Lieber rot als tot

Essay

von  Quoth

Propagandageschwätz unserer lieben Linken! Am besten, man hört gar nicht hin. Sie wollen uns weismachen, dass wir nur als Kommunisten eine Überlebenschance hätten. Ich gestatte mir, anderer Meinung zu sein und wage es, in aller Dezenz an einen wunderbaren Kommunisten zu erinnern, dem sein Kommunismus nicht viel genützt hat. Sein Name war Trotzki. Stalins langer Arm ereilte ihn im Exil. Ein anderer Kommunist, den ich zu schätzen mir erlaube, mögen mir auch die Genossen mit entblößtem Achtersteven ins Gesicht springen, ist der Erzpropagandist Münzenberg. Das Schlimmste, was man über ihn sagen kann, ist, dass er unabsichtlich zum Lehrmeister des diabolischen Goebbels wurde. Ansonsten war er ein Kommunist von Geblüt und reinsten Wassers. Was haben sie mit ihm gemacht? In einem französischen Wäldchen, vor den Nazis fliehend, ist er von Stalins Schergen ermordet worden. Welchen Grund habe ich also, mich als Kommunist vor Kommunisten in Sicherheit zu fühlen? Der Satz homo homini lupus darf sinngemäß auf Kommunisten angewandt werden: Jeder Kommunist ist dem anderen ein Wolf. Mit Sicherheit würde es mir nicht gelingen, dem Verdikt des Abweichlers, des Renegaten, des Revisionisten, des Reformisten, des Spalters, Trotzkisten, Refraktärs oder einfach Verräters zu entgehen – dafür habe ich eine viel zu vorlaute Klappe. Irgendwann einmal würde mir bei aller Vorsicht ein Wort herausrutschen, das ich dann für immer als Kainszeichen auf meiner Stirn trüge. Irgendein depperter Führungsgenosse würde mich dafür zur Verantwortung ziehen, man würde mir einen heiteren Schauprozess angedeihen lassen und mich dann schwuppdiwupp in den Steinbruch, nach Workuta siebte Sohle oder in den Eisenbahn- oder Kanalbau stecken, wo ich bei Mangelernährung und fehlender Gesundheitsfürsorge alsbald eines ungemütlichen Todes entschliefe. Töten durch Arbeit! Das ist ein Rezept, das Hitler Stalin oder Stalin Hitler abgeguckt hat, beide geben einander in diesem Punkt nichts nach. Was man zu Stalins Gunsten sagen kann, ist zweierlei: Erstens war er kein Rassist, sondern ermurkste ohne Ansehen der Person, was Hitler auch besser getan hätte, wir stünden dann heute weniger besudelt da, zweitens hat er zur Niederwerfung des Faschismus beigetragen – freilich erst, nachdem er mit ihm ein hübsches Verträglein geschlossen hatte, den Ribbentrop-Molotow-Pakt, mit dem die beiden Chefgangster Osteuropa aufteilten, wie wenn es Chicago wäre. Ich bin den Russen von Herzen dankbar für den Beitrag, den sie zur Erledigung Hitlers geleistet haben; für den Kommunismus können sie nicht, er wurde ihnen aufgezwungen von anmaßenden Intellektuellen, und in Abwandlung eines Wortes von Stalin darf ich sagen: „Die Stalins kommen und gehen, das russische Volk bleibt bestehen!“ Warum nun ist der Kommunismus eine so viel mächtigere Ideologie als der Faschismus, obgleich beide einander hinsichtlich meuchlerischer Gelüste durchaus das Wasser reichen können? Der Grund ist ganz einfach der, dass der Rassenkampf eine schnell durchschaubare vulgärdarwinistische Idiotie ist, wohingegen für den Klassenkampf so einiges spricht. Ist es nicht wirklich so, dass die Betuchten sich in ihren Bratenvierteln gegen uns Ärmere abschotten, uns den Zutritt zu ihren Kreisen verwehren und nur an einem interessiert sind: Ihre Privilegien mittels Erbrecht über die Generationen zu retten? Freilich hat sich zwischen das von Marx konstituierte Proletariat und seinen bürgerlichen Antagonisten längst eine dritte Klasse geschoben: Die der gesichts- und gesinnungslosen Angestellten, die sich mit ihrem Chef identifizieren, obgleich er ihnen pausenlos fröhliche Arschtritte versetzt. Politischer Arm dieser neuen Klasse, die von Marx nicht vorausgesehen wurde und die sein gesamtes imposantes Gedankengebäude zum Einsturz bringt, ist die Sozialdemokratie – auch sie zwischen Kritik am Kapitalismus und hündischer Liebedienerei hin und hergerissen. Trotz ihrer Zwiespältigkeit, vielleicht aber auch gerade ihretwegen ist die Sozialdemokratie das Rückgrat einer Politik, die sagt: Weder rot noch tot! Hierauf setze ich und wäre völlig unpathetisch bereit, sogar mein Leben als Soldat dafür einzusetzen.




Anmerkung von Quoth:

Lieber unter einem halbgebildeten Schurken wie Putin vegetieren als in einen Atomkrieg schliddern, scheint heute die Losung zu sein. Die Zeiten ändern sich - und bleiben sich doch merkwürdig gleich!

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Kommentare zu diesem Text


 Taina (09.05.22, 11:58)
in einen Atomkrieg schliddern
In einen Atomkrieg schliddert man heutzutage nicht mehr rein. Es gibt rote Telefone, die Irrtümer ausschließen. Wenn es zum Atonkrieg kommt, dann ist das gewollt, vom Puter und seinen Kleptokraten.


Warum nun ist der Kommunismus eine so viel mächtigere Ideologie als der Faschismus, obgleich beide einander hinsichtlich meuchlerischer Gelüste durchaus das Wasser reichen können?
Kommunismus ist Faschismus im roten Gewand.

 Quoth meinte dazu am 09.05.22 um 22:27:
Hallo Taina, Scholz hat kein rotes Telefon, aber er hat Angst in ein Verhalten zu schliddern, das Putin die Betätigung des seinen als gerechtfertigt erscheinen lassen könnte.
Und Faschismus ist Sozialismus im braunen Gewand ... Aber es geht nicht nur um die Farbe der Kostüme, es gibt Unterschiede in der Substanz.
Dank für Empfehlung mit Kommentar! Quoth

 Taina antwortete darauf am 10.05.22 um 05:33:
Scholz hat kein rotes Telefon, aber er hat Angst in ein Verhalten zu schliddern, das Putin die Betätigung des seinen als gerechtfertigt erscheinen lassen könnte.
Scholz hat auch keinen roten Knopf.

Der Puter bastelt sich seine Rechtfertigungen selber.
Er ließ Bilder deutscher Politiker mit alten Fotos beliebiger SS-Männer ähnlichen Namens zusammenschneiden, welche angeblich deren Großväter sind, als "Beweis", dass Deutschland von Nazis regiert wird. Lauterbach. verpasste er einen  "Großvater" namens Lauterbacher.
Der Puter mit seinen Gefolgsleuten ist so bösartig, da kannst du noch so unterwürfig sein, der macht dich trotzdem hin.

Antwort geändert am 10.05.2022 um 05:36 Uhr

 Graeculus (09.05.22, 13:05)
Das ist mir in Teilen aus der Seele geschrieben, vor allem die Prognose, daß ich unter Stalin ob meiner großen Klappe gefrorene Scheiße an der Kolyma geschaufelt oder neun Gramm ins Genick bekommen hätte.

 Quoth schrieb daraufhin am 09.05.22 um 22:06:
Noch viel schlimmer die Vorstellung, dass wir gelernt hätten, uns zu ducken. den Bonzen nach dem Mund zu reden und zu denken und nicht mehr die wären, die wir sind ... Danke für Empfehlung mit Kommentar.

 Agnete (09.05.22, 14:50)
ich halte nichts vom Kommunismus. Und ich würde mein Leben für gar nix als Soldat aufs Spiel setzen. Lieber  nicht tot als in Not, egal wie rot...

 niemand äußerte darauf am 09.05.22 um 19:56:
Ich muss ja fast schon lachen, wie sich alle um ihr Überleben sorgen und gleichzeitig sägen sie auf dem Ast auf welchem sie noch sitzen. Der Mensch geht eh an seiner Gier zugrunde, dauert nicht mehr lange. Den Meisten scheint es nicht bewußt zu sein wie es um die Erde steht. Auf nichts bereit zu verzichten, machen sie weiter wie immer. Na, dann viel Glück bei dem 3. SUV und der zigsten Weltreise. Mir tun nur die Kinder leid, die in diese Welt ungefragt geworfen wurden und denen durch das Handeln der unverbesserlichen Alten eine herrliche Zukunft blüht, wenn überhaupt.
Mit ironischen Grüßen, niemand

 Quoth ergänzte dazu am 09.05.22 um 22:17:
@Agnete: Du wärst eine prächtige Soldatin!
@niemand: Nein, Kassandra lacht nicht, dafür hat sie viel zu recht! Ja, schon in den 50er Jahren, aus denen dieser Aufsatz ursprünglich stammt, hätten wir die Klimakatastrophe erahnen und unsere Bewunderung für amerikanische Riesenschlitten wie Buick, Pontiac und Oldsmobile zügeln sollen!
Vielen Dank für Kommentare ohne Empfehlung, sie sind mir hundertmal lieber als Empfehlungen ohne Kommentar! Gruß Quoth

 Tula (10.05.22, 00:16)
Hallo Quoth
Eine treffliche Passage zur Erinnerung:


Freilich hat sich zwischen das von Marx konstituierte Proletariat und seinen bürgerlichen Antagonisten längst eine dritte Klasse geschoben: Die der gesichts- und gesinnungslosen Angestellten, die sich mit ihrem Chef identifizieren, obgleich er ihnen pausenlos fröhliche Arschtritte versetzt. 

Ja, nix mit Klassenkampf heute. Karriere-Gerangel ist viel motivierender  :D

Genau genommen ist auch der Klassenkampf heute globalisiert. Siehe mein "Sonderangebot". Wir sind als Konsument am Ende die Nutznießer billiger Arbeitskräfte anderswo. Ob uns das persönlich unangenehm ist oder nicht. 

PS: am Ende gibt es weder Kommunismus noch irgendein anderes religiös verbrämtes Eden. Der "Menschismus" fasst alles zusammen.

LG
Tula

Kommentar geändert am 10.05.2022 um 00:18 Uhr

 AchterZwerg (10.05.22, 07:02)
Hallo Quoth,

Irene stellt es ganz richtig dar: Die Welt wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an ihren Ismen zugrunde gehen.
Der Planet ist bereits ruiniert; daran können weder vermeintlich nationale, soziale oder ökologische Maßnahmen etwas ändern. -

Das Kommunistische Maifest liest sich noch immer anrührend schön - ebenso wie das Neue Testament. Nur mit der Umsetzung ...

Bis dann im Oben

 AlmaMarieSchneider (19.05.22, 23:35)
Ob Sozialismus, Kommunismus, Diktatur, Monarchie usw. es geht immer um die Art der Umsetzung ob sie für Menschen und ihre Umwelt erträglich ist. Man muss bedenken, dass das Anliegen der Regierenden und ihres "Geleitschutzes" Macht , Machterhalt und Geld ist. Das Volk ist zur Finanzierung dieser Anliegen da.
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