Hinter deinen Augen - Teil 4

Kurzgeschichte zum Thema Leben/Tod

von  MrDurden

Süßer Martini mit grüner Olive. Überteuerter Maßanzug und saphirblaue Fliege. Kein Problem, sich in einem solchen Aufzug am Empfang vorbeizumogeln. Mit dem Rücken am Tresen beobachte ich, wie sich all die Schnösel und neureichen Geldsäcke mit einem Lächeln um ihre Finanzen bringen lassen. Einarmiger Bandit, Gedränge um den letzten Roulettetisch, Black Jack und Poker. In dieser Hölle aus Spielkarten, Chips und 20 Dollar Cocktails ist sich jeder selbst der nächste. Und trotz des guten Drinks steigt ein Gefühl unendlicher Übelkeit in mir auf. Motor City Casino Hotel, ich brauche dringend etwas Bewegung.

Also trinke ich aus und vertrete mir etwas die Beine. Ich denke an Allie, an ihr schulterlanges, schwarzes Haar, an ihre Stimme. Viele Menschen sprechen von Liebe, wo keine Liebe ist. Sie schmieren einander Honig ums Maul und lügen, weil die Wahrheit für den Partner oft nicht gut genug ist. Niemand will hören, dass Liebe Zeit brauch, dass sie nicht selbstverständlich ist. Alles muss schnell passieren, denn Zeit ist zu wertvoll, um sie in einen anderen Menschen zu investieren. Ich liebe Allie. Würde ich sie nicht lieben, wäre ich nicht hier.

10.000 Dollar in Chips, wenn ich dieses Geld verfünffachen will, muss ich riskant spielen. 22:00 Uhr, seit knapp einer Stunde beobachte ich einen Mann am Texas Hold’em Tisch. Er hat ungefähr mein Alter und einen beachtlichen Berg an sauber aufgereihten Chips vor sich stehen. Er hat mich bereits vor einer halben Stunde bemerkt, beendet eine weitere Runde als Gewinner und winkt mich mit kühlem Blick an den Tisch. Mit gespieltem Selbstvertrauen schlendere ich ihm angespannt entgegen und nehme Platz.

„Sie scheinen sich für mein Spiel zu interessieren, Sir. Mit wem habe ich das Vergnügen?“

Als ich ihm meinen Namen nenne, wirkt er trotz Pokerface überrascht. Beinahe als hätte er einen alten Schulfreund nach langer Zeit wiedergetroffen. Sein Anzug war mindestens dreimal so teuer wie meiner und trotz höflicher Erscheinung hält er es nicht für nötig, sich mir vorzustellen. Und doch scheine ich sein Interesse geweckt zu haben. Mit einem dezenten Winken bestellt er mir einen weiteren Martini, verlangt nach Karten für uns beide und versucht mich in ein Gespräch zu verwickeln.

„Wissen Sie, es klingt nach einer dieser alten Spielerfloskeln, doch es ist tatsächlich wahr. Der beste Weg, einen Menschen kennenzulernen ist ein Spiel um Geld. Denn um nicht zu verlieren sind die Menschen bereit, ihre wahre Natur zu offenbaren.“

Small Blind 1.000 Dollar, wenn ich nicht innerhalb der nächsten zwei Spielrunden die Oberhand gewinne, habe ich kaum noch etwas, das ich setzen könnte. Pik Fünf und Kreuz Zehn, ich kann es mir nicht leisten, auf Straßen oder Pärchen zu hoffen, also passe ich. Runde um Runde kein gutes Blatt, vom Flop ganz zu schweigen. Habe viel verlernt seit meinem letzten Spiel, auch um Geld ging es nie und erst recht nicht um solche Beträge. Ich denke an Allie, an unser Zuhause, kann das Zittern meiner Hände nicht länger verbergen. Für meinen Gegner bin ich ein offenes Buch, doch er lässt sich nichts anmerken. Zwei neue Karten, Herz Dame und Caro Zehn. Und neben den Blinds in der Mitte des Tischs erscheinen zwei Damen und ein As. Beinahe Full House, aber eben nur beinahe.

„Raise.“

Mein namenloser Gegner scheint ernst zu machen und erhöht um 2.000 Dollar. Ich habe keine andere Wahl als zu hoffen und mitzugehen.

„Call.“

Die vierte Karte, ein weiteres As. Es herrscht Stille. Ich sehe ihm nicht in die Augen, doch ich spüre seine Blicke. Er weiß um meine ausweglose Situation und wird erhöhen, bis er jeden meiner Chips auf seiner Seite hat. Es ist zu spät für einen Rückzieher und bis auf 1.000 Dollar setze ich all das Geld für meinen alten 71er Mustang auf die letzte Karte des Flops. Mein Gegner scheint wenig beeindruckt, entbehrt einige seiner unzähligen Chips und verlangt die letzte Karte.

„Herz Zehn, ihre Einsätze bitte.“

Full House, ich kann es nicht fassen. Nur nichts anmerken lassen und ruhig bleiben. Ich atme tief ein, zögere und lasse ihn denken, ich hätte nichts auf der Hand. Und tatsächlich scheint es zu funktionieren.

„Ich erhöhe auf 50.000 Dollar.“

Mein Herz schlägt so stark, beinahe schmerzt es. Meine letzten 1.000 Dollar hindern mich am weiterspielen und ich bin gezwungen zu passen und das Handtuch zu werfen. Doch im selben Moment erinnere ich mich an den Schlüssel des Mustang GT 500, den Will mir als Glücksbringer mitgegeben hat. Aussteigen kommt nicht in Frage. Es ist riskant, doch es könnte klappen.

„Meine Chips sind heute Abend eher bemessen, doch sollten Sie sich für Autos begeistern, kann ich Ihnen ein Geschäft anbieten. Verliere ich, gehört Ihnen mein 75.000 Dollar teurer Mustang. Mein Angebot steht.“

Wieder dieser skeptische Blick. Als würde er mich kennen und als könne er jeden meiner Gedanken lesen.

„Am Auszahlungsschalter ist ein Aluminiumkoffer hinterlegt. Sollten Sie gewinnen, gehört er Ihnen. Er wird dann exakt 75.000 Dollar beinhalten. Lassen Sie uns sehen, wohin das alles führt.“

Ich lege mein Blatt auf den Tisch. Die Anspannung ist unerträglich. Seine Hand wird über Allies Leben entscheiden. Und mit einem Lächeln wirft er zwei Asse in die Mitte des Tischs. Vierling. Plötzlich ist alles still und selbst mein Herzschlag scheint gefroren.

„Sie waren ein guter Gegenspieler, Sir. Wenn Sie mich dann zu meinem neuen Wagen begleiten würden.“

Zitternd stehe ich auf und verlasse in Begleitung meines Gläubigers und zwei seiner Freunde das Casino. Egal, was diese Typen danach mit mir anstellen, ich muss alles erklären. Doch bevor ich ein Wort sagen kann, unterbricht die Stimme des unbekannten Spielers die Stille.

„Ich weiß, dass es keinen Ford Mustang Shelby GT 500 gibt und möchte mich nun vorstellen. Mein Name ist Thomas Grisham. Ich habe Ihnen heute einen 71er Mustang abgekauft. Folglich haben Sie den ganzen Abend über mit meinem Geld gespielt. Wir beide wissen, dass Sie Ihre Schulden niemals begleichen könnten. Es interessiert mich auch nicht, wofür Sie ein derartiges Risiko eingegangen sind. Doch ich kann Sie beruhigen, Sir. Sie werden Ihren Wagen schon bald wiederhaben.“

Ein leises, hinterhältiges Kichern. Ein Schlag auf meine rechte Schläfe. Dunkelheit. Tiefes Schwarz, das selbst vom silbernen Licht des Vollmondes undurchbrochen bleibt.

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