Luhmann definierte heutige Kunst als das, was zu Kunst ernannt wurde. Was niemand zum Kunstwerk erkläre, sei keins. Eine gewisse ratlose Beliebigkeit der Zuschreibung hat unverkennbar Platz gegriffen. Für Hegel war Kunst nach der subjektiven Romantik und der objektiveren Klassik erschöpft und ans Ende ihrer wesentlichen Gestaltungsmöglichkeiten gekommen. Ihr Spielraum sei ausgeschritten. Nach der symbolischen Kunst übernehme begriffliche Philosophie den gültigen Wahrheitsanspruch von Kultur. Kunst sei schon vor zwei Jahrhunderten nicht mehr die angemessene Form des realen Geistes gewesen.
Wenn die Avantgarde die Kluft zwischen banalen Alltagsdingen und erhabenen Kunstobjekten einebnen will, um Kunst ins Leben und Leben in Kunst zu bringen, scheinen auch deren Impulse inzwischen verbraucht und locken zunehmend weniger Kunstkonsumenten hinter ihren Zentralheizungen hervor. Keine bürgerschreckliche Ästhetik kann auf Chocs hoffen, die den Zeitgenossen noch aus Schlendrian und Routine reißen könnten. Fast alle erdenkliche Schockwirkung von Kunstanstrengungen ist jetzt wirkungslos verpufft und geht längst eher von neuen technischen Erfindungen und industriellen Gadgets aus, deren weitere künstlerische Verfremdung nur bestenfalls zur Einsicht führt, dass Warenfetische auch Kunstfetische und umgekehrt sind, irgendwie. Das zur Kunst Erklärte und zur Kunstandacht Freigegebene regt das Publikum nicht zu Gesprächen und eigenen Gedanken an, die über plattestes Kopfschütteln oder hochtrabendstes Ergriffenheitsgetue hinausgehen. Gelangweiltes Achselzucken und flapsige Kommentare im Vorübergehen sind das, was der „Künstler“ an Echo erwarten darf. Abgegriffen Gewöhnliches lässt sich durch keine Verdrehungen und Environments mehr um seine übersehbare Gewöhnlichkeit bringen, und nichts veraltet mittlerweile schneller als das Innovativste.
Kunstandacht will „Denkanstoß“ sein, aber die im Kunstgenießer ausgelösten Gedanken möchte ich mal hören. Die Gebrauchsobjekte des Alltags werden auffällig durch Defekte oder durch Ausstellung zu Kunstwerken. Umgekehrt ist „Moderne Kunst“ laut Anthropologe Arnold Gehlen alles, was unbrauchbar ist und zu nichts mehr gut. Eine Richtung jagte da die andere. Das Jugendstil-Dekor der Ornamente, vom Im- zum Expressionismus, Tachismus, Fauvismus, Brücke und Blauer Reiter, Neue Sachlichkeit der Satiriker Dix und Grosz, Dadaismus, Abstrakte Malerei und Literatur, Kubismus, Surrealismus, Pop Art, Land Art, Minimal Art, Happenings, Fluxus, serielle Zwölftonmusik, Situationismus, Concept Art …
Ist das Kunst, oder kann das weg? Ist das Kunst, oder kann mein Kind das auch?
Als der Bildungsbürger die neue Musik der zweiten Wiener Schule nicht mehr aufnahm, entstand die Popmusik für alle. Adorno sah vor einem halben Jahrhundert die zeitdiagnostisch avancierteste Hochliteratur in Becketts „Endspiel“ und „Molloy“. Was danach kam, ertrank in Trivialkitsch oder exhibitionistischem Narzissmus exzentrischer Autoren. Postmodern Art spielt nur noch mit den kombinierbaren Versatzstücken der Traditionen und ist nicht mehr unartig oder „entartet“, sondern kurzatmig und kulturelles Fast Food, Interpretation von Interpretationen von Interpretationen, also Signifikanten ohne Signifikat. Hegel nannte Schlegels und Hardenbergs Elaborate um 1800 schon nur noch eitel und frivol, bösartig und faul, weder Fisch noch Fleisch, sondern bis zum Wahnsinn zerrüttete „schöne Seelen“.
Der Banause ist vom erfahrenen Kenner und Könner kaum mehr zu unterscheiden, der Schamane vom Scharlatan, die Magie vom Gag. Das neue Smartphone ist sensationeller als der neue Baselitz und hat mehr einmalige Benjamin-„Aura“ trotz all seiner technischen Reproduzierbarkeit. Hörbare, lesbare, betrachtbare, betastbare und begehbare Kunstwerke zerlegen die technische Umwelt in immer kleinere Bruchstücke, um aus ihnen neuartig synthetische Kunst(stoff)welten zu produzieren im Wettlauf mit der Industrie. Entfremdete Menschen werden durch allerlei „Verfremdungstechniken“ aber nicht wieder beheimatet, und sie wollen nicht aus Spießerkoma wachgerüttelt werden, sondern mal wieder richtig durchschlafen können vor lauter Dauerkrach und Hetzstress. Der neue Käfighamster träumt ja von nichts als vom alten „Ohnemichel“, und wenn Kunst und Kultur kein ruhiges Refugium mehr anbieten, können sie immer mehr Leuten gestohlen bleiben. Der US-Anthropologe Saul Bellow sah in der Kunst einen legitimen Fluchtort vor der heutigen MINT-Zivilisation und schrieb Romane mit intellektuellen Antihelden wie Moses „Herzog“ und „Humboldts Vermächtnis“ auf „Mr. Sammlers Planet“. Aber wo keine Geschichte mehr geschrieben wird, müssen vielleicht auch keine Geschichten mehr erzählt, sondern nur noch deren aphoristische Bilanzen gezogen werden, gleichsam die satirische Amoral von der Geschicht´. – Misskunst wird nicht vermisst.
Kafkas und Becketts abgründige Spiele machen uns lachen, weil sie ernst machen, und sind voll albernem Witz und Aberwitz, was beamteter Tiefsinn nicht wahrhaben will, dem es in seinen Privilegien gar nicht tragisch genug zugehen kann. Kunst ist nicht mehr schön oder erhaben wie zu Kants und Schillers Zeiten, sondern nur noch diskurswürdig signifikant, also banal wie eine defekte Kneifzange, die sich nicht mehr reparieren lässt. Die Kasseler „Documenta“ lässt so ratlos wie Nobelpreisvergabe nach tagespolitischen Gesichtspunkten, und was da sich am renitentesten geriert, willfahrt dem Zeitgeist oft am glattesten. Hilflos bleibt künstlerisches Genie hinter subventionierter Ingenieurskunst zurück und verkommt zur freizeitlichen Hobby-Bastelarbeit.
Gehlens „Zeit-Bilder“ von 1960 in ihrem konservativen Gepolter haben ja von überheblich bestrittener Aktualitätskompetenz nicht viel eingebüßt. Entrückt nur genügend Verrücktes dem Ordinären noch ins entzückend Extraordinäre? Aber abgeschmackt barbarisch, in Zeiten der Barbarei noch so etwas wie guten Geschmack beweisen zu wollen. Kompensiert Kunst noch die Folgeschäden technologischen Fortschritts oder wurde sie selber zur Kulturindustrie? Wurde die Wahrheit der Kunst zum Flachwitz über ihre präpotenten Klimmzüge? Sind selbst unsere Tag- und Nachtträume nicht längst durchrationalisierte Revolten gegen das Technozän? Nichts aufreizender als die innere Emigration des Ohnemichel, nichts Abstumpfenderes als kunstbeflissener Dauer-protestantismus. Picasso-Bilder regen inzwischen ja nur noch Werbegraphiker an; alte Chocs sind wie Witze mit langem Bart, und dekorative Tangelys geben Spießergrotten nur gepflegten Outcast-Touch.
Welche Kunst versalzt denn noch wessen Suppe, schmückt wessen Heim, wo ihre anregenden Chocs mit Pokerface gemeistert werden wie Trimm-dich-Pfade? Virtuelle KI-Kunst schickt die authentische Kunst auf Digitalfahrt, wo sie nur epigonale Musik à la Bach und Mozart fabriziert aus nichts als mathematischen Algorithmen – Farce der Selbstkarikatur.
Im Übrigen wird das Greisenalter immer ungeduldiger mit Kunst und Philosophie, Wissenschaft und (wie für Jugend gedachte und gemachte) Kultur.
Der Greis weiß, was von allem im Wesentlichen zu halten ist und steht nicht mehr darunter. Er schreibt, was bleibt und nicht mehr leibt und treibt; er muss nicht mehr ständig dazulernen und Bewährtes umdenken. Gnomik wird Altersdenken und Alterskunst. Anton von Webern komponierte nur noch aphoristisch verknappte Musik für fortgeschrittene Hörer, Kammermusik ist die Quintessenz der Hochmusik. Ich las unzählige Romane und lese keine mehr. Die große Übersicht darf die viel zu vielen Bilder übersehen. Witze und Anekdoten werden die Short Stories des Hochbetagten, der nicht tief umnachtet ist.
Weiß die Kunst noch, was es mit allem auf sich hat?
Stehen Kunst und Kunde noch in einem innigen Zwiegespräch miteinander? Entführen uns vielleicht nur Kunstklassiker noch aus dem Bannkreis unseres Zeitgeistes, wie Chesterton mutmaßte, um uns einen Blick von außen auf unsere bornierte Zivilisationskultur zu erlauben? Kunst von Übermorgen ist nur potenzierte Kunst von heute, doch Kunst von Vorgestern ein potentieller Ausweg aus dem Terror des Gegenwärtigen, der distanzierende Blick von außen. Aber das transzendierende Sinnpotential auch der Klassiker ist so begrenzt wie der andere Versuch, Technik durch Technik zu reformieren. Es bleiben nur die Glasperlenspiele der mathematischen Logik, Naturästhetik und philosophisch-poetische Bonmots gegens Bestehende, wenn noch so ehrgeizige Kunstrebellionen nur noch tiefer in Affirmationen hineintreiben oder den Teufel mit Beelzebub austreiben.
Kunst will wie Religion das „ganz Andere“ zu dem, was ist und herrscht, und ragt doch nirgendwo mehr darüber hinaus, sondern wurde davon verschlungen.
Sie zeigt, was die Welt aus uns gemacht hat, hat nun aber zur Diagnose keine Therapie, die kein Gift wäre ...