Manchmal fällt der Apfel weit vom Stamm

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von  Wastl

Mein Urgroßvater war Lumpensammler, Schuhputzer und Streichhölzchenzverkäufer. Er hatte keine akademische Ausbildung. Trotzdem war er sehr intelligent. Er hatte einen IQ von 182. Er wurde Schachweltmeister, obwohl er kaum übte.

Ich hingegen bin ein geborener Verlierer, umgeben von nichts als Niederlagen. Von drei Freundschaftsspielen habe ich nur eine Partie gegen den damaligen Weltmeister Juri Kasparow gewonnen. Zwei hat er gewonnen. Nun ja, ich war in unserer Familie halt schon immer das schwarze Schaf, sozusagen ein Versager, wie er im Buche steht.

Zum Beispiel verlor ich im Halbfinale von Wimbledon gegen Roger Federer haushoch mit 4:6, 5:7 und im letzten Satz mit 16:18. Ich gewann also keinen einzigen Satz gegen den damaligen Weltmeister. Typischer Versager, mal wieder.

Beim Hundertmeterlauf hatte ich wieder einmal gegen Usain Bolt verloren. Zwar lief ich den europäischen Rekord, wurde aber wie so oft bei den Olympischen Spielen nur Zweiter hinter ihm.

Die Tatsache, dass ich bei der Karateweltmeisterschaft in drei aufeinanderfolgenden Jahren nie mehr als den dritten Platz erreichte, war für mich noch schlimmer.

Mehrere Jahre lang habe ich beim Schwimmen im Hundertmeter-Kraulen als fünftbester der Welt immer versagt.

Noch erbärmlicher war ich beim Stabhochsprung. Achtbester der Welt im Laufe von fünf Jahren. Nie wieder werde ich so einen Scheißstab anfassen. Ich lasse mich doch nicht ständig demütigen.

Auch im Gewichtheben der Mittelgewichtsklasse wurde ich bei der Weltmeisterschaft nur Vierter.

Am 31. Februar des Vorjahres hatte ich es jedoch endlich geschafft, Weltmeister zu werden. Zwar war das keine besonders herausragende Disziplin, aber immerhin. Der Weltmeistertitel im Lügen konnte mich zumindest über meine vielen Niederlagen hinwegtrösten.


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