Frischfleisch

Kurzgeschichte zum Thema Charakterisierung/ Charakteristik

von  Buchstabenkrieger

Njet! Njet abmachen Gummi! Verboten! Njet!“
Die Worte aus dem mit Lippenstift verschmierten Mund prallten an ihm ab; das Kondom lag bereits auf dem Teppich. Irgendwo zwischen Teddybär, Short Jeans und Plüschhandschellen hatte er es hingeworfen. Jetzt stand Luschinski vor der jungen Frau, die nackt auf dem Rand des Bettes saß, hielt mit einer Hand ihren Kopf und umfasste mit der anderen seine Erektion.
Sie kniff die Augen zusammen, fuchtelte mit den Armen herum und schlug mit den Knöcheln immer wieder gegen das Bettgestell. Die aus Deckenlautsprechern pochende Elektro-Musik übertünchte ihr Gejammer und den Lärm.
Mit verzerrtem Gesicht verharrte Luschinski einen Moment. Dann ächzte er laut auf, ergoss sich und ließ Penis und Mädchen los.
Augenblicklich fiel die Kleine aufs Bett, begrub ihre Blöße unter der Decke und wischte sich mit dem Satin über das Gesicht, nicht ohne eine Salve russischer Schimpfwörter loszulassen.
Luschinski setzte sich auf den Bettrand und beugte sich zu ihr. Vorsichtig hob er die Bettdecke an, die ihr aus den Händen glitt. Tränen hatten das Make-up längst zerstört, ein verlebtes Gesicht aufgedeckt. Luschinski verschloss die Augen und sog eine Mischung aus süßlichen Duft und Schweiß ein. Dann wischte er ihr kopfschüttelnd eine Träne fort, schürzte die Lippen und hielt seinen fleischigen Zeigefinger davor. „Pssscht.“
Zitternd und aus runden Augen starrte sie ihn an, ohne einen Ton von sich zu geben. Die Lautsprecher gaben kurz Ruhe, bevor der nächste Titel startete. Für einen Moment war nur das rhythmische Stöhnen aus dem Nebenzimmer zu hören.
Zufrieden putzte Luschinski das erschlaffte Glied an der Jeans ab und zog seine Hosen hoch. Er kramte einen Hunderter aus dem Portemonnaie und überlegte, ob er ihn neben dem anderen auf den Nachttisch platzieren sollte. Schließlich wedelte er mit dem Schein vor ihrer Nase und grinste. 
Nur zögerlich ergriff sie das Geld. Dann tastete sie neben dem Bett und hob einen Gegenstand auf.
Knapp verfehlte der schwarze Riesendildo Luschinskis Stiernacken, als er sich nach der Jacke bückte, und knallte gegen die Wand. Mit einem Grinsen im Gesicht schob er seinen massigen Körper durch die Tür und betrat den schummrigen Flur.

Während er auf die Alte im Morgenmantel zutrottete, die vorne am Tisch vor ihrer Zeitung saß, stopfte er sich das T-Shirt in die Hose. Bei ihr angekommen, blieb er stehen, zündete sich eine Zigarette an und kratzte sich am Schädel.
„Besser en Plaat als jar kein Hoor“, hauchte die Alte.
Langsam bückte sich Luschinski, blies Qualm aus und legte sein rundes Kindergesicht in Falten. 
Mit dem Kinn deutete die Alte nach hinten. „Dat hät en Schnüss, dat kann de Sparjel quer esse, wat?“ Dann hielt sie ihm ihre furchige Hand hin.
Luschinski kramte einen zerknüllten Zwanziger aus der Gesäßtasche und warf ihn auf die Zeitung. „Hier! Aber nächstes Mal soll sie die Fresse halten. Kurva kurva.“
„Pass op, wat de säs!“

An sein Auto gelehnt betrachtete Luschinski nachdenklich die untergehende Sonne. Er zündete sich eine weitere Zigarette an und erinnerte sich, wie seine Mutter früher von ihrer Schicht aus der Notaufnahme nach Hause gekommen war. Es war stets der gleiche Ablauf gewesen. Sie setzte sich auf den Balkon, nahm ihr Haargummi ab und wuselte mit den Händen durch die dicken Locken, als schüttelte sie sich etwas ab. Dann rauchte sie eine HB, trank einen Akvavit, atmete schwer aus und sagte mehr zu sich selbst als zu ihrem Sohn: Runterkommen. Das Elend vergessen.
Manchmal nahm sie ihn auf den Schoß, küsste ihn auf die Wange. Gemeinsam schauten sie sich die Abenddämmerung an.
Er wusste noch, wie er ihren Schweiß einsog, den nach Alkohol riechenden Atem. Dass der Blick aus der achten Etage, hinweg über die Felder und die Stahlwerke für ihn etwas Majestätisches besaß. Unendliche Weite. Alles lag ihm zu Füßen.
„Siehst du: die Sonne geht unter. Und was macht sie morgen früh, mein Junge?“
„Da geht sie wieder auf, Mama“, antwortete er. 
„Genau. Dann beginnt ein neuer Tag.“
Erst später, als Vater nicht mehr heimkam, begriff Luschinski, was seine Mutter mit Elend wirklich gemeint hatte. 

Die Sonne verschwand hinter dem Horizont und Luschinski schnippte die Kippe weg. Auch morgen brach ein neuer Tag an. 
Er blickte sich um und schaute den beiden jungen Frauen in Miniröcken hinterher, die eine Imbissbude auf der gegenüberliegenden Straßenseite ansteuerten.

Die Reklameschilder im Fenster funkelten ihn geradezu an. Kebab, Efes. Eine kleine Erfrischung kam ihm recht. Liebe macht hungrig.
Hastig holte er seinen Laptop aus dem Kofferraum. Auch wenn es spät war, irgendwo auf der Welt war immer Börsenschluss. Vielleicht bot sich zwischendurch oder anschließend die Gelegenheit für ein schnelles Geschäft.
Die Glöckchen am Türrahmen bimmelten, als er eintrat. Der Geruch von Frittenfett und scharfen Gewürzen schlug ihm entgegen. Er grummelte etwas zur Begrüßung und legte den Laptop auf die Glasablage der Theke, an der die beiden Frauen gerade ihre Bestellung abgaben.
Er schritt zur Seite, grabschte zwei Flaschen Efes aus dem Getränkekühlschrank und stieß die Kronkorken mit dem Flaschenöffner ab. Im hohen Bogen segelten sie auf den Fliesenboden. Eine der beiden Frauen drehte sich kurz um, die Handtasche schützend unter den Arm geklemmt, und lächelte schüchtern. Impulsiv starrte Luschinski auf ihre roten Lippen, dann auf die bis oben zugeknöpfte Bluse, unter der sich zarte Knospen abzeichneten. Er spürte eine leichte Schwellung in der Hose und schaute auf den Boden, als würde er die Kronkorken suchen.
Luschinski nahm einen kräftigen Schluck Bier und ließ seinen Blick zuerst über die Menütafel an der Wand und dann über die Frauen schweifen. Auch wenn sie genauso wie die junge Russin von vorhin keine echten Blondinen waren – knackige, griffige Hintern besaßen sie allemal. Und vermutlich samtige Haut.
Bei der Russin, die ihm alles abverlangt hatte, hatte er schon an den Augenbrauen erkannt, dass sie gefärbt waren. Madame war keine Blondine, sondern eine Brünette. Dabei hatte er bei der Alten auf dem Flur speziell nach einer Blondine verlangt. Geschenkt. Dafür besaß die Russin sinnliche, feuchte Lippen und eine Haut, die sich weich und zart anfühlte. Sehr zart. 
„Bitt`schön?“, fragte der Mann hinter dem Tresen. 
„Die Nummer vier. Mit Gurkensalat ohne Sahne“, sagte Luschinski und schaute den beiden Frauen hinterher, die sich hinsetzten.
„Wat op de Fritten?“
„Äh, … ohne alles. Aber viel Salz. Und scharfmachen.“
„Mit Peperoni?“
„Nein, nur von der roten Soße“, antwortete er und deutete auf ein Schälchen.
„Wir haben kostenloses WLAN. Auf der Speisekarte steht das Passwort.“
Den Rest der Flasche trank Luschinski in einem Zug aus, stellte sie auf die Ablage und setzte sich an den Nebentisch der beiden Frauen.

Während der Rechner hochfuhr, beobachte er aus den Augenwinkeln, wie die Frauen am Mineralwasser nippten und anschließend ihre Salatteller entgegennahmen. Sie bedankten sich höflich und legten sich Servietten auf den Schoß. Luschinski grinste. Geschmack und Manieren besaßen sie; hübsche junge Frauen aus gutem Haus. Verwöhnt und betätschelt.
Luschinski tippte auf der Tastatur herum. Ein Datendiagramm erschien, mit immer weiter steigenden Werten. Zufrieden lächelte er. Dann hörte er hinter sich Schritte. Eine alte Frau schlurfte heran, stellte den Teller ab und legte Besteck daneben. „Danke“, grunzte er.
Begierig stieß er mit der Gabel ins Fleisch.

Das Stühlerücken der zwei Frauen ließ Luschinski aufhorchen. Die beiden waren aufstanden und gingen zur Kasse. Er warf einen kurzen Blick auf die Beine und Hintern der Frauen, nahm einen hastigen Bissen, schloss den Laptop und leerte das Bier. Nachdem er sich über den Mund gewischt hatte, schob er den Teller beiseite und stand auf.


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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (24.01.22, 17:11)
Ich werde nicht so richtig warm mit den Figuren dieser Erzählung, Sind mir vermutlich zu eindimensional.

 Buchstabenkrieger meinte dazu am 25.01.22 um 18:38:
Danke fürs Lesen und für deinen Kommentar.

Im Prinzip ist nur Luschinski die Figur, um die es geht. Alle anderen sind sekundär, die sollen so sein, wie sie sind.
Schade aber, dass du die Hauptfigur zu eindimensional findest. Dann hat der Einschub aus seiner Kindheit bei dir nicht funktioniert. 

Könnte auch daran liegen, dass das hier nur ein Ausschnitt aus einem großen Roman-Projekt, zu viel gekürzt wurde und es deswegen nicht klappt.

 Agnete (30.01.22, 18:40)
ich seh das völlig anders. Die Luschinski-Figur wird deutlich gezeichent in ihrer Zwiespä
ltigkeit ( aus armem Hause, was geworden, Macho, triebgesteuert) und das Ende bleibt offen. Spannend. Gute, niveauvoll geschriebene Gesellschaftsszene, über die man viel diskutieren könnte. Basisfrage: Warum bin ich das, was ich bin...
LG von Agnete

 Buchstabenkrieger antwortete darauf am 31.01.22 um 17:19:
Hallo Agnete,
Danke für deine tollen Worte.
Freue mich sehr. 
LG, Buchstabenkrieger
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