Freithema

Essay

von  Quoth

Nichts kann einen Schüler so verlegen machen wie die Nötigung, sich selbst ein Thema zu stellen. Denn unter dem immerhin hübschen Deckmantel der Freiheit wird ihm hier eine Falle gestellt, in die nur der Unbesonnene schnurstracks hineinläuft und zum Beispiel über das edle Fußballspiel schreibt, obgleich er doch weiß, dass der liebe Herr Deutschlehrer nichts so sehr verachtet wie diesen Proletensport. Und muss er sich dann bei der Lektüre eines solchen Aufsatzes mit Feinheiten wie Doppelpass und Abseitsfalle abplagen, so ist selbst bei ordentlichster Anfertigung der Arbeit kaum damit zu rechnen, dass er seinem Rotstift ein Gut oder auch nur ein Befriedigend abringt. Vielmehr wird er ein mattes Ausreichend ins Tor des Fußballfreundes schlenzen, während derjenige, der etwas von hoher Dichtkunst und zartduftender Poesie herunterschmiert, von vornherein einen Pluspunkt hat, und wenn das Unternehmen auch kläglich misslingt, so wird der Korrektor zwar „Schade!“ seufzen, aber er wird doch, angesichts der Schwierigkeit der Themenstellung und des Mutes, sich ihr zu unterwerfen, ein erfrischendes Befriedigend, vielleicht sogar ein munteres Gut daruntersetzen. Herzlichen Dank! Mit diesen Überlegungen habe ich mir selbst den Rückzug verbaut. Fußball geht nicht aus den erwähnten Gründen, und Poesie, ich bitte doch sehr, Herr Studienrat, würden Sie es wagen, jetzt noch darauf hereinzufallen? Ich beschreite deshalb den allseits empfohlenen goldenen Mittelweg und spreche über die Poesie des Sports. Da habe ich Sie gefangen! Jetzt müssen Sie aufmerken, ob Sie wollen oder nicht, und ich werde Ihnen beweisen, dass Ihre Verachtung des Ballspiels eines geistigen Menschen nicht würdig ist. Zu allen Zeiten und in allen Völkern wurde Sport getrieben. Ich will nicht von den alten Griechen anfangen, sonst wird ein Olympia-Aufsatz daraus mit Fackeln und Fahnenschwingen. Aber haben nicht die besten Dichter Griechenlands auf die Sieger im sportlichen Wettkampf ihre Lieder gesungen? Ich finde das zumindest bemerkenswert. Der Name Pindar fällt mir ein, über den Sie Näheres im literarischen Lexikon nachschlagen können. Was nun das Ballspiel betrifft, so hat es vor den Wettkämpfen voraus, dass Kraft und Geschicklichkeit zueinander in einem besonders virtuosen Verhältnis stehen müssen, das im Idealfall Eleganz erzeugt. Am wenigsten ist das noch im Handball der Fall, einer Sportart, für die ich mich nicht begeistern kann, besonders dann nicht, wenn sie auf dem Feld stattfindet. Mal drängen sich alle vorm einen, mal vorm andern Tor, in der Mitte grasen die Kühe. Das war ein Zitat unseres Sportlehrers, der in diesem Punkt genauso denkt wie ich. Seit alter Zeit hat man darüber nachgedacht, wie man den Zufall im Ballspiel dadurch vergrößern kann, dass man dem Ball die Hand bzw. der Hand den Ball verbietet. Man hat Schläger eingeführt wie im Tennis, Schlagstöcke wie im Schlagball, Baseball, Kricket und Hockey. Die genialste Idee von allen, weil die einfachste und zugleich riskanteste, war die, die Hand völlig auszuschalten und den Ball nur noch mit dem Fuß spielen zu lassen. Nur Kopf und Brust wurden noch zugelassen, weil mit ihnen gezielt den Ball zu regieren eher noch schwerer ist. Der ganz auf Hand gezüchtete und eingerichtete Mensch muss durch diese Regel sein ungeschicktestes Körperteil kultivieren und geschickt machen. Unberechenbar prallt der Ball vom Schuh bald hier-, bald dorthin, pausenlos wechselt er die Seite oder Partei, so dass im Spiel ein oft atemberaubendes Hin-und-Her der Chancen herrscht, welches das Publikum wie beim Anblick des leibhaftigen Schicksals von den Bänken reißt und ihm beim Beinahetor des Lattenschusses jenen unnachahmlichen und unvergesslichen Massenseufzer entringt, den jeder, der ihn je gehört hat, im Ohr behält, so dass er ein „arbeitendes“ Stadion aus Kilometern Entfernung am bloßen Aufseufzen erkennt. Zufall und Notwendigkeit, diese beiden scheinbaren Feinde, die sich hinter den Kulissen immer in den Armen liegen, beherrschen sowohl den Fußball wie die Poesie (z.B. wenn sie sich den Reimzwang verordnet), und wie die Poesie hat der Fußball seine Regeln und Gesetze, ja, er hat sie wie ein verfasstes Gemeinwesen, weshalb ich den Fußball für ein staatspädagogisches Mittelchen ersten Ranges halte. Was hat nicht der Herr Schiedsrichter für eine Macht! Demokratisch wäre es, die Spieler jeweils abstimmen zu lassen, ob ein Elfmeter erfolgen soll oder nicht, aber da sicherlich der Fraktionszwang eingeführt würde, stünde es immer elf gegen elf, so dass ein Zünglein an der Waage geschaffen werden musste, und das eben ist der Unparteiische, der auf die Abstimmungen aus Gründen der Zeitersparnis gleich ganz verzichtet. Sollte man dasselbe nicht auch in unserem gelobten Staatswesen tun? Aber ich vermesse mich, unser Grundgesetz in Frage zu stellen, ein Vorgang, für den ich die Poesie des grünen Rasens keinesfalls verantwortlich machen möchte. Doch möchte ich nicht versäumen, noch eine Lesefrucht anzubringen, die auf den kultischen Ursprung des Ballspiels verweist. Die ersten Bälle sollen die ausgestopften Häute geopferter Tiere gewesen sein – las ich und würde ich gern glauben, weil der Mensch, als er aus dem sicheren Instinktgewahrsam der vormenschlichen Natur entlassen wurde, sogleich in die Obhut der Religion geflüchtet zu sein scheint und so gut wie alles aus ihr ableitet, mit ihr legitimiert. Im amerikanischen Fußball und im Rugby wird in der Tat noch mit einem eiförmigen Ball gespielt, der an ein totes Tier erinnert, so dass Charlie Chaplins Idee in „Modern Times“, mit der gebratenen Ente, auf die ein Gast wartet, ein Ballspiel zu entfesseln, gar nicht weit hergeholt ist.




Anmerkung von Quoth:

Trotz meiner Freude am Fußball war mir Erfolg in diesem Spiel leider nie beschieden.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (30.05.22, 16:27)
Ich bin nun kein Fußballfan und muss sagen, ich habe Dein ganzes Essay gelesen. Es ist besser als Fußball.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth meinte dazu am 30.05.22 um 22:52:
Den ganzen? Echt? Bei dermaßen umfangreichen Texten kann der Autor sich freuen, wenn drei Zeilen gelesen werden! Danke für Geduld und die Empfehlung! 8-) Gruß Quoth
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