Der Vater

Distichon

von  Quoth

An einem Feldweg bei Kursk verarzteten sie den Blessierten,
unter dem Vogelbeerbaum ruht sein zersplitterter Fuß.



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Kommentare zu diesem Text


 romance (12.09.22, 00:10)
Ein gelungenes Distichon und ein einprägsames Bild!

 Quoth meinte dazu am 18.09.22 um 08:22:
Ja, Marina Zwetajewa, die den Vogelbeerbaum in der Poesie verankerte, war zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahr tot. Sie hatte die deutsche Kultur über alles geliebt.
Danke für Empfehlung mit Kommentar.

 Ralf_Renkking antwortete darauf am 18.09.22 um 09:09:
Die Schlacht bei Kursk gilt als letzte deutsche Großoffensive gegen die Sowjetunion, so dass der Vogelbeerbaum als falsche Esche, bzw. Zerrbild des Weltenbaumes Yggdrasil samt des zersplitterten Fußes Deines Vaters auch als einleitendes Symbol zur Niederlage Hitlers interpretiert werden könnte, das durch Christa Reinig ins deutsche übersetzte Gedicht von Marina Zwetajewa über die Vogelbeere gibt mir zusätzlich die Gewissheit, dass ihre Liebe zur deutschen Kultur ganz und gar vergangenheitsbezogen war.
Die Bezugnahme auf sie erfordert allerdings schon Insiderwissen, insofern würde ich Dein Distichon sogar als hermetisch einstufen.

Ciao, Frank

Antwort geändert am 18.09.2022 um 09:20 Uhr

 Quoth schrieb daraufhin am 18.09.22 um 10:57:
Ja, deshalb habe ich ihr explizit das Distichon "Gedenken" gewidmet. Sich mit ihrer Dichtung und ihrer Biografie zu beschäftigen, kann Einiges zurechtrücken. Dass sie sich in Jelabuga aufhängte, dazu hat sicherlich auch beigetragen, dass ihre geistigen Heimatländer miteinander im Krieg lagen. Interessanter Interpretationsansatz!

 RainerMScholz äußerte darauf am 18.10.22 um 23:27:
Ich bin beeindruckt von dieser beeindruckenden Interpretation und selbstverständlich von diesem schlauen weltweisen Text.
Grüße,
R.

 AchterZwerg (12.09.22, 17:11)
Gruselig - und realitätsnah!

 Quoth ergänzte dazu am 12.09.22 um 19:58:
Ich habe oft vom Fuß meines Vaters geträumt. Danke für Kommentar und Empfehlung!

 Dieter Wal (12.09.22, 19:23)
Vielseitig interpretables, formvollendetes Distichon. Ich interpretiere es in erster Linie als poetisch-makaberes Anti-Kriegsgedicht.

Kommentar geändert am 12.09.2022 um 19:31 Uhr

 Quoth meinte dazu am 12.09.22 um 19:55:
Der Vogelbeerbaum soll an Marina Zwetajewa erinnern. Danke für Kommentar und Empfehlung!

 Dieter Wal meinte dazu am 12.09.22 um 20:08:
Der Vogelbeerbaum soll an Marina Zwetajewa erinnern.

:O

 Hier ein ausführlicher Artikel über sie beim Deutschlandfunk.

Antwort geändert am 12.09.2022 um 20:09 Uhr

Antwort geändert am 12.09.2022 um 20:09 Uhr

 Quoth meinte dazu am 13.09.22 um 10:13:
Als der Vogelbeerbaum
Die Blätter verloren,
Flammte er rot:
Ich wurde geboren.
...
Heute noch treibt's mich,
Des bittren und heißen
Vogelbeerbaumes
Früchte zu beißen.
Übersetzt von Christa Reinig
In: Marina Zwetajewa: Vogelbeerbaum
Ausgewählte Gedichte
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
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