Die Verkaufsfahrt

Text zum Thema Konsum

von  tastifix

Die Verkaufsfahrt


„Hast du Lust, mitzukommen?“, fragt meine Freundin.
Ihr Ziel ist ein großer, bekannter Bauernhof in der Nähe von Haltern.
“Dort gibt’s nach einer Veranstaltung ne Riesentüte Kartoffeln und verschiedene Wurstorten kostenlos.“
´Aha, daher weht der Wind!`, grinse ich. ´Und dafür bis Haltern?`
Klar sage ich zu. Ein Ausflug mit ihr wird bestimmt lustig.

Uns erwartet eine vierstündige Busfahrt. Wir stehen um 6 Uhr auf, frühstücken eilig, lassen uns vom Taxi zum Bahnhof bringen und steigen gegen 8 Uhr in den Bus. Der vorsichtshalber wegen der Kartoffeln und der Wurstsorten mitgeschleppte Trolley findet knappen Platz in dem äußerst schmal bemessenen Ablagefach direkt über uns.
„Bleib bloß da oben!“, beschwöre ich ihn.

Gegen 12Uhr erreichen wir den Bauernhof. Angenehm überrascht mustern wir das hübsche Empfangsgebäude. Deshalb recht guter Laune, lassen wir uns voller Vertrauen in das Ganze gleich einer Herde durch die Gänge bis in einen großen Saal schieben. Dort schwindet dann die gute Laune recht fix. Die Einrichtung ähnelt der einer äußerst spartanisch ausgestatteten Uni-Mensa. Lieblos aneinander gereihte Tische und vor denen extrem unbequeme Stühle. Ein paar Gardinen und auf den Fensterbänken je drei kümmerliche Pflanzen sollen das Bild wohl erträglicher gestalten. Ganz vorne steht ein Pult. Das Fernsehgerät darauf bietet den wirklich einzigen Lichtblick in diesem wahrlich tollen Ambiente. Allerdings stammt der Kasten - wie passend - gleichfalls von anno dazumal.

„So, jetzt setzen wir uns mal alle hin ...“, fordert der junge Verkaufsleiter uns Senioren im Kindergartentantenton auf.
Wir, seine 76 Gäste, sind kaum auf die harten Stühle geplumpst, als auch schon von allen Seiten Kellner auf uns zuschießen. Die Geräuschkulisse ist beträchtlich und so brüllen sie uns die Ohren voll:
„Was wollen Sie trinken?“
Die Meisten wählen Kaffee, mir ist nach Tee zumute und der Kellner verziert meine Eintrittskarte mit einem künstlerisch gestylten ´T`.
Derweil marschiert der Verkaufsleiter auf die rechte Saaltür zu, durch die wir ja soeben hier rein getrieben worden sind. Mit zwei Fingern der linken Hand ruckelt er ein bisschen daran. Klar, dass sich nichts tut.
„Sie sehen, sie ist nur sehr schwer zu öffnen. Bitte, benutzen Sie also nur die linke!“
Die aber führt, wie unschwer ein Schild verrät, nur bis zum Klo. Mir schwant:
„Ausbüchsen ist nich!“
Betont nachdrücklich und ebenso laut schließt der Verkäufer die Tür wieder, patroulliert in geradezu militärischer Haltung und dazu passender undurchdringlicher Mimik an den Tischen entlang zum Pult, stellt sich dort in Positur, lächelt charmant in die Runde und lässt, wie er wohl findet, nooch weitaus charmantere Witze vom Stapel. Ich finde es gar nicht, sondern halte sie für ausgesprochen primitiv.

Dann erinnert er sich anscheinend an die Gebote der Höflichkeit:
„Es gehört sich, dass ich mich vorstelle: Ich bin der Heinz (lächel!) und um allen weiteren Fragen vorzubeugen (Lächeln wird stärker): Ja, ich bin verheiratet und ja, ich habe drei Kinder ...“
Lachen und beifälliges Nicken von allen Seiten.
„Wenn Sie Fragen haben, sind ich und meine Mitarbeiterin für Sie da!“
´Hm“, denke ich. „Der Esel nennt sich immer zuerst!!`
Dies bleiben dann Heinz` letzte nette Anmerkungen für den außerordentlich langen Rest des Tages. Er kommt nämlich nun abrupt in einem erschreckend dominanten Befehlston zur Sache. Meiner Freundin, einem gegenüber sitzenden ehemaligen Polizeibeamten und mir dröhnt es nur so in den Ohren:
„Wer von Ihnen hat schon mal Rückenschmerzen gehabt?“
Wirklich heben sich unter leidvollem Nicken so einige Finger. Ja, davon können die Meisten ein Lied singen.
„Damit ist jetzt Schluss, meine Damen und Herren! Denken Sie nach und wenn Sie richtig überlegt haben, dann werfen Sie ihre Matratze daheim auf den Müll und kaufen sich heut sofort diese hier!!“
Mit einer Geste, die fast einem Befehl gleichkommt, zeigt er auf das gefälligst zu erwerbende Ding auf einem Tisch neben ihm. Es ist imponierende 25 cm dick.
„Was kostet die denn?“
Einige beweisen Mut und trauen sich tatsächlich, da mal nachzufragen. Heinz fühlt sich beleidigt, blitzt sie sauer an, bevor er sich dann fix am Riemen reißt, wieder ganz lächelnde Maske ist und von oben herab gelassen antwortet:
„.2000 Euro! Dieses Geld muss Ihnen aber Ihre Gesundheit wert sein!!“
Die nur zum Teil zustimmende Reaktion darauf zeigt ihm, dass es da mehr bedarf. Also gönnt er uns einen augenscheinlich sehr fachkundigen Ausflug kreuz und quer durch den Psychrembel, dem überaus beliebten medizinischen Standardwerk für Studenten, das selbst diese wegen des zusammengetragenen Fachchinesisches öfters fast zur Verzweiflung bringt. Der versammelten Seniorengesellschaft wird’s so allmählich unheimlich.
„Die sehen sich garantiert bereits im Rollstuhl!“, flüstere ich meiner Freundin zu.
„Arthritis, Rheuma, Ischias, Osteoporose ...“
Es findet und findet kein Ende. Die Gesichter ringsum werden lang und länger und das Gemurmel bang und banger, bis es schließlich fast gänzlich verstummt. Das ist sogar besser so, denn wir könnten soundso kein Wort einwerfen, denn Heinz redet mittlerweile ohne Punkt und Komma und das in einem geradezu beängstigendem Tempo.
„Nur denen keine Chance zum Nachdenken geben!“, sagt er sich garantiert.
Trotzdem noch ist er sich aber wohl der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner Soll-Kunden nicht sicher:
„Hören Sie mal, ich erwarte, wenn ich rede, dass Sie mir in die Augen schauen! Alle mal mich ansehen!!“
Ertappt suchen daraufhin immerhin an die vierzig Augenpaare das seine und starren wie hypnotisiert hinein. Schließlich wollen sie als anständige Gäste gelten. Heinz quittiert es mit wohlwollendem Lachen.
„Jetzt hab ich die!“, verrät es.
Nur, dass sie ´gehabt werden`, merken jene Gäste immer noch nicht und saugen weiterhin jedes Wort von seinen Lippen in ihre brave, in die Irre geleitete Käuferseele hinein und sagen dann fast zu allem ´Ja und Amen`. Ein paar Gäste sind doch tatsächlich von dem Kerl dort vorne dermaßen eingenommen, dass sie ihm sogar ihre vollständige Leidensgeschichte berichten.
„Ja, das ist ja mein Reden. Ihre Matratzen daheim taugen nicht. Weg damit und Sie werden sehen, dass Ihre Beschwerden verschwinden!! - Überlegen Sie gut: Wer es nach diesen Stunden immer noch nicht kapiert haben sollte, der ...“
Nur noch mühsam halte ich mich davor zurück, nachzuforschen, was denn mit dem dann sei … ?

Eine weitere halbe Stunde später - es sind immer noch keine Matratzen verkauft worden - schlägt Heinz einen noch derberen Ton an:
„Wenigstens einige von Ihnen scheinen richtig überlegt zu haben und sind so klug, sich für diese Matratze zu entscheiden.“
Die Betreffenden lächeln geschmeichelt dazu. Ja, sie haben eben den geforderten Grips für eine dermaßen wichtige Entscheidung.
„Von wegen, Rückenschmerzen &Co ade. Dafür aber um 2000 Euro ärmer!!“
Im Gegensatz zu mir, die ich wegen der gesammelten Unverschämtheiten ausgesprochen wütend bin, bleibt meine Freundin trotz allem noch ziemlich gelassen.
„Möönsch, ist ja unmöglich, was hier abläuft!“, äußere ich nicht mehr ganz so leise.
„Pssst, nicht so laut!“, mahnt sie nur.
´Aha, die Kartoffeltüte und die Würste!`, sage ich mir.
Der Polizeibeamte und ich dagegen schütteln nur fassungslos den Kopf. Am Pult nimmt das Reden und vor allem das auf die Gäste einreden einfach kein Ende.
„Bereits zwei Stunden. Der quasselt uns noch matsche!“, schimpfe ich, noch ein wenig lauter.
„Psssst!“, kommt darauf ein zweites Mal.
Zu spät. Diesmal ist Heinz aufmerksam geworden:
„Meine Damen und herren: ich habe den Eindruck, dass vor allem in den hinteren Reihen nicht achtsam zugehört wird. Tja, denen ist dann auch nicht mehr zu helfen … !!“
„Alsoooo“, setze ich empört an, schlucke aber aus Rücksicht auf meine Freundin und den zu erwartenden Kartoffel- und Wurstsegen den Rest in letzter Sekunde runter.

Diese Frechheit allein schlägt dem Fass den Boden aus, doch reicht sie Heinz keinesfalls. Jetzt zitiert er Gast nach Gast nach vorne - wie Schüler zur Tafel - und sie haben einer nach dem anderen die besagte Matratze zu befühlen. Leider sind sie inzwischen dermaßen eingeschüchtert, dass diese Aktion tatsächlich den längst gewünschten Erfolg bringt, Heinz dann mehrere Tausender mehr in der Tasche hat und seine Kunden entsprechend weniger. Fünf Matratzen sind verkauft. Es reicht am Umsatz für diesen Tag … Unsere Gruppe wird gnädig durch die rechte Saaltür entlassen. Sie funktioniert erstaunlicherweise auffallend gut. 

Selbst meiner Freundin reicht es jetzt endgültig und wir sehen zu, dass wir wegkommen. Nie wieder!!

Kommentare zu diesem Text

Graeculus (69)
(18.10.14)
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 tastifix meinte dazu am 24.10.14:
Hallo Graeculus!

Als Studienobjekt mag es ja noch angehen.
Aber ansonsten kommt für mich eine solche Veranstaltung nie wieder in frage.

Lg Gaby
Inis (48)
(26.10.14)
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 WortGewaltig antwortete darauf am 26.10.14:
Der Text hat lustige Erinnerungen hochgeholt. Ich habe mit Kollegen so manche Fahrt mitgemacht. Für damals 9.99 Mark ist man auf dem Rhein geschippert, im Odenwald gut Essen gegangen. Wir waren nur nicht die übliche Kundschaft. Jeder mit einem Kasten Bier bewaffnet auf den letzten Reihen im Bus und auf dem Schiff. Auf die Verkaufsveranstaltungen durften wir auch in Regelmässigkeit nicht gehen. Irgendwie wollten die uns nie dabei haben. So entging mir manche Heizdecke und ein hochwertiges Topfset. Hab ich bis heute noch nicht. Manchmal ist mir kalt und meine normalen Töpfe glänzen auch nicht so. Vielleicht hab ich was verpasst. Vielleicht aber auch nicht. Lustig war es trotzdem. LG
Inis (48) schrieb daraufhin am 26.10.14:
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