Zur Judenfrage

Essay

von  Quoth

Gibt es sie noch – ich meine: Für uns Deutsche? Ich fürchte, nicht. Leider. Denn solange es sie gab, war sie ein nützlicher Gegenstand des Nachdenkens. Oder war schon, dass man sie stellte, der Anfang ihrer schrecklichen Endlösung? Hätte man sie gar nie stellen dürfen, damit man auf diese Art der Beantwortung nie verfallen wäre? Ich gestatte mir gelinde Verwunderung, dass man sie schulischerseits aufzuwärmen geruht. Vor kurzem wurde hier ein Hotel abgerissen. An der Brandmauer des Nachbarhauses trat eine Inschrift hervor: Siegfried Silberstein, Öle, Fette. Ein Menetekel, steht es noch immer da. Zieh deinen Hut, Pädagoge, wenn du vorübergehst. Denn Siegfried Silberstein und die anderen Krogstedter Juden sind vom Erdboden vertilgt. Niemand macht sich die Mühe, ihnen nachzuforschen, den Anteil der Juden am früheren Krogstedter Leben zu ermitteln. Krogstedt gehörte in dänischer Zeit zu den nicht von, sondern für Juden freien Städten der Region. Im Ersten Weltkrieg übertrafen sie alle anderen Bürger an nationaler Begeisterung und Spendenfreudigkeit. Einer soll Schuster gewesen sein und sein gesamtes Erspartes, rund zehntausend Goldmark, in Kriegsanleihen gezeichnet haben. Er besaß, so erfuhr ich auf Nachfrage, drei wunderschöne Töchter. Wo sind sie? Man zittert, es zu fragen. Jude sein, heißt, mit dem Entsetzlichen leben – ob es nun Gott ist oder Auschwitz. Denn der Gott, der Auschwitz zuließ, ist ein entsetzlicher Gott. Hoch rechne ich der Gymnasialleitung an, dass sie die Vorführung des Dokumentarfilms „Nacht und Nebel“ nicht verhinderte. Es ist dies ein historisches Datum unseres Daseins. Seit diesem Tag rumort und gärt es unter uns und in den bürgerlichen Häusern hinter ihren storebewehrten Fenstern. Wie konntet ihr das zulassen? „Wir haben nichts gewusst.“ „Ich war in Russland an der Front, da wurde nur gemunkelt.“ Das Schreckliche ist: Dieser Massenmord ist ekelhaft. Der Magen drehte sich mir um, ich empfand kein Mitleid, sondern blankes Entsetzen. Die Benutzung eines Insektenvertilgungsmittels lässt noch heute den ruchlosen Mord als Vertilgungs- bzw. Ausmerzungsmaßnahme erscheinen. Diese Massen von Brillen, von Prothesen, von Haar! In unserer Waschküche gibt es ein Regenwassersammelbecken, über dem sich im Herbst Tausende von Mücken zum Winterschlaf niederlassen. Wir schließen die Fenster, die Stahltür, und lassen ein brennendes Insektengift-Stäbchen zurück. Drinnen erhebt sich ein greuliches, fast heulendes Gesumse, und hinterher können wir die Mückenleichen zusammenkehren. Wie kann man Menschen zu Mücken machen! Ich gestehe, dass ich es nicht fasse und dass ich mir wünsche, wenn ich daran denke, ein feuriger Schlund möchte sich auftun unter Deutschland und uns alle verschlingen. Sind wir es noch wert, zu leben? Ich bezweifle es. Ein Volk das Derartiges tut, zulässt, durch Wegschauen duldet oder andere anstiftet, es zu tun, hat keinerlei Existenzberechtigung. Freilich ist der Antisemitismus uralt und auch in anderen Ländern zuhause. Aber wir haben handelnd weit übertroffen, was die anderen gelegentlich nur wünschten. Die Pogrome im Mittelalter, in Russland um die Jahrhundertwende sind Puppensünden im Vergleich zur unseren. Unser erster Bürgermeister nach dem Krieg war ein Jude. Da frage ich mich dann, wie er es über sich brachte, dieses Amt anzunehmen. Denkmäler gibt es bei uns für den chauvinistischen Turnvater Jahn, für den Kartätschenprinzen und späteren Kaiser Wilhelm I., in Bronze zum „Großen“ hochgejubelt, für Hans Hinrich Kröger, der das Kasino gründete, und für die Weltkrieg-eins-und-zwo-Gefallenen auf großen Tafeln in der Kirche. Aus der früheren Synagoge schämte man sich nicht einen Lagerschuppen zu machen, den abzureißen dann nur noch Entsorgung war. Auch die Krogstedter haben die Judenfrage gründlich gelöst und lösen sie immer noch, indem sie einfach so tun, als gebe es sie nicht. Insofern darf ich meine Meinung ändern und die Themenstellung für verdienstlich halten. Ich will jetzt nicht damit anfangen, was für tolle Juden es doch gab – Freud, Einstein, Marx und Kafka, um nur die bekanntesten zu nennen. Selbst wenn die Juden ein einziges Volk von Gaunern, Strichern, Tagedieben, Beutelschneidern, Wucherern und Parasiten gewesen wären und keinen einzigen Jesus, Heine oder Mendelsson-Bartholdy hervorgebracht hätten, müssten sie gestern, heute und auf alle Zeit unter uns leben, gaunern, strichen und wuchern dürfen – soweit die Gesetze es zulassen. Die guten Juden sind nicht das Argument gegen den Antisemitismus, sondern die schlechten. Ich kenne einen Krogstedter, der die Judenvernichtung gut fand, weil sein Vater, ein Metzger, von einem jüdischen Viehhändler ruiniert wurde. Aber  wie viele Bauern haben die Kredite desselben Viehhändlers gut gebrauchen können und dank ihrer überlebt? In Krogstedt ist nach dem Krieg kein einziger nichteinheimischer Kaufmann was geworden. Den Flüchtlingen, die es mit Fleiß, mit Preisbrechen und Spekulation versuchten, hat die einheimische Clique samt und sonders bewiesen, dass für sie hier kein Platz ist – und hat sie kaputtgemacht, wenn sie emporkommen wollten. Sollen die einheimischen Kaufleute deshalb vergast werden? Manchmal bin ich in Gefahr, vor lauter Selbsthass in Vergeltungsorgien zu schwelgen. Es ist die größte und perverseste Abscheulichkeit der Geschichte (an der die Kirchen samt Luther und Papst ein paar hübsche Maschen mitgestrickt haben), ein ganzes Volk zuerst ins Ghetto zu zwängen, und es dann, wenn es dort leben muss wie die Kellerasseln, in Massen zu erschießen oder mit Zyklon B zu vergasen. Aber was nützt es, sich aufzuregen? Lieber will ich mich der Frage zuwenden, was mir die Juden bedeuten. Auf der Volksschule hatten wir einen in der Klasse, den haben wir manchmal gequält. Er hatte immer das leckerste Schulbrot dabei, das haben wir ihm abgenommen, und vor seinen Augen aufgegessen. Sobald einer rief: „Wer hat Kleingeld da?“ verdrückte er sich in eine Ecke, denn er wusste: Jetzt geht es gleich wieder los! Er hieß Rolf Kleingeld. Wir warteten immer darauf, dass er sich mal wehrte. Aber er wehrte sich nie. Er weinte nur. Warum hast du uns das angetan, Rolf? Wolltest du uns denn auch zu Mördern machen?




Anmerkung von Quoth:

Damals ...

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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (23.06.22, 18:38)
Wenn eine Wohnung frei wurde oder Möbel kostengünstig zu erwerben waren, da hat man nicht groß nachgefragt.

 Graeculus meinte dazu am 23.06.22 um 23:47:
Hinweisen kann man auf Martin Luthers Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" nicht oft genug - etwa:

[...] Was wollen wir Christen nu thun mit diesem verworffen, verdampten Volck der Jueden? zu leiden ists uns nicht, nach dem sie bey uns sind, und wir solch liegen, lestern und fluchen von jnen wissen, damit wir uns nicht teilhafftig machen aller jrer luegen, flueche und lesterung. So koennen wir das unleschliche feur Goettlichs zorns (wie die Propheten sagen) nicht leschen, noch die Jueden bekeren. Wie muessen mit gebet und Gottes furcht eine scharffe bermhertzigkeit uben, ob wir doch etlich aus der flammen und glut erretten kuendten, Rechen duerffen wir uns nicht, Sie haben die Rache am halse, tausent mal erger, denn wir jnen wuendschen muegen. Ich will meinen trewen rat geben. [...]

Sie hat das Verhältnis des Protestantismus zum Judentum lange genug bestimmt.

Und:

Besorgen wir uns aber, das sie uns moechten an Leib, Weib, Kind, Gesind, Viehe etc. schaden thun, wenn sie uns dienen oder erbeiten solten, weil es wol zu vermuten ist, das solch edle Herrn der Welt und gifftige, bitter wuerme, keiner erbeit gewonet, gar ungern sich so hoch demuetigen wuerden unter die verfluchten Goijm, So lasst uns bleiben bey gemeiner klugheit andern Nation, als Franckreich, Hispanien, Behemen [Böhmen] etc. und mit jnen rechen, was sie uns abgewuchert, und darnach guetlich geteilet, Sie aber jmer zum Land ausgetrieben. Denn, wie gehoert, Gottes zorn ist so gros ueber sie, das sie durch sanffte barmhertzigkeit nur erger und erger, durch scherrfe aber wenig besser werden. Drumb jmer weg mit jnen. [...]

Antwort geändert am 23.06.2022 um 23:47 Uhr

 Quoth antwortete darauf am 24.06.22 um 12:26:
Bei dem Rat, "eine scharffe barmhertzigkeit" zu üben, läuft es mir kalt den Rücken runter. Vielen Dank für Kommentar und Lieblingstext!

 Regina (23.06.22, 18:57)
Keine Begründung rechtfertigt einen Genozid.

 Quoth schrieb daraufhin am 24.06.22 um 12:27:
Hab ich den irgendwo zu rechtfertigen versucht?

 Regina äußerte darauf am 26.06.22 um 08:02:
Habe ich das behauptet?
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