Erinnern

Text

von  Verlo

Es ist der Eindruck entstanden, ich erinnere mich nicht gern.

Ich habe erwidert, daß ich mich nicht gern an meine Vergangenheit erinnere, nicht so nicht, daß ich nicht gern Erinnerungen andere höre (lese), stimmt so nicht.

Trotzdem scheine ich mich weniger zu erinnern als man das allgemein tut. Vermute ich. Sonst wäre ja der Eindruck nicht entstanden, ich erinnere mich nicht gern.

Daß auch ich mich nicht gern an schlechte Erfahrungen erinnere, sollte nicht erklärt werden müssen.

Warum ich mich vermutlich weniger erinnere, liegt daran: eine Stunde Erinnern ist eine Stunde in der Vergangenheit.

In dieser Stunde könnte ich im Jetzt etwas Neues erleben.

Im Grunde würde ich in dieser Stunde leben und nicht nur in der Vergangenheit verharren.


Möchte ich nach langer Zeit wieder Motorrad fahren, erinnere ich mich nicht an die Zeit, als ich Motorrad gefahren bin, sondern tue alles, damit ich jetzt wieder Motorrad fahre.


Oder hin und wieder steigt in mir ein Bedürfnis zum Musizieren auf. Statt die Musik zu hören, die ich vor Jahren gemacht habe, mache ich neue. Selbst wenn mein Bedürfnis wieder nach einiger Zeit erlöschen sein wird, kaufe ich zB ein Schlagzeug oder einen Synthesizer. 


Beides ist eigentlich unvernünftig, denn mehr oder weniger Zeit steigt ein anderes Bedürfnis in mir hoch. Geschenkt. Ich mag es nicht, von etwas zu träumen, ich tue es lieber.

Dieses Träumen ist ein Teil des Erinnerns, das ich tatsächlich nicht mag. Es ist für mich Betrug an mir selbst.

Mir meine Wünsche zu erfüllen, dagegen scheint eine Art Therapie zu sein: etwas in mir braucht etwas, also gebe ich es ihm.

Ich würde mich auch nicht Bananen verbieten, nur weil ich dafür erst welche einkaufen muß.

Gleichzeitig erfülle ich mir aber nicht jeden Wunsch. Manchmal versteckt sich hinter einem Wunsch etwas anderes. Oder es hat sich eine Sucht entwickelt. 

Aber das führt jetzt zu weit.

Ich hatte mich gefragt, wie der Eindruck entstanden sein konnte, ich erinnere mich nicht gern. Diese Frage hat mich einige Zeit beschäftigt, obwohl ich mich die Thematik nie beschäftigt hat.

Ich hoffe, das ist mit diesem Text abgeschlossen, und ich kann mich wieder meinen Bedürfnissen und deren Erfüllung widmen.

Leider regnet es viel, und ich bin weniger mit dem Motorrad unterwegs.

Da bleibt mir tatsächlich nichts anderes übrig, als mich zu erinnern.

Vielleicht sogar einen Text zu schreiben, damit ich tiefer in die Erinnerung eintauche.

Aber das ist eine Notsituation. 

Sobald das Wetter wieder besser ist, werde ich bestimmte Fahrten nicht mehr erinnern, sondern sie wiederholen, ausweiten, oder an Orte reisen, an denen ich noch nicht war.




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