wird es tatsächlich ein wenig dunkler.

Liebe Grüße
Saira

 Alabanda (09.03.26, 02:48)
Was macht Ishiba in der illustren Runde?
Khamenei auf Freigang aus der Hölle?

Wer von den feinen Tischsitten dort abgeschreckt ist, greift zum  verpönten Schweinefleisch.

Kommentar geändert am 09.03.2026 um 02:59 Uhr
Zur Zeit online: