Deja vu

Kurzgeschichte zum Thema Aktuelles

von  Moppel


 

Gerne wäre Anna hingefahren. Zum Autorentreffen ihres Lyrikforums, das diesmal nicht so weit von ihrem Wohnort entfernt stattfindet wie in den letzten zwanzig Jahren. Mal die Menschen persönlich kennenlernen, mit denen sie so lange schon kommuniziert. Die, die sie zu kennen glaubt über ihre Werke und die doch vielleicht ganz anders sind.

Die, die sich interessieren und die, die es nicht tun, sie angepöbelt haben. Was sind das für Menschen außerhalb der Anonymität des Netzes? Diese Frage zu beantworten, reizt Anna.

Auch das Örtchen scheint entzückend. Ein kleine Stadt im Ruhrgebiet, das Hotel an einem idyllischen Platz an der Ruhr, gebaut in alten Fabrikanlagen.

Das Alter aber setzt einem Grenzen. Anna weiß das und macht ihre Zusage vom Wetter abhängig. Schwül warm ginge gar nicht. Gleichzeitig aber hat sie lange schon mit ihrer Tochter verabredet, dass die sie fahren würde.

Denn Bahnhöfe und Züge sind heutzutage unsichere Plätze. Ist doch letztens noch ein Amerikaner angestochen worden, der im Zug Frauen gegen die Belästigung von jungen Syrern verteidigt hatte. Nein, mit dem Zug würde Anna auf keinen Fall fahren!

Zwei Tage vor dem Treffen nun schaut Anna sich das Gelände im Internet an. Sieht das romantische Ruhrdelta hinter dem Hotel, ist begeistert und denkt: Da kann ich mich auch eine Weile an den Fluß setzen. Anna liebt solche einsamen Alleingänge. Und niemals, nirgends auf der Welt, hat sie darüber nachgedacht, ob das gefährlich sein könnte.

Sie scrollt weiter auf dem Computer, scannt das Umfeld des Hotels. Ihre Tochter soll sie dort absetzen und plant dann einen Besuch in einem Outlet-Park, derweil Anna sich mit ihren Dichtern trifft. Entsetzt stellt Anna fest, dass das Hotel keinen Parkplatz hat, nur eine Zufahrt ohne Wendehammer. Und dass der nächste Parkplatz dann wohl der der  300 Meter entfernten S-Bahnhaltestelle ist.

Sogleich läuten bei Anna die Alarmglocken. Soll ihre Tochter im Dunkel auf diesem Parkplatz auf sie warten? Sollen beide allein abends dorthin laufen, wo doch im Zug schon Frauen belästigt werden? Ruhrgebiet ist Migranten-Hochburg und Essen und Bochum sind nicht weit weg.

Anna verdrängt das aufkommende, ungute Gefühl und geht schlafen.

In der Nacht träumt sie von jenem einen Tag in Gambia, wo sie 7 Monate lang mit 21 die Buschsafari als Reiseleiterin leitete. Man kannte sie, hatte Respekt. Zumindest gegenüber der ausländischen Reiseleiterin.

Als sie ein paar freie Tage in dem schönen Hotel in Banjul verbrachte, entschied Anna sich, endlich einmal den einsamen Weg auf die Klippen zu bewandern. Ganz allein. Über Gefahren dachte sie nicht nach. Eigentlich nie. Sonst hätte sie ihren Beruf gar nicht ausüben können.

Früh morgens ging sie los und irgendwann saß sie auf den Klippen und schaute aufs Meer. Ein gigantischer Blick! Die maximale Freiheit.

Doch als sie sich umdrehte, standen ihr drei junge Männer gegenüber. Sie hatte sie nicht kommen hören. Die Gambianer bedrohten Anna und forderten Geld. Anna versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, um wenigstens mal von den Klippen weg zu kommen. Was ihr gelang. Doch dann entrissen sie ihr die Tasche und flohen. Anna erinnert noch gut das Erstaunen, das sie empfand, die Ungläubigkeit darüber, dass sie sich diesmal nicht hatte wehren können. Drei gegen einen und hinter ihr die Klippen. Aussichtslos.

Der Schock saß tief. Und Anna setzte sich erst mal auf einen Stein, bevor sie den Rückweg antrat.

Kein Mensch war zu sehen. Die Erkenntnis, dass ihr soeben niemand Respekt entgegengebracht hatte, schockierte sie. Hier oben war sie nicht die Reiseleiterin. Hier war sie nur eine junge Frau mutterseelenallein in der Wildnis.

Auf dem Rückweg fand sie irgendwo ihre Tasche. Gott sei Dank war ihr Reisepass noch da. Das Erlebnis grub sich tief in Annas Seele.

Denn bei der Einstellung Frauen gegenüber in dem muslimischen Land hätte noch viel Schlimmeres passieren können.

Das war 47 Jahre her, nie wieder hatte Anna daran gedacht. Und nun träumt sie zwei Tage vor dem Autorentreffen genau diese Begebenheit. Fühlt wieder die Ohnmacht, die Angst und und fragt sich, ob 300 einsame Meter zu einem S-Bahnparkplatz zu viel sein können, um heil davon zu kommen.

Wenn junge Migranten in diesem Land Frauen als Freiwild betrachten, Menschen sich abends nicht mehr auf dem Marktplatz Eis essen trauen, da soll ihre Tochter alleine an einem S-Bahn-Parkplatz stehen,  nur weil Anna zum Autorentreffen will? Und dieses Scheiß-Hotel keinen anständigen Parkplatz hat?

Was wird aus ihrem Plan, anschließend noch schön durch das lauschige Städtchen zu bummeln und zu zweit essen zu gehen. Kann man das heute noch machen? Eine junge Frau und eine Oma? Oder muss man da seinen Boxerhund mitnehmen oder Security?

Anna weiß es nicht, grübelt. Spricht  mit ihrem Mann. Der nachdenklich den Kopf wiegt: Aber du wolltest doch so gern dahin. Ja, wollte ich, sagt Anna kleinlaut. Und weiß doch, dass sie niemals etwas träumt, was für sie selbst nicht eine tiefere Aussage hätte.

Ich fände es schlimm, richtig schlimm, fügt sie fest hinzu, wenn man das in diesem Land nicht mehr machen  könnte.

Annas Mann kennt sie gut. In dem Moment weiß er, was Anna noch nicht zu wissen scheint: Sie wird zum Autorentreffen nicht fahren.

 

 



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Kommentare zu diesem Text


 niemand (29.08.25, 17:34)
@ Moppel
Jetzt bin ich aber gespannt, wie viele Zuschriften Du bekommst mit dem Tenor:
Nu, mach mal halblang, das ist hier alles halb so schlimm und wird nur von den Rechten [nein Rechtsextremen] hochgeputscht. Wir sind ja im besten aller Deutschländer. Hier darf man hingehen wo man möchte und drot auch sagen was man denkt ohne, dass einem ein Häärchen gekrümmt wird und wenn dann ganz bestimmt eher von einem Innländer als von den Guudsten aller Guuden,
welche ja schon immer das weibliche Wesen respektiert und geachtet haben.
Eines jedoch dürfte Anna ganz sicher ohne Gefahr machen und zwar in die Ruhr springen, da sich dort keiner im Wasser aufhalten wird, der sexuelle Träumereien hat, dafür ist das Wasser zu kalt und der Fluß nicht grade ungefährlich. Also nicht ins Schwimmbad, eher in den offenen Fluß springen
um ein paar ungestörte Runden zu schwimmen, zwecks Erfrischung und Bestätigung, dass alle Angst und Vorsicht nur in ihrem Kopf existiert   8-)
LG Irene

 Graeculus meinte dazu am 29.08.25 um 19:01:
Jetzt bin ich aber gespannt, wie viele Zuschriften Du bekommst mit dem Tenor:
Nu, mach mal halblang, das ist hier alles halb so schlimm und wird nur von den Rechten [nein Rechtsextremen] hochgeputscht.

Diese Art von Äußerung ist von mir nicht zu erwarten; vielmehr: Das muß jeder für sich selbst entscheiden.
Aber hätte man das nicht alles schon vor Wochen und Monaten abklären können, vor der Zusage, statt einen Tag vor dem Termin abzusagen? Hier geht es ja nicht um neu eingetretene und unvorhersehbare Umstände.
Wie soll man unter solchen Bedingungen ein Treffen organisieren?

 hehnerdreck antwortete darauf am 29.08.25 um 19:33:
"Aber hätte man ..."

Aha, da ist sie endlich. Die Schelte, auf die wir alle gewartet haben. Ein zuverlässiges Programm, das einem ein gewisses, vertrautes soziales Umfeld vermittelt.

 Moppel schrieb daraufhin am 29.08.25 um 19:41:
oh Graeculus, ich habe mich nicht mal angemeldet... pas vu?

 Graeculus äußerte darauf am 29.08.25 um 19:48:
Meiner Erinnerung nach hast du geschrieben: Ich komme, wenn das Wetter nicht zu heiß ist.
Davon ist tueichler dann sicher ausgegangen, und nun ist das Wetter ja nicht das Problem.
Falls ich mich da irre, ziehe ich meinen Einwand zurück.

Aber ich nehme die Perspektive des Organisators ein.
Du wirst dich erinnern, daß ich selbst einmal versucht habe, ein solches Treffen auf die Beine zu stellen. Damals hast du klar und eindeutig gesagt, du wollest nicht daran teilnehmen. Das war völlig in Ordnung.

 Graeculus ergänzte dazu am 29.08.25 um 19:53:
Das finde ich gerade als Zitat im einschlägigen Thread:

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich das von WETTER abhängig machen muss.

 Moppel meinte dazu am 29.08.25 um 20:23:
eben. Was bedeutet, dass ich nicht zugesagt habe. Im Übrigen nimmst du immer die Gegenposition ein von meiner, Graeculus. Egal um was es geht. Ich habe auch schon mal ein Treffen in Lev vorgeschlagen. Wollte aber wie bei dir auch keiner kommen.
Ich denke nicht, dass teichler damit gerechnet hat, dass ich komme. Denn ich stehe gar nicht auf der Teilnehmerliste: deja vu, mon ami? Mein Pc macht die Akzente nich...
Deine Korinthenkackerei geht einem echt auf den Zwirn.  :D

Antwort geändert am 29.08.2025 um 20:25 Uhr

 Moppel meinte dazu am 29.08.25 um 20:24:
Hehner :D besser vertraut als betreut... in unserem Alter nicht unwichtig...GGGGGGGG

 Moppel meinte dazu am 29.08.25 um 20:51:
:D Irene, kommt noch. Ich trag es mit Fassung. Grins.
Nein, in die Ruhr spring ich nich, ist bestimmt eine ähnliche Wasserqualität wie unser guter Vater Rhein. Angucken schön, aber sonst... 
Dies ist eine Geschichte über Etwas Wollen und aus Verantwortung verzichten. Wer das nicht versteht und die Gegebenheiten nicht als real ansieht, der muss es halt lassen...
Danke und lG von M.

 Citronella (29.08.25, 17:45)
Ich kann deine Bedenken sehr gut nachvollziehen, aber ich weiß jetzt schon ... Als ich neulich eine ähnliche Befürchtung äußerte, erhielt ich eine äußerst dämliche Antwort.

Aber du hast recht mit deiner Entscheidung: Wenn einem nicht wohl bei einer Sache ist, soll man sie bleiben lassen.

LG Citronella

 Moppel meinte dazu am 29.08.25 um 19:45:
man erhält immer dämliche Antworten von dämlichen Menschen, Citro. Ich mache davon meine Entscheidungen nicht abhängig. ;) Wenn es nur um mich selbst ginge. Aber meine Tochter hat dicke ... und einen Sohn, den ich ebenso wie sie auch  liebe. Es wäre verantwortungslos.
Ich würde mir mein Leben lang Vorwürfe machen, wenn ihr da egtwas passiert. Ich könnte meinen Bekannten fragen, ob er  mir seinen Boerbel leiht , 76 kg Molosser. Aber der wird sicher nicht mit ins Hotel dürfen :D
Es ist eine Schande für unser Land. Aber so ist es eben... danke und lG von M.

 Quoth (29.08.25, 19:50)
Wir sind hier zum Glück kein "Lyrikforum", dessen Autoren sich in einem Örtchen treffen wollen, das "entzückend" zu sein scheint, in einem Hotel an einem "idyllischen" Platz, von wo man durch das "lauschige" Städtchen bummeln kann ... Die Epoche der "Gartenlaube" und Spitzwegs lässt grüßen. Warum hast Du Dich in unser Jahrhundert verlaufen?

 Moppel meinte dazu am 29.08.25 um 20:27:
ja, weiß ich auch nicht. ich wär lieber im lauschigen Gambia geblieben, Quoth... <3 :O

Antwort geändert am 29.08.2025 um 20:52 Uhr

 eiskimo (29.08.25, 22:20)
Bohh, bin ich froh, dass ich kein Migrant bin.

 Misanthrop (29.08.25, 22:40)
Wie viel unaufgeklärte und xenophobe Scheiße möchtest Du schreiben?

Moppel sagt:Jo!

Der angestochene Ami gibt den Rest.

Grußlos

 Saudade (30.08.25, 04:50)
Vorab, rein von der Machart, es ist entbehrlich, den Text in der dritten Person verfasst zu haben, wenn es die persönliche Meinung der Autorin widerspiegelt. 
Mittlerweile ist in jedem Städtchen und Stadt ein sogenanntes "bestimmtes Klientel", das sich nicht an Regeln hält und hier die Kritik: Einerseits ja, andererseits fehlt mir im Text das Inländische. Der Text suggeriert, dass Fremdheit böse sei und alles gut ist, was "hier geboren wurde". Dem ist aber nicht so. 
Zum Dritten: Der Organisator des Autorentreffens hat das Treffen öffentlich gemacht, was bedeutet, dass auch Fremde kommen werden, falls Interesse besteht. Dies, auf einer Ankündigung in Facebook. Was bedeutet, dass die Tochter keinesfalls im Auto sitzen müsste.
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