Abstand halten
Teil 1: Die Spinne
Die ersten Meldungen über das neue Virus waren gerade bis an mein Ohr, in mein Bewusstsein gedrungen, als diese mittelgroße dünne, beinahe durchsichtig scheinende Spinne mich ansprang.
Nachdem ich mich im Laufe der Jahrzehnte mittels meines gesunden Menschenverstandes von der Arachnophobie weitgehend befreit hatte, konnte ich in der Schrecksekunde, als wir uns nun zwei Augen in acht Augen – falls die seitlichen Augen mich auch erfasst hatten – gegenüberstanden, rational reagieren:
Ich holte ein Glas und eine dünne aber feste Pappe, um den ungeliebten Gast zum Fenster hinaus zu werfen.
Diese abgeklärte Haltung und „humane“ Vorgehensweise, das Tier nicht zu töten, sondern in die Freiheit zu entlassen, beruht zum einen auf meiner Scheu, etwas Lebendes selbst zu töten, (es gibt eine Ausnahme: Stechmücken werden von mir gnadenlos verfolgt und gekillt) und zum anderen auf dem witzig gedachten Spruch eines mir unbekannten Humoristen mit der Statistikmeldung, dass 99,9% aller Spinnen Angst vor Menschen haben.
Bevor das eindeutig erschrockene Tier sich aus seiner Angststarre gelöst hatte, konnte ich es wie vorgehabt fangen und aus dem zweiten Stock auf die Straße befördern. Unten krabbelte, nein: lief, die Spinne dann hurtig unter den schützenden Prospekt eines neu eröffneten Pizza-Lieferdienstes.
(Übrigens ein Gewerbezweig, der früh die Überlebenschancen trotz oder sogar durch Corona-Einschränkungen erkannt hat.)