Abstand halten 2
Tagebuch
von IngeWrobel
Abstand halten
Teil 2: Annäherung
Seit der Quarantäne bin ich faul geworden. Mein Leben spielt sich hauptsächlich im Sitzen oder Liegen ab. Na gut: Im Bad und in der Küche stehe ich auch mal, um zu duschen oder mir Essen zuzubereiten – meistens aber sitze ich. Am Schreibtisch vor dem PC-Monitor und im Wohnzimmer vor der Glotze.
Für mein tägliches Nickerchen auf dem Sofa im Wohnraum brauche ich nur zwei Schritte zu machen, um vom Fernsehsessel auf das Sofa zu plumpsen.
Es ist schon eine Weile her, dass ich das Sofa von der Wand abgerückt habe, um dahinter und darunter sauber zu machen. Genau von da war die Spinne auf mich zu gekommen. Trotzdem habe ich bis heute das Sofa noch nicht abgerückt um zu schauen, ob sich dahinter oder darunter ein Spinnenlager befindet.
Was hält mich davon ab, nachzusehen?
Kurz stellte ich mir vor, dass sich Mitglieder des Spinnen-Clans nach und nach auf die Suche nach ihrem verschollenen Mitglied machen und automatisch bei mir landen würden. Sie würden an meinen Beinen hochkrabbeln und mir schließlich übers Gesicht laufen, um mir fragend in die Augen zu sehen.
Ich weiß genau, dass man sowas nicht zwangsläufig spürt, wenn die Spinne so filigran ist, wie es „meine“ war. Ich habe es erlebt – zum Glück nicht an mir selbst.
Weiß der Teufel, warum ich nicht aufsprang und hinter das Sofa schaute, als ich das zarte Kribbeln an meinem rechten nackten Bein spürte. (Zuhause trage ich kurze Kleider oder Shorts, keine Strümpfe, allenfalls warme Socken wegen der kalten Füße.)
War es das Fernsehprogramm, das mich so fesselte, dass ich dem ersten Impuls widerstand? Oder war es Neugier, um zu prüfen, wie lange ich dem Drang standhielt?
Ich glaube, ich hielt so lange still, bis ich eine Richtung der Empfindung erkennen konnte: von den Beinen aufwärts in Richtung Gesicht. Das war aber nicht möglich, weil die Spinne ja bekleidete Stellen meines Körpers passieren musste, um am Hals und im Gesicht anzukommen.
Das Kribbeln blieb unverändert, sodass ich annahm, dass die Spinne, so es denn eine gab, sich da unten wohlfühlte und keine Anstalten machte, an mir emporzusteigen.
Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder dem Fernsehprogramm.