Das einmalige Rendezvous Teil XV.

Erzählung zum Thema Arbeit und Beruf

von  pentz

Als erstes an der Reihe ist die kleine Pinte um die Ecke.
Genau weiß ich nicht mehr, wo sie liegt und so fahren wir zunächst im Schritttempo einige Zeit durch diese Fußgängerzone dieses Vorstadt-Viertels.
Nur eine Tür zwischen zwei großen Schaufensterscheiben, die sperrangelweit offen ist, verkündet, dass hier etwas geöffnet ist, davor ein Tisch mit zwei Stühlen – hier könnte sich ein Südländer ein paar Stühle herausgestellt haben, um es sich in gewohnter Heimatsitte im Freien gemütlich zu machen.
Hinter dem Stuhl an der Fensterscheibe der Auslage steht in dicken schwarzen Lettern folgendes: Bitte haben Sie Verständnis dass der Biergarten im Sommer nur für Nichtraucher reserviert ist. Sie haben jahrelang für rauchfreie Indoor-Räume gekämpft. Bitte nutzen sie diese nun auch im Sinne Ihrer Gesundheit.
Das ist ein Gemisch aus bestem Deutsch, vor allem Amtsdeutsch, Anglizismen und Latein und heißt nichts anderes als: nachdem ihr es geschafft habt, dass wir nicht mehr im Lokal rauchen dürfen, ist dieser Platz nur Rauchern vorbehalten. Ich bitte um Verständnis – der Wirt.
Was auf dem Zettel steht ist eines, das andere, was wirklich in diesem Lokal vor sich geht, was mir schlagartig klar wird, kaum dass ich in das Lokal eingetreten bin: am liebsten wäre ich es sofort wieder geflohen. Da musste gestern eine ganze Brigade ein Fest gefeiert haben angeruchs des beizenden, kalten Rauchs. Mir ist furchtbar schlecht.
Ein Mann, der an der linken Wand mit einem Hebel einen der etlichen Spielautomaten bedient und daran herumkurbelt wie wild, kriegt bei unserem Anblick einen Schrecken, steht sofort auf und stielt sich an uns vorbei aus dem Raum.
Die Affenstall-Kälte bildet sich durch den hereinziehenden Luftzug der offenen Eingangstür vorne und der Klotür hinten raus. Schlimmer noch ist, dass wir zudem benommen und geblendet sind, zum einen von den rotierenden, blinkenden und lärmenden Spielautomaten links und dem flimmernden dröhnenden Flachbildschirm an der Ecke oben andererseits. Devise: Augen zu und durch!
Der Wirt lehnt mit seinem ganzen Körper an der Theke, als könne er sich nicht mehr aufrecht halten. Auf dem Tresen steht eine riesige Glas-Kanne voll dunkelschwärzestem Kaffee. Ein riesige Humpen ist mit diesem puren Giftkonzentrat aufgefüllt und wird in riesigen Schlucken kalt konsumiert. Es geht einzig um die Wirkung, nicht um den Geschmack, der Bekömmlichkeit oder gar dem Aroma.
Der Kaffee-Genießer raucht zudem eine derart dicke Zigarette ohne Filter, dass trotz Durchzugs sein Kopf von einem Ballon aus Zigarettenqualm umhüllt ist. Die Augen sind starr fixiert auf den riesigen, flimmernden Flachbildschirm oben in der Ecke. Scheinbar hat er uns gar nicht wahrgenommen.
Unsere Begrüßung verhallt ungehört. „Guten Tag!“
Aber der Polizist schreitet gleich zu direkteren Maßnahmen und baut sich ostentativ vor dem Angesprochenen auf. Er will damit der Begegnung einen formellen Charakter verschaffen.
Er kommt unmittelbar zur Sache. Diese sehe so aus, dass sie hier seien, um einen Mord aufzuklären, weswegen seine Zeugenaussage gefragt sei.
Er prallt mit seinen Worten ab wie Wasser an manchen tropischen Pflanzen.
Doch ein Ermittler gibt so schnell nicht auf. Sein Zeigefinger weist auf mich und er fragt: „Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?“
Kein Wimperzucken. Aber heftiges Zuckeln an der Zigarette.
„Sie müssten Ihn kennen. Er war mit einer Frau vor vielleicht einem halben Jahr hier. Er hat sich in eine Ecke gesetzt mit ihr.“
Ich deute in die betreffende Ecke, mit dem Fenster zu Straße.
„Dann ist er aber vorzeitig gegangen. Ohne zu bezahlen. Bezahlt muss die Frau haben.“
Er macht eine Pause.
„Das müsste Ihnen auf jeden Fall erinnerlich sein. Ein Paar, Mann, Frau kommen in Ihre Kneipe. Der Mann verzieht sich vorzeitig, die Frau ist genötigt, die Zeche zu bezahlen.“
Ich ergänze: „Die Frau muss völlig überrascht gewesen sein. Sie hat nicht damit gerechnet, dass sie bezahlen muss. Also wird sie nach dem Mann, nach mir, gefragt haben. Wo ist mein Begleiter verblieben? Ach so, er ist schon gegangen. Na gut, dann bezahle ich eben die Zeche. – So wird die Frau gesagt haben.“
Der Polizist, eilfertig und voll Freude über meine Phantasie, ergänzt enthusiastisch: „Genau, so ähnlich muss es abgelaufen sein. Das ist für jeden Kneipenwirt nicht alltäglich, das kommt nicht alle Tage vor, daran wird er sich noch nach Jahren erinnern.“
Scheinbar jedoch nicht dieser Wirt. Wenn überhaupt er sich an etwas erinnern dürfte, dann wann sein Lieblingsclub das letzte Mal den Pokal geholt hat. An anderes wird seine Erinnerung kaum kleben.
Unbeeindruckt starrt gerade dieser Gastgeber völlig gebannt auf ein menschengeschichtlich entscheidendes Schauspiel, das zu versäumen sträflich wäre. Zum Zerreißen angespannt ist das Spiel: eine Mannschaft greift an, die andere versucht abzuwehren.
Der Polizist schaut mir in die Augen, die besagen: „Was können wir schon anderes tun, als uns zu gedulden?“, und lässt die Arme hängen. Ich schniefe mit der Nase, als hätte sie eine Überdosis Koks abgekriegt.
Aber nachdem nur ein Torpfosten getroffen und die Werbung eingeblendet wird, antwortet der Kneipier nicht etwa endlich, sondern verschwindet in die anliegende kleine Küche. Fasziniert beobachten Polizist und ich ein anderes Schauspiel: die zurückgelassene Zigarette im Aschenbecher auf der Theke, wie sie sich zu Tode qualmt.
Man darf sich die Fortbewegung des Wirtes nicht als normale Bewegungsabläufe vorstellen. Es handelt sich um ein einzige Bewegung, wie wenn eine Rakete lossaust, die zwischen ihren Stationen keinerlei Takte, Zwischenspiele kennt, ein Strich, in perfekter Weise von A nach B gezogen, ohne Um-, Ab- oder sonstige überflüssige Wege. Selbst wenn er sich gleich auf den Barhocker setzt, darf man sich nicht ein Klettern auf diesen vorstellen, sondern ein Schießen daraufhin und ein Schweben darauf ab, blitzschnell und raketenartig, so schnell schaut man gar nicht.
Zweitwichtigstes wird nunmehr erst einmal versorgt: er bringt in einer blechernen Schüssel in der Hand ein paar Scheiben Wurst und Geschnetzeltes und pfeift und gurrt: „Wo ist den mein kleiner geiler Schlecker? Pffff.“
Der Hund, ein Spitz, so winzig wie ein Boxerhandschuh etwa, sich überhaupt noch nicht bemerkbar gemacht, kommt aus seiner Ecke gedackelt und wedelt mit dem Schwanz. Er reicht kaum über die Ess-Schüssel, bekommt aber etwas davon ab, weil die Schüssel überfüllt ist.
„Gella, das tut Ihm aber gut, dem wilden Fiffi!“
Wir sind beeindruckt. Seinen Hund in der dritten Person Plural wie einen Adligen anzureden, lässt auf gute Kinderstube schließen.
Er ist schon wieder in die Küche entschwunden, um Drittwichtigstes zufrieden zu stellen: seinen eigenen Hunger. Immerhin, als er zurückkommt mit einem überquellenden Baquette auf dem Teller in der Hand und belfert: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern“, fliegt er dabei auf seinen Barhocker, zündet sich erneut eine Zigarette an, an der er saugt, wenn er nicht gerade mit vollsten Mund kauen muss. Dabei schaltet er sich wieder in den Stand-by-Modus, das Spiel verfolgend und völlig teilnahmslos gegenüber der Umwelt. Er selbst ist wie ein Bildschirm, auf dem jetzt alarmartig und grell die Worte blinken: „Bitte nicht stören! Will jetzt meine Ruhe haben. Dass das klar ist!“
Polizist und ich verziehen uns, ohne umständlicher und überflüssiger Höflichkeitsbezeigungen, ein Abschied, der uns leicht fällt und erleichtert.

Buch erhältlich unter e-mail-adresse siehe:
http://www.pentzw.homepage.t-online.de/literatur.html

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