Nachtgedanken XXXVIII: wer

Prosagedicht

von  Habakuk

sepiadunkeles hautgeschimmer
wie atmende erde / ich zähle die gelben quittenschritte
das mistelflüstern quer überm schnee

zur nacht / sind wir doch alle gebrannte kinder
sprach einer: glück auf / dahintreibt ein haar / aus dem bleichen stein
dem eckstein – ein ruf: ich grabe / wir graben / du gräbst
dir ein grätengesicht 

ein rabengefieder täglich ein rot
& ein blau / aus löchrigen schalen schlürfen verwässerten wein –
hier! ... ich dreh dir ein grün ins augenweiß

die blütenflocken / ein tränenschwarz – da wuchsen
uns finger ins farbenlose ... & jemand hörte / der sah wie wir gruben
der schlief nicht / der grub uns ein grab ins bröckelnde braun
zur nacht kommt er leise

dir über die lippen / nimmt die weglosen worte
vom mund


PS: [exturl=http://www.youtube.com/watch?v=bwnBG9DDBsA
]ext. Link[/exturl]

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (08.05.21)
Hallo Habakuk,
du nutzt die Palette der Farben und zeigst, dass Lyriker Maler sein können.

 Habakuk meinte dazu am 15.05.21:
Danke, Ekki. Das hast du schön ausgedrückt.

BG
H.

 wa Bash (08.05.21)
Blütenflocken, sehr gut, weglosen Worte toppt dies nochmals.. gefällt mir

 Habakuk antwortete darauf am 15.05.21:
Danke Dir.

H.
ich (54)
(09.05.21)
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 Habakuk schrieb daraufhin am 15.05.21:
Danke Dir. Ich glaube mich zu entsinnen.

BG
H.

 linkeln (09.05.21)
man kann sich verlieren im Wortrausch, das tut gut, macht aufmerksam.

 Habakuk äußerte darauf am 15.05.21:
Danke. Freut mich.

H.

 Quoth (18.05.21)
Hallo Habakuk, Du liebst die zusammengesetzten Worte. Mir gefallen besonders die "quittenschritte", weil in ihnen die Zwischenschritte und die Quittenschnitten oder Quittenschnitze mitklingen. Auf diesem Gebiet kann man im Deutschen ja fast unbegrenzt erfinden, ein Meister war Robert Walser, ich erinnere mich an seine impressionistische "Seesommernachtstille". Diesmal gefällt mir auch die Musik, ich kann mir gut vorstellen, dass sie eine Art "écriture automatique" auslöst. Gruß Quoth

 Habakuk ergänzte dazu am 23.05.21:
Danke, Quoth. Nun ja, automatisches Schreiben ist es nicht. Die Wortbildungen haben schon einen symbolischen Gehalt, der aber nicht so einfach zu entschlüsseln ist.

Gruß
H.

 Dieter Wal (19.05.21)
Durchgeformt und gesprochen beim Schreiben. Sehr schön. Das verhaltene Todesfugenzitat klingt, als würde der Autor nicht nur mit diesem Gedicht Celans intensiv leben. Noch schöner.

 Habakuk meinte dazu am 23.05.21:
Danke Dir. Ja, der Paul ist mir schon einer der Liebsten. „Intensiv leben“ wärer aber womöglich ein wenig übertrieben.

BG
H.

 juttavon (19.05.21)
Ein starker Text, lieber H.

Fast schmerzhaft stehen Widersprüche nebeneinander und bleiben ungelöst: Jahreszeiten und Farben in der S 1, "gebrannte kinder" gegen "glück auf" gegen "grätengesicht" in S 2, "die blütenflocken / ein tränenschwarz" in S 4 usw.
Das anfängliche Motiv des Grabens im Bergwerk und der Erde als Lebendiges geht in der vorletzten Strophe zum Todesthema über: "der grub uns ein grab ins bröckelnde braun".

Wer ist dieser "jemand", dieses "er"? Das Bild des Weins in S 3 und besonders der Satz "der schlief nicht" erinnert an Bibelstellen und öffnet die Möglichkeit, dass es sich um Jesus handelt. Gleichzeitig ist er es, "der grub uns ein grab".

Und trotzdem haben die darauffolgenden, letzten Zeilen etwas Zartes, Erlösendes:
"zur nacht kommt er leise // dir über die lippen / nimmt die weglosen worte / vom mund".

Ein ungelöster Widerspruch, der die Tragik unseres Menschseins umreißt und gleichzeitig Heilendes andeutet.

HG Jutta

 Habakuk meinte dazu am 23.05.21:
Danke, liebe Jutta. Deine Rezeption trifft es ziemlich genau.

HG
H.
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