Was mir das Kino bedeutet

Essay

von  Quoth

Kino ist eine hübsche Abwechslung. Man geht gespannt hinein und kommt fröhlich oder traurig, je nachdem, was für ein Film es war, wieder heraus. Was ich gar nicht liebe, ist Kinobesuch am Tag. Es darf nicht hell sein, wenn es zu Ende ist. Dann merkt man, dass alles nur Schein war, Lichtgeflimmer auf einer ungerührt weißen Wand oder Leinwand. Ist hingegen Nacht, wenn man herauskommt, so hat man das Gefühl, Abenteuer, wie man sie gesehen hat, könnte man gleich erleben. Irgendwer stürzt aus einem dunklen Hauseingang heraus, und schon beginnt eine endlose Folge von Verwicklungen. Was schön ist im Kino: Dass alles miteinander zusammenhängt. Alles hat eine Bedeutung, der lächerlichste Gegenstand, z.B. ein Radiergummi, bedeutet etwas, wenn er gezeigt wird, z.B. wurde mit dem Radiergummi eine wichtige Unterschrift gelöscht. In der Welt ist vieles so zusammenhanglos. Man wünscht sich, wenn man aus dem Kino kommt, eine Welt, die ein bisschen filmischer wäre. Gibt es einen Drehbuchverfasser, der das Leben so, wie wir es leben, geschrieben hat? Das ist die Frage nach Gott, die in einem Aufsatz wie diesem deplatziert sein dürfte. Ich finde das Kino schön, weil es eine Welt zeigt, in der alles einen Sinn hat. Sogar das Sinnloseste hat noch Sinn, und eine traurige Chaussee, auf der ein armer und einsamer Mann dem immer wieder entschwindenden Glück nachläuft, ist nicht auf die grausame, verbitternde Art traurig wie eine wirkliche Chaussee, sondern auf eine liebe, sorgsame Art. Dazu trägt sicherlich bei, dass man im warmen, ächzenden Plüschsessel sitzt, während man zuschaut. Im Kino muss winters geheizt sein; ein Kino, in dem man friert, ist sein Geld nicht wert. In Krogstedt gibt es zwei Kinos, ein geheiztes für immer und ein ungeheiztes, wo man nur im Sommer hingehen kann. Diese Kino-Namen! Was verheißen sie alles an Pracht und Illusion: Royal, Roxy, Lux, Savoy... Ein X oder ein Y gehört zu einem ordentlichen Kinonamen dazu. Verblichen steht an der Wand unseres Kinos: Lichtspieltheater. An das Theaterhafte erinnert noch der Vorhang, der aufgeht, obgleich er doch das Bild gar nicht verhüllt, sondern nur die Leinwand, auf die es per Lichtstrahl geworfen wird. Filmvorführer ist ein lustiger Beruf. Man bekommt jeden Film mit, hat abends immer was vor und verdient noch Geld damit. Filmvorführer ist ein Beruf für Lebenskünstler, die tagsüber lieber schlafen. Überhaupt hat Kino was Nächtliches, und ich habe in Filmen Nachtszenen am liebsten – am besten regnet es auch noch. Wie echt dann alles ist, wie unheimlich – und wie heimelig! Nichts ist ja schöner, als sich mit den Augen zu gruseln, während der Arsch warm hat. Elend und Tod schauen sich aus der Sesselgruft so niedlich an! Da knabbert man ganze Zentner von sauren Drops, während sich auf der Leinwand das Entsetzen häuft. Das Einzige, was ich nicht vertrage, sind Operationen. Einmal sah ich eine Herzoperation, die außer Kontrolle geriet; das Blut sprudelte in hohem Bogen durch die Luft, eine eindrucksvolle Demonstration der Kraft selbst des versehrten Herzmuskels, aber mir schwanden die Sinne. Es war, als ob mein Herz gegen die Verletzung seines Kollegen protestierte und mit Arbeitsniederlegung drohte. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn, ich grub die Fingernägel ins Fleisch und zog die Schuhe aus. Nichts half, ich musste hinauswanken und mich von den Platzanweiserinnen blöd anstarren lassen. „Ist Ihnen schlecht?“ Sie siezten mich, als ob mir das helfen würde. Gar nicht gern sehe ich Filme, die mit meinem Leben, mit meiner Welt angeblich zu tun haben. Neulich war da ein Film über frühreife Jugendliche. Es wurde in Badeanzügen von Sprungtürmen gesprungen, Motorrad gefahren, im Übrigen aber geredet und geredet. Phyllis, die vor mir saß, interessierte mich tausendmal mehr als dieser ganze angeberische Film. Es darf nicht zu viel geschwatzt werden im Film, dann mag man nicht mehr stillsitzen. Mein Freund hat sich angewöhnt, dem Kinohelden zuzurufen, als wäre er im Kasperle-Theater. Das konnte nicht gut gehen. Eines Abends rief er, als Eddie Constantine eine Blondine küssen wollte: „Bleib sauber, Eddie!“, da stand sein Nachbar, ein vierschrötiger Melker, auf und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. „Dat ka'ck nich hebben,“ kommentierte er auf Platt, was soviel heißt wie „Bitte lassen Sie das!“ Über der Vorhangumrahmung sitzen zwei Stuckengel mit Stucktrompeten. Als Kind dachte ich, die machten wirklich die Musik. Das zeigt, wie unwirklich im Kino alles ist. Da ist einfach alles möglich, weil Bilder alles beweisen können. Da glaubt man z.B. auch, es könne einer auf der Kanonenkugel durch die Luft reiten, wie es Hans Albers als Münchhausen einmal tat. Vielleicht ist das Kino eine Gefahr. Es zeigt so viel trickreich Vorgespiegeltes, dass man den Sinn für das Richtige verliert. Der Dokumentarfilm ist deshalb zu begrüßen. Was er zeigt, ist wahr, bloß setzt er es manchmal so zusammen, dass die, die dabei waren, es nicht wiedererkennen. Das weiß ich von meinem Vater, mit dem ich einen Dokumentarfilm über den Krieg gesehen habe. Er hieß „Beiderseits der Rollbahn“ und spielte zum großen Teil in der Ukraine. Pausenlos kracht, spritzt und rumort es. Mein Vater aber sagt, viel schlimmer sei die Stille gewesen. Die haben sie wohl herausgeschnitten. Das ist ein weiteres Kapitel: Der Ton. Braucht Kino ihn? Lange kam es ohne ihn aus, aber wenn heute ein Stummfilm läuft, ist es peinlich, man hört jedes Hüsteln, jeden knurrenden Magen, jeden Rülpser. In der Stummfilmzeit wurde Klavier gespielt. Das kann heute keiner mehr, im Dunkeln Klavier spielen. Schade. Manche der Stummfilme, wenn sie nicht zu zappelig sind, sind nämlich gar nicht so übel. Ich denke vor allem an Chaplin. Der Mann ist ein Wunder. Man kann sich nicht sattsehen und sattlachen an dem Fez, den er pausenlos macht – oder den die widerspenstigen Dinge mit ihm machen. Vielleicht sollten Filme immer zu lachen geben. Getrauert wird ja schon auf der Bühne genug. Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir das Kino was bedeutet. Ob viel oder wenig, weiß ich nicht. Was bedeutet mir schon viel? Vielleicht eine gute Zensur, und die hoffe ich mir hiermit erschrieben zu haben.




Anmerkung von Quoth:

Rekonstruktion eines verlorenen Schulaufsatzes aus den 50er Jahren.

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