Seance
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Substanz

Roman zum Thema Ungewissheit

von  Mutter

Wir stehen uns gegenüber, sehen uns kurz verlegen an. Sie hält die Tür in der Hand, hat die Wange an das Holz gelehnt. Und innerlich atme ich ein weiteres Mal erleichtert auf – keine Geisterbeschwörung. Manu ist immer noch nicht Luisa, und sie zu sehen stürzt mich in keinen bodenlosen Abgrund. Stattdessen freue ich mich, sie zu sehen. Lächle scheu.
Bevor ich ein Wort sagen kann, ist Manu durch die Tür durch und umarmt mich. Schlingt ihre Arme um meine Brust, drückt zu, als wäre ich ihr vor ein paar Tagen weggelaufen. Als könnte sie damit verhindern, dass das ein weiteres Mal passiert.
Nach einem Moment lässt sich mich los, errötet und schaut erst mich, dann den Boden an. „Wann seid ihr zurück gekommen?“, fragt sie, während sie die Tür aufmacht, um mich reinzulassen. Schiebt sich eine Locke aus dem Gesicht, um sie hinters Ohr zu klemmen.
„Gerade eben“, sage ich mit einem Grinsen, während ich an ihr vorbeigehe. „Es riecht nach Kaffee.“
„Ja“, sagt sie mit einem Lächeln. Ein kurzer Blick zurück über die Schulter, bevor sie in die Küche geht. „Geh vor, ich mach dir einen.“
Mir fällt auf, dass sie nur ein langes Schlaf-Shirt trägt. Und dass sie Luisa doch stark ähnelt. Plötzlich habe ich Schwierigkeiten, zu schlucken. Traue mich aber nicht, sie zu bitten, sich etwas anzuziehen.
Als sie einen Moment später mit zwei Kaffeeschalen ins Wohnzimmer kommt, sitze ich bereits am Tisch.
„Habe ich dich geweckt?“
„Nein, ich bin schon eine Weile wach. Ich hätte gestern Abend ein paar Designs fertigmachen und rausschicken sollen, bin aber zu müde gewesen.“ Sie zuckt  mit den Schultern und grinst. „Oder sagen wir zu faul.“ Schlagartig wird sie wieder ernst. „Was habt ihr herausgefunden?“
Ich versuche in meinem Kopf zu sortieren, was ich ihr erzählen will und was nicht. Also berichte ich von Madame Fournier, von Gorille und der beschissenen Kindheit, die Tiger gehabt hat. Sie beobachtet mich aufmerksam, hört zu. Stellt manchmal kurze Fragen, beschränkt sich meist aber auf ein Nicken und kurze Schlucke aus ihrer Tasse. Mein Kaffee wird langsam kalt.
Während sie offenbar noch verdaut, was ich ihr alles erzählt habe, sage ich unvermittelt: „Es hat ein weiteres Opfer gegeben.“
„Was?“
„Frank hat mich angerufen. Hier in Berlin. Sie haben sie gestern gefunden – die Spuren stimmen alle überein.“
„Mit denen, die sie bei euch in der Wohnung gefunden haben?“
Ich nicke, nehme endlich einen Schluck aus meiner Schale.
„Also sind sie sich sicher, dass es der gleiche Täter ist?
„Scheint so. Sieht ganz danach aus.“
Dann kommt die Frage, auf die ich gewartet habe. Bemerke, dass ich aus Furcht vor ihr den Bauch angespannt halte.
„War es Tiger?“
Ich atme erst aus, bevor ich antworte - als würde ich mich auf diese Weise entspannen können. „Sie haben jedenfalls keine neuen Erkenntnisse.“
„Was heißt das? Sie wissen es immer noch nicht?“
Ich zucke erst mit den Schultern, nicke dann. Manu starrt in ihre Schale, fährt mit einem schlanken Finger langsam den Rand entlang. Ich betrachte ihr Gesicht, dass so wunderschön wie das ihrer Schwester aussieht. So ähnlich und doch so anders.
Und plötzlich muss ich an das Bild in meiner Tasche denken, und es brennt mir fast ein Loch in den Stoff.
Martina Hauptmann hat nicht nur starke Ähnlichkeit mit Luisa – sie gleicht damit auch Manu. Für einen Augenblick habe ich das Gefühl, mein Gesicht erstarrt, wird zu einer aus Stein gehauenen Fratze. Als sie hochsieht, weil sie meinen Blick bemerkt, reiße ich den Kopf rum. Stehe hastig auf, so dass ich meinen Stuhl scharrend nach hinten schiebe und fast umschmeiße. Manu erschrickt, aber ich wende mich ab, gehe raus in den Flur.
Flüchte ins Bad, schließe mich ein. Für eine Sekunde denke ich darüber nach, mich melodramatisch an das Porzellan der Kloschüssel zu klammern und mich zu erbrechen. Kommt vermutlich ohnehin nichts. Stattdessen schütte ich mir am Waschbecken immer wieder kaltes Wasser ins Gesicht, lasse es über den Kopf und meinen Nacken herunterrinnen.
So lange, bis ich das Gefühl habe, mich langsam wieder in den Griff zu bekommen. So lange, bis Manu von draußen gegen die Tür klopft. „Alles in Ordnung?“, will sie besorgt wissen.
„Ja, komme sofort.“
Statt mir das Gesicht mit dem Hände-Handtuch zu trocknen, verstecke ich mich im Frottee. Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Und beschließe, ihr diese Tatsache vorzuenthalten.
Wir wissen nichts – ich nicht, die Bullen nicht. Kennen den Täter nicht, haben keine Ahnung, warum Luisa und die Hauptmann ermordet worden sind und warum zum Teufel sie sich ähnlich sehen. Wie kann ich Manu mit all diesen offenen Fragen konfrontieren, ihr keine davon beantworten und sie in Angst versetzen?
Ich schüttle meinem Spiegelbild gegenüber energisch den Kopf und gehe, um die Tür aufzumachen. Für einen Moment stehe ich hilflos im Türrahmen, weil Manu mir den Weg versperrt. „Was ist los?“ Ihre Stimme klingt weich - ohne jede Härte, ohne jeden Vorwurf, den ich unbewusst erwartet habe.  Als könne sie ahnen, was ich über ihren Kopf hinweg beschlossen habe.
Stumm schüttle ich den Kopf, berühre sie sanft am Oberarm – um ihr zu versichern, dass alles in Ordnung ist. Vor allem aber, um sie sanft aus dem Weg zu schieben.
Sie folgt mir ins Wohnzimmer. „Willst du was essen? Ich könnte ein paar Brötchen aufbacken.“
Ich muss erst einen Moment überlegen, bevor ich die Frage beantworten kann. Eigentlich sollte ich etwas essen - kommt mir wie eine halbe Ewigkeit vor, seit ich etwas in den Magen bekommen habe. Aber ich vertraue ihm nicht genug, um etwas herunter zu würgen.
Manu setzt sich zurück an den Tisch, sieht zu, wie ich unschlüssig am Fenster stehe. Unruhig hin und her laufe. Als ich bemerke, wie sie mich beobachtet, sehe ich zu ihr rüber. Sie versteckt ein feines Lächeln.
„Was?“
Sie schüttelt den Kopf. Antwortet dann doch: „Deine Unruhe. Die verstehe ich so gut.“
Mein Blick wandert rüber zum Fenster, um sie nicht ansehen zu müssen. Sonst müsste ich ihr vielleicht erklären, dass sich in die Unruhe längst eine Riesen-Portion Angst gemischt hat und in meinem Magen eine explosive Mischung anrührt. Eine Scheiß-Angst.
Ich versuche, sie und mich abzulenken: „Hat Wehmeier sich gemeldet?“
„Nein, gar nicht.“ Mit einem weiteren Lächeln fügt sie hinzu: „Aber du warst auch keine Ewigkeit weg.“
Ich reagiere nicht. Mir kommt es so vor. Eine Woche, zwei? Einen Monat, ein Jahr. Eine Ewigkeit – wann habe ich Luisa das letzte Mal gesehen? Lebendig.
„Was ist mit der Freigabe der Leiche?“
Falls Manu über meinen harten Wechsel überrascht ist, verzieht sie keine Miene. „Eine Mitarbeiterin vom LKA wollte sich mit uns in Verbindung setzen.“ Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Soll ich das machen?“
Eine kleine Stimme in mir ruft: Jajajaja! Lass sie das machen. Deine Luisa ist längst weg – die hat mit dem Körper im Leichenschauhaus nichts zu tun. Kann sich Manu drum kümmern.
Ich ignoriere das Flüstern und nicke müde. „Lass uns das zusammen machen, ja?“ Kommt mir nur fair vor – was ist der größere Verlust: Die Zwillingsschwester oder die Freundin? Uns beiden fehlt ein elementarer Teil von uns selbst, Teil unsere Substanz.
Und ohne, dass ich es verhindern kann, springt mich der Schmerz von hinten an, gräbt schwarze Klauen in Rücken, Brust und Bauch und zerfetzt mich. Kein Teil von mir bleibt heile, während ich schluchzend neben dem Stuhl auf den Boden sinke.

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Kommentare zu diesem Text

Kitten (36)
(29.06.10)
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