Lob der Lächerlichkeit
Kommentar zum Thema Anerkennung
von Jack
Putin hätte am 27.2.2022 die Truppen abziehen und die militärische Spezialoperation für gescheitert und beendet erklären sollen. Eine solche Operation, die ihr Ziel, den Sturz der Regierung eines schwächeren Landes, nicht in kurzer Zeit erreicht, wird aus ihrer eigenen Logik zu einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg: sie beginnt präventiv und unprovoziert, und das sind gerade die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Spezialoperation.
Putin hätte auch mit einem gescheiterten Versuch, Selenskiy zu stürzen, signalisiert, dass Russland die Ukraine nicht für ein souveränes Land hält und dem Westen jede Einmischung in die eigene Einflusssphäre verbietet. Im russischen Fernsehen hätte Putin das eigene Militär lächerlich machen können und sagen: „Мы, как всегда, положились на русское Авось. В следующий раз спланируем получше». Er hatte aber mehr Angst vor Gesichtsverlust als vor einem Krieg, der zahlreiche bis unzählige Leben kostet.
Trump hat keine Angst, sich Löcher zu machen. Anstatt diesen Umstand als einen großen Vorteil des Westens gegenüber Russland und China zu sehen, wird in den westlichen Medien jeder Gesichtsverlust Trumps als der „nun wirklich letzte“ gefeiert, der ihm endgültig seine Präsidentschaft kosten soll. Aber der Westen hat doch gar keine Kultur der Ehre!? Und trotzdem wiegt die Angst vor der Lächerlichkeit genauso schwer wie in den „toxisch männlichen“ Kultren des Ostens.
Es ist leicht, Putin zu verstehen. Aber wir müssen auch den Westen verstehen. Als ich in einem philosophischen Seminar von der Dozentin hörte, dass man ein Argument dort angreifen sollte, wo es am stärksten ist, nickte ich zustimmend, denn ich habe schon als Kind gelernt, von wem auch immer, dass man gegen Kombattanten kämpft. Doch als ich dieses Prinzip woanders äußerte, verstand ich, dass es in der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft üblich ist, jemanden anzugreifen, auch wenn er dir nichts getan hat, sobald er am Boden liegt.
Die Kombattanten der Hamas verstecken sich hinter Frauen und Kindern und inszenieren dann deren Leid und Tod. Das ist auch eine der gegenwärtigen „postheroischen“ Gesellschaft des Ex-Europa intuitiv verständliche Kampfstrategie. Man schlägt aus dem Hinterhalt zu, schlägt am Boden Liegende, versteckt sich hinter den Schutzbefohlenen wie hinter Barrikaden, macht die eigene Frau oder Tochter zur kugelsicheren Weste für sich selbst, anstatt sich heldenhaft vor sie zu stellen.
Ich habe keine Angst vor der Lächerlichkeit, mich damit für eine unkluge Kampfstrategie auszusprechen. Außerdem versteht, wer redlich ist, die Metaphorik, und dass es um die Haltung geht, nicht um die Art der Kriegsführung. Das Problem Putins ist also nicht, dass im Westen zu wenige Menschen Putin verstehen, sondern dass Putin selbst den Westen immer noch nicht verstanden hat und einen kampffähigen Feind sieht, wo es nur noch Zivilbevölkerung gibt, und zwar eine, streng moralisch betrachtet, nicht wirklich schutzwürdige (Wer es nicht weiß: im Krieg der Russen und Ukrainer wird von beiden Seiten die Zivilbevölkerung so „geschont“ wie in keinem Krieg zuvor; Propaganda hin oder her, es ist ein verbitterter, aber kein perfider Krieg: ein Krieg unter Brüdern).