Montage für lebhaften Sprecher

Text

von  Quoth

Wo es besonders brenzliche Stellen hat, werden die Rollläden der Geschäfte und Cafés heruntergelassen. Grundlegender Pfeiler des Projekts ist die umfassende Planung der umliegenden Dörfer. Die Hochebene der Tonkrüge soll nicht nur auf dem Papier zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum anwachsen. „Nehmen auch Sie ein Pflegekind!“, rief der australische Linkshänder Ron Raffael. Er saß in einem der hohen englischen Ohrensessel und las die Morgenzeitung.

Am Sonntag regnete es in Strömen. Um 16 Uhr 30 stürzte der hintere Teil des Schalgerüstes zum Bau der Hochstraße ein. Ron hätte sich die Ohren verstopfen müssen, um nichts mitzubekommen. „Kinder bringen Glück ins Haus!“, rief er den Bauarbeitern zu, die sofort mit der Sicherung des noch intakten Teiles begannen. Das charmante Modell Fanny Ray schnellte herum und sah Ron fast angstvoll an. Es war ganz in edle Stickerei gehüllt, die in der Taille mit nur einem Knopf geschlossen wurde und beim Gehen den Blick auf die Beine freigab. Während dieses Vorgangs riss aus noch ungeklärten Gründen die hintere Halterung des linken Lastträgers, der hierauf geknickt wurde.

„Ron Raffael ist ein moderner Gladiator!“, summte Fanny und biss dem PS-Gewaltigen ins Ohr. Der pausenlose Regen verwandelte den Boden in einen einzigen braunen Brei. Die Zahl der Menschen, die bei der Katastrophe ums Leben kamen, näherte sich am Sonntagnachmittag den Tausend, doch wird befürchtet, dass sie noch weit höher liegt, weil aus den entlegenen Gebirgsorten zu diesem Zeitpunkt keine Nachrichten zu erhalten waren.

Ron wurde ohnmächtig. Das Kunstwerk nämlich, auf dem sich die Möwe zum letzten Rundblick niedergelassen hatte, war ein grundlegender Pfeiler der im Bau befindlichen Hochstraße. Fanny trommelte wütend mit den Fingern auf das verbogene Lenkrad.: „Wer hilft uns mit zehntausend Franken aus dem Engpass?“

Der überraschende Tscheche Jan Bernstein hatte unerwarteterweise sämtliche Favoriten ausgebootet, doch im Finale war er dem variantenreichen Spiel Ron Raffaels nicht gewachsen. Fanny schnellte herum und sah Jan fast angstvoll an. Sie erschien in einem laubfroschgrünen Kleid und lief etwas zu hastig auf die Hochstraße zu. Ihr Verhältnis zu Jan hatte sich eingependelt, sie erwartete nicht viel mehr von ihm als das. „Deine Haut liebt Baumwolle!“, sagte Jan. Er sah zu Fanny hin und rasch wieder weg.

Nach dem Zwischenfall, bei dem Ron verletzt wurde, gingen die Bauarbeiter augenzwinkernd an Jans Loge vorbei. „Nimm auch du ein Pflegekind!“, riefen sie ihm zu. Jan zwang sich, an Fanny zu denken, an die kleinen Seufzer, die sie ausgestoßen hatte. „Herrschaftlicher, reich geschnitzter Ohrensessel zu verkaufen!“, rief Fanny. Sie hatte das reizvolle, dunkel getönte Gesicht eines spanischen Schuhputzjungen. Der Schlamm wurde in die etwa acht- bis zehnfache Menge kochenden Wassers gegeben und kurz aufgelockert.

Während der rechte Längsträger standzuhalten vermochte, rutschten die Stahlquerträger, die Bleche und Hohlträger ab und stürzten zum Teil auf die Hochstraße, während andere in der Luft hängen blieben. Fanny presste sich an Jan und prüfte, ob er al dente war. Er würde bald Fett ansetzten und dann aussehen wie der wohlgenährte Bürgermeister eines süditalienischen Städtchens. Die Auseinandersetzungen zwischen Ron und Jan nahmen an Schärfe zu. Fanny hätte sich die Ohren verstopfen müssen, um nichts mitzubekommen. „Eine begleitete Kreuzfahrt!“, rief sie. „Begleitet von mir!“, antwortete Ron. Auch er trug Baumwolle direkt auf der Haut.

Die stagnierende Wirtschaft ist für die einheimische Bevölkerung seit langem eine harte Tatsache. Ron richtete sich mühsam aus dem braunen Brei auf. Es handelte sich um ein Gemisch aus Kakaobutter und ausgesuchtem Hartweizengrieß. Auf der Hochstraße gab nicht Ron den Ton an, für diesmal waren es Fanny und Jan in ihrem oftmals wie eine Kreissäge sirrenden Boliden. Der pausenlose Regen verwandelte den Boden in einen einzigen Engpass.

Ron nahm auf dem Heizkesselsockel Platz. „Du bist mein Pflegekind!“, sagte er zu Fanny. Sie war ganz in edle Stickerei gehüllt, die in der Taille mit einem Gürtel geschlossen wurde und beim Gehen den Blick auf die Beine freigab. Jedes Jahr kaufen mehr Hausfrauen die beliebten Kreuzfahrten, die bereits einen beachtlichen Marktanteil erobern konnten. „Wo ist die Hohlkörperanlage?“, fragte Jan. Er schwenkte als Trophäe die Nachbildung einer Möwe in Gold. Die gefüllte Form wurde geschleudert und gewendet, so dass sich ein Tonkrug ergab. Ron stand eine der modernsten Tandemmischanlagen zur Verfügung. Dabei musste auffallen, wie oft er sie einhändig fuhr.

„Du bringst Glück ins Haus!“, summte Fanny dem überraschenden Tschechen zu. Mit unterdrückender Kraft wurden ihr Ausdrucksweisen aufgezwungen, die ihrem Erleben fernstanden. „Ich bin Linkshänder!“, rief Ron und jubelte den Bauarbeitern zu, die gerade den Boden aufgossen. So war seine Loge ganz mit Schokolade gefüllt. Fanny schnellte herum und sah ihn fast angstvoll an. Sie zwang sich, an Jan zu denken, an sein dunkel getöntes Gesicht und die leider etwas fettige Haus. Die betroffenen Dörfer begannen, das Projekt für gescheitert zu halten. Der Dachschaden und der dadurch bedingte Arbeitsausfall waren beträchtlich.



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