Junge Mutter beim Einkaufsbummel

Kurzgeschichte zum Thema Allzu Menschliches

von  tastifix

Ab und zu versucht man es trotzdem...


Damals hatte ich ja noch keine vier Kinder, sondern davon nur eins.

Von Zeit zu Zeit bekam ich Sehnsucht nach der Innenstadt. Zwar warnten mich Freundinnen, ebenfalls Mütter, mir den Stress nicht anzutun.
"Was für´n Stress denn?", fragte ich sie ahnungslos.
"Du kriegst keine ruhige Minute!", meldete sich eine Wahrsagerin, Mama eines relativ quicklebendigen Zweijährigen.
"Quatsch!", war meine Antwort.
"Hinterher biste mit Deinen Nerven am Ende!", riet mir einen
andere Freundin dringend ab.

Meine Güte, was die alle hatten? So schlimm würde es schon nicht werden. Mein Töchterchen säße schließlich im Buggy und mümmelte zufrieden Brötchen, eins nach dem anderen. Einen ausreichenden Vorrat davon für zwei bis drei Stunden Stadtbummel mitzunehmen, hatte ich schon fest eingeplant.

Ich ignorierte die gut gemeinten Ratschläge von "zweijähriger Mama" und "wohl meinender Ratgeberin", nahm deren Predigten auf die leichte Schulter und beschloss, am nächsten Vormnittag startete ich einen ersten Versuch.

Nun war allein das Hinkommen in die Stadt relativ kompliziert, denn wir wohnten ziemlich weit außerhalb im Grünen. Ich besaß auch keinen Führerschein und war auf Bus und Bahn angewiesen.

Früh am Morgen zogen wir los, die Brötchentüte sicher verstaut im Kinderwagennetz. Noch bettelte Alexandra nicht darum. Sie hatte ja gerade erst mit Mama zusammen gefrühstückt. Gespannt wartete ich darauf, wann es soweit war.

Gottlob kam wenigstens der Bus pünktlich. Das allein blieb dann aber für den Rest des Tages die einzige positive Erfahrung, nur ahnte ich das da zum Glück noch nicht.

Schon beim Einsteigen samt Buggy fingen die Probleme an. Niemand, aber auch niemand sah sich berufen, mir ´mal ohne vorherige Bitte meinerseits das Gefährt hinein zu heben. Die Stufen waren relativ hoch.
"Entschuldigung, könnte mir `mal...?"
Teils bewusst unbeteiligte, teils abweisende Blicke. Anscheinend war man als junge Mutter mit Fast-Baby lästiger Störfaktor.
Ich versuchte es ein zweites Mal:
"Könnte mir bitte jemand helfen?"(Da schon mit Rufzeichen!)

Endlich, endlich rührte sich ein junger Mann und hievte meinen Wagen mit einem einzigen "Hopp" in den Bus. Ein wenig schuldbewusst wichen die Umstehenden zurück, damit ich auch Platz genug hätte.
"Nett von Ihnen, mir zu helfen!", bedankte ich mich aufatmend bei meinem Retter und lächelte. Wer ihn mehr als kokett anschmalzte, war meine Tochter. Augenscheinlich gefiel er ihr.

Das war geschafft. In ruckeliger Fahrt ging es in Richtung Innenstadt. Verkrampft umklammerte ich den Kinderwagengriff. Zwar war die Bremse angezogen, aber bei dem(!) Fahrstil konnte man ja nie wissen...

"Lieber Gott, lass uns bald da sein!", flehte ich.
Unser Schöpfer hatte Mitleid mit mir. Der Bus stoppte. Der neue Verehrer meiner Tochter sprang hinzu und hob Buggy plus Kind sanft auf den Bürgersteig. Die erste Hürde war genommen.

Ich wunderte mich. Alexandra strahlte übers ganze Gesicht, guckte dahin und dorthin, verrenkte sich fast den Hals, um ja alles mitzukriegen, was sich so tat und muckste sich kein bisschen. Stolz schob ich mein Kleines durch die Straßen, genoss so manchen Kommentar:
"Ach, ist die aber süß!"
Da pflichtete ich nur zu gerne bei.

Nach weiteren zehn Minuten landeten wir bei C&A. Die Gänge zwischen den Kleiderständern waren breit genug. Da passte der Wagen wenigstens durch. Ich betete nur darum, dass Alexandra nicht plötzlich den Wunsch verspürte, auf eigene Faust "anzuprobieren", sprich " sich irgendein Kledungsstück vom Bügel zu ziehen und dessen einen Zipfel dann in den Mund zu stopfen. Schließlich brauchte man ja Beschäftigung, wenn man schon ansonsten brav sitzen blieb.

Erster Kleiderständer - no problem. Der zweite auch nicht, dann aber erwachte Alexandras Interesse. Ihr Farbgefühl war schon immer sehr ausgeprägt. Wir streiften gerade den dritten, der Kleidung in allen möglichen Bonbontönen präsentierte. Schrecklich für mich, schrecklich verlockend für ein kleines Kind.

Töchterchen schnappte sich eine Bluse, zog energisch, das gute Stück gab nach, landete auf ihrem Schoss und ehe ich es verhindern konnte, deren einer Zipfel in ihrem Mund. Bestimmt wollte die angehende spätere Hausfrau das Stück Stoff ausschließlich auf Farbechtheit prüfen. Warum sonst hätte sie denn...??

Ich lief rot an. Keine Verkäuferin in der Nähe, gottlob auch niemand, der diesen Fehlgriff meines Kindes beobachtet hätte. Doch mein Gewissen erlaubte es nicht, die Bluse einfach heimlich zurückzuhängen.

Verschämt steuerte ich den Buggy zur Kasse.
"Hören Sie...!", begann ich stockend. Mittlerweile sah ich aus wie eine Tomate. Ungerührt der veränderten Stimmung ihrer Mutter krähte meine Kleine da vor mir vergnügt vor sich hin. Sie hatte ja erreicht, was sie wollte.

"Ja, was kann ich für Sie tun?", forschte eine der Verküferin.
Sie ahnte ja noch nichts.
"Mir ist es schrecklich peinlich. Meine Tochter hat sich dieses Kledungsstück geschnappt und an der einen Ecke drauf herum gelutscht."
Strafend guckte mein Gegenübers mich an, dann auf die Kleine.
Nach einer weiteren Sekunde schien mir da der Blick schon milder.

"Na, zeig` doch ´mal, was du da Schönes hast, hm?" lächelte die Verkäuferin. Ja wirklich, die lächelte.
"Wie lieb von Dir, oh Herr, dass Du Alexandra so riesige Kulleraugen spendiert hast!", wandte ich mich ein zweites Mal an Ihn.
"Mein Kind, ich tue nichts ohne Grund!"
Hääh??

Hatte mich dieser Zwischenfall so aus der Bahn geworfen? Ich riss mich am Riemen, entwand meiner Kleinen ihr neuestes Spielzeug und hielt es verlegen der Dame des Hauses hin.
"Ach, lassen Se ´mal!", meinte die doch tatsächlich und bedachte meine Tochter mit einem strahlenden Blick.
"Das kriegen wir schon wieder hin!"

Mehr als "Danke" kriegte ich nicht ´raus, drehte den Kinderwagen in die entgegen gesetzte Richtung und verabschiedete mich schleunigst aus dieser Abteilung. Wenigstens wusste ich jetzt, tauchten irgendwo leuchtende Kledungsstücke auf, wäre es anzuraten, möglichst stattdessen in der nächsten Etage stundenlang weiße Bettwäsche anzustarren.

Doch mein Ziel war die Babyabteilung. Ich schwärmte für Babysachen, nicht nur, weil ich selbst ein Fast-noch-Baby mein Eigen nannte. Diese winzige Beinahe-Puppenkleidung hatte es mir angetan.

Hach, diese niedlichen Kleider für die Mini-Mädchen, die gerade laufen konnten und die Mini-Jeans für die Buben. Ich konnte mich an den Sachen einfach nicht sattsehen.

Tja, und da dem so war, hielt ich mich entsprechend lange in jener Abteilung auf. Von den Stramplern zu den Kleidchen, von den Jeans zu den Anoraks in Zwergengröße. Immer hin und zurück.

Kein Wunder, dass es meinem Kinde dann irgendwann zu langweilig wurde. Vorbei war es mit der Ruhe. Im Buggy saß nicht länger dieses kleine Püppchen, mit dem ich von zuhause los gezogen war, sondern ein noch(!) leise murrendes Etwas.

"Schsch, ist ja gut. Wir gehen ja gleich!", flüsterte ich ihr zu in der Hoffnung, sie nähme "gleich" für wahre Münze. Aber ich unterschätzte sie. Das beleidigte Gemuckse wurde lauter, die ersten Kunden guckten. Noch freundlich, aber wie lange noch?

Ich erinnerte mich der Brötchen, beförderte eines von ihnen aus seiner Tüte und hinein ins Patschhändchen. Sofort war Frieden. Tochter mümmelte und mümmelte. Selig zog ich durch die Abteilung. Doch nach fünf Minuten war das Brötchen verschwunden und damit auch der krümelig erkaufte Frieden.

Jetzt erhob sich kein schüchterndes Klagen, nein, Alexandra war es endgültig leid, da ´rum zu sitzen. Sie wollte ´raus. Der Besänftigungsversuch mit einem zweiten Brötchen schlug fehl und sie mir das sauer aus der Hand. Das kugelige Etwas blieb nicht etwa neben dem Wagen liegen, sondern rollte, wie konnte es auch anders sein, flugs unter den nächsten Kleiderständer.

"Auch das noch!", stöhnte ich, mein mittlerweile brüllendes Kind betrachtend, das verzweifelt versuchte, den Sicherheitsgurt los zu werden, der es so unverschämterweise an seine Kinderwagen fesselte. Erst biss sie drauf, dann lüllte sie ihn voll, daraufhin, weil sich nichts in Richtung Freiheit tat, kriegte sie einen waschechten Tobsuchtsanfall. Sie schrie mit ihrem sehr durchdringenden Kinderstimmchen wie am Spieß und wie von ihrer Mama gepeinigt los, bäumte sich auf, wand sich auf ihrem Sitz und trat wild um sich.

Ich schämte mich halb zu Tode, zumal...
"Mein Gott, das arme Kind!", entrüstete sich eine alte Oma.
"Was macht die denn mit ihrer Kleinen?", stieß eine Andere mit vor Wut mich anblitzenden Augen hervor.
"Leute gibt`s!", stellte die Dritte den Kopf schüttelnd fest.

Mir lief der Schweiss den Rücken ´runter. Ich fühlte mich unter den verurteilenden Augen der Umstehenden wie eine Verbrecherin, die gerade ihr Kleines lünchte, das ja so arm dran war, was es durch ein allerdings alles andere als klägliches Gebrüll lautstark demonstrierte. So lautstark, dass die Musikuntermalung im gesamten C$A sich dagegen wie Mausefiepen ausnahm.

Frustriert wurde ich energisch:
"Mensch, hör`endlich auf zu brüllen!!"
Alexandra sah das gar nicht ein und brüllte weiter. Da sie ja die Generalprobe schon erfolgreich bestanden hatte, folgte jetzt die feierliche Premiere, die für meine geplagten Ohren und die sämtlicher Anwesenden in ihrer Intensität geradezu unzumutbar wurde.

Meine Tochter strengte sich dermaßen an, dass auch sie allmählich einer überreifen Tomate glich und leider auf Grund dessen ein Verleugnen des Mutter-Kind-Verhältnisses da für mich unmöglich war.

"Jetzt ist aber Schluß!"
Ich hatte doch tatsächlich meine Erziehung vergessen, die Continance verloren und brüllte zurück. Da ich aber nicht so fleissig vorher geübt hatte wie mein herzallerliebstes Töchterlein, blieb das Sieger und unterhielt das ganze Kaufhaus mit seinem Geschrei.

Weil ich mich wehrte, weil ich es diesem ja ach so bedauernswerten Geschöpf zeigen wollte, wer der Stärkere wäre, erntete ich noch wütendere, entsetztere Blicke von allen Seiten. Mir ging ein Licht auf: Mitleid durfte ich hier nicht erwarten.

Blamiert hatten wir uns soundso schon bis auf die Knochen. Jetzt kam`s auf " ein bisschen noch mehr" auch nicht mehr an.
"Bist du jetzt endlich still!", rüttelte meine immer noch tobende Tochter, drückte sie in ihren Sitz zurück und ihr ein Brötchen zwischen die Zähne.

Das wiederum verwirrte das liebe Kind doch sehr. Verdutzt vergass es, seine Brüllorgie fortzusetzen und schielte schniefend auf diese Leckerei. Diese Opernpause nutzte ich, putzte meinem Nachwuchs die Laufnase sowie die Tränen von den Wangen, streichelte ihm über den wirren, verschwitzten Lockenkopf und verwandelte mich innerhalb der nächsten Minute wieder in die sanfte, liebende Mama.

Auch da bewies sich die Familienzugehörigkeit. Gleichzeitig wurde aus meinem fuchtigen Besen da vor mir im Buggy wieder das süße kleine Mädchen, auf das ich so stolz war. Erleichtert bahnte ich mir den Weg durch das Spalier der vor sich hin raunenden, restlichen Kundschaft und verschwand eiligen Schrittes aus diesem gastlichen Haus.

In der nachfolgenden halben Stunde der Heimfahrt war Alexandra übrigens emsig damit beschäftigt, das Brötchen gründlichst zu zerpflücken und dessen Innenleben sorgsamst auf dem Boden des Busses zu verteilen.

Ihre Mama machte drei Kreuzzeichen.
Diese Einkaufstour vergäße ich bestimmt so schnell nicht wieder.

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (15.07.18)
"Na, zeig` doch ´mal, was du da Schönes hast, hm?" lächelte die Verkäuferin. Ja wirklich, die lächelte.
"Wie lieb von Dir, oh Herr, dass Du Alexandra so riesige Kulleraugen spendiert hast!", wandte ich mich ein zweites Mal an Ihn.

Dieser plötzliche religiöse Ausbruch der Ich-Erzählerin wirkt etwas sehr befremdlich, passt nicht so recht zum Rest.

Insgesamt gerne gelesen, denn der Text bestätigt ja die Vorurteile der normalen Menschen zu 100%.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 04.10.18:
Ist da jemand, da draußen...?
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