Als ich viele war und Fridas All
Lehrgedicht
von adlibitum
Als ich viele gleichzeitig war, zeigte sich, wie sehr das Urteil von den Projektionen der Lesenden abhängig ist. Ältere Damen wurden recht freundlich behandelt, jungen Damen wollte man etwas beibringen, Herren allen Alters wurden mal als gemütlich, mal als provokativ wahrgenommen. Schimpf und Lob hielten sich die Waage, je nach Tag und Person.
Meine damalige Psychoanalytikerin war begeistert! Als Lacanierin deutete sie mein Wirken im Forum als angewandtes Spiegel-Ich-Spiel. Sie freute sich mit mir über die Freude, die ich an den Figuren hatte. Übrigens ist das Spiel mit dem Spiegel-Ich allgemein recht beliebt im postmodernen Roman.
Als ich Frida war, veröffentlichte ich ein fiktives Tagebuch bei KV. Frida, die Tagebuchschreiberin befindet sich in einer fiktiven psychiatrischen Klinik in den Alpen:
07.11.2020
Ich habe sie nicht davon abbringen können, zu kommen.
Sie trugen ihre selbstgemachten Masken und ich meine. Mama hatte eine kleine Reisetasche aus Kalbsleder dabei, sie hatte mir ein paar Sachen zusammengepackt. Sachen, die ich wiedererkenne. Vor allen Dingen erinnere ich mich an meine Sachen. Es sind meine Lieblingssachen. Sie hat das nicht wissen können, ein Zufall ist es trotzdem nicht. Es sind auch ein paar neue Sachen dabei, Kleinigkeiten, zwischen und unter die alten geschoben, damit ich sie erst später entdecke; und sie nicht ablehnen kann. Mama kennt mich genau, wenn es um Sachen geht. Später, als ich, wieder alleine, in der Tasche kramte und die versteckten Kleinigkeiten, eine nach der anderen zwischen meinen alten Lieblingssachen hervorzog, schüttelte es mich am ganzen Körper. Aber keine Tränen. Ich hielt dagegen, ich weine nicht. Obwohl hier alle ständig weinen, bei den kleinsten harmlosen Erinnerungen weinen, mehr weinen als reden. Wobei einige hier neben dem Weinen auch sehr gerne reden und viel. Ich habe mir vorgenommen, nicht mitzumachen. Ich verkneife mir das Weinen und das Reden, das Reden besonders; dass nicht wieder alles von vorne-
Aber ich merke mir- ich will mir merken, was ich hätte sagen wollen. Und jetzt, wo ich das Tablet habe, kann ich es aufschreiben. Und mich darin wiederfinden. Ich werde mich darin wiederfinden.
In Wirklichkeit befand ich mich natürlich wie alle Forenmitglieder im damaligen Lockdown. Das Klinik-Setting war eine Integration verschiedener Inspirationsquellen, die mich im Leben gerade beschäftigten: Krankheit war während Corona in aller Munde, außerdem hatte ich gerade Mars von Fritz Zorn gelesen. Zorn ist ein Pseudonym des Verfassers. In Wirklichkeit hieß der krebskranke Fritz, der am Tag nach dem er erfuhr, dass sein Buch gedruckt würde, starb, mit Nachnamen Angst. So entstand Fridas Nachname Strach, Tschechisch für Angst. Aus Mars wurde All.
Die Gruppentherapiesitzungen spiegeln teilweise die sozialen Dynamiken bei KV, könnten aber auch die sozialen Dynamiken an jedem anderen Ort spiegeln:
Neu ist, dass ich hier mit dreißig fast die Jüngste bin. Früher war ich manchmal neidisch auf Viktor, weil er den Vorteil hatte, etwas noch nicht verstehen zu können. Jetzt fällt mir auf, dass die Älteren den Vorteil haben, etwas nicht mehr verstehen zu können. Manche hier klingen, als hätten sie ihre Sätze auswendig gelernt. Wenn sie reden, ist das wie bei Dornröschen. Mit jedem Satz, den sie wiederholen, windet sich eine Dornenranke um sie herum, bis sie ganz zugewachsen sind und in Ruhe schlafen können. Nur ein Schwert könnte die Ranke durchtrennen. Aber ich bin nicht ihr Prinz, ich halte den Mund; und ich will niemanden küssen hier. Ich bin froh, dass ich ein Einzelzimmer habe.
Zwei Figuren waren von Forenmitgliedern inspiriert. Zum Beispiel Wir Ossis.
(...)
Die ersten paar Tage ist die Neue in den Sitzungen nicht aufgetaucht. So machen sie das manchmal mit den Neuen. Sie müssen darauf überprüft werden, ob sie sich in die Gruppe eingliedern lassen, ohne uns anderen zu schaden, wie sie hier sagen. In der Zeit ist sie unsichtbar für mich gewesen, obwohl sie nebenan wohnt, aber ich habe sie ziemlich oft durch die Wand singen gehört. Seit sie regelmäßig an den Sitzungen teilnimmt, weiß ich, dass sie viele Sätze mit Wir Ossis anfängt. Und mit früher. Ihren richtigen Namen kenne ich immer noch nicht, aber ich glaube, das macht nichts, denn sie hat bisher noch nie ich gesagt, nur wir. Ich bin mir nicht ganz sicher, wen sie damit meint. Sie erzählt gerne von ihrer Kindheit. Von einer kleinen Hütte am Waldrand, vom Blaubeerensammeln und Blumenpressen und von einem alten DDR-Waffeleisen, das sie bis heute aufbewahrt hat, und von weißen Tüllgardinen. Es klingt wie im Märchen, aber, obwohl sie so oft wir sagt, sehe ich sie als Kind ganz allein in ihrem windschiefen Häuschen im Tannennadelduft sitzen und ihre Blaubeersuppe schlürfen. Als wäre sie ohne Eltern aufgewachsen, ohne Welt drum herum. Als hinge sie mit allen diesen romantischen Zauberdingen im luftleeren Raum.
Die Figur Wir Ossis machte im weiteren Verlauf der Geschichte eine Entwicklung durch. Zunächst machte ich mich einfach über diese Art lustig, Sätze mit wir zu beginnen, Wir Ossis erfüllte außerdem die Funktion des Comic Reliefs, um andere beklemmendere Aspekte auszugleichen. Während ich die Figur weiterschrieb, entdeckte ich wie liebenswert sie war und so wurde sie auch von dem Verlegerduo wahrgenommen, die eine stark überarbeitete Version von All unter dem Pseudonym Frida Strach in einen Erzählband aufnahmen.
Die Entwicklung von Wir Ossis projizierte ich anschließend auf das KV-Mitglied, das sie inspiriert hatte. Meine Genervtheit verpuffte. Ohne, dass wir uns kennen, ohne, dass sie sich je in Wir Ossis erkannt hätte, fand meinerseits eine Versöhnung mit dessen Verhalten statt. Übrigens auch ohne, dass ich das KV-Mitglied analysiert oder irgendwelche Motive für sein Verhalten behauptet hätte; auch nicht im Text All: ich beschreibe stets nur das Verhalten, das ich beobachte, alles darüber hinaus fände ich anmaßend. Es ist eines der größten Mysterien bei KV, dass Beschreibung als moralisch verwerflich angesehen wird, das Überstülpen von ausgedachten Motiven aber als legitim.
Menschen sind vielseitig. Jeder und jede sieht immer nur einen Ausschnitt der anderen Person; und was man sieht, hängt von vielfältigen Faktoren ab, die man selbst auch nur teilweise beeinflussen kann. Kein KV-Mitglied ist 1:1 die Person, die es in seinem RL ist, ob es einen oder mehrere Accounts hat, ob es zertifiziert ist oder mit Klarnamen auftritt. Jeder Mensch ist gleichzeitig das, was er aus sich selbst macht, was andere aus ihm machen und was die soziale Dynamik aus ihm macht. Je eingefahrener die soziale Dynamik ist desto weniger sichtbar ist diese Vielfalt des Einzelnen.
Als ich viele war, konnte ich mich unabhängig von Cliquen bewegen, ungefähr wie eine Person, die mehrere Fremdsprachen auf muttersprachlichem Niveau beherrscht. An der einen Ecke spricht man so, an der anderen so, bleibt dabei aber dieselbe Person.
Das Ergebnis war ein differenzierterer Umgang mit den Texten und eine Möglichkeit für mich, Schreiben in unterschiedlichen Facetten auszuleben, mit unterschiedlichen Formen zu experimentieren und unterschiedliche Inhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu bearbeiten. Mit anderen Worten: Freiheit für die Texte.
Es gab auch mir die Möglichkeit, auf die unterschiedliche Seiten, die Forenmitglieder in ihren Texten zum Ausdruck bringen, bezugzunehmen. Als Einzelperson ist diese Möglichkeit begrenzt, Vorurteile, soziale Dynamik und Grüppchenbildung stehen im Weg.
Diese Freiheit war leider nur von kurzer Dauer; mit der Kenntnis, dass ich viele war, wurden mir auf einmal Figuren zugeschrieben, die gar nicht aus meiner Feder stammten! Auf einmal sollte ich also mehrere sein, die ich gar nicht war, so wie manche anderen Texte andersrum Aron zugeschrieben wurden.
Genervt war ich immer und immer wieder von Versuchen, an mich hinzulästern oder wenn ich gedrängt wurde, meine Urteile über andere Personen preiszugeben. Insbesondere nervt es mich, wenn mir nahegelegt wird, ich solle mit einzelnen Mitgliedern so umgehen, wie andere es wünschen (freundlicher oder unfreundlich, gibt es in beide Richtungen). WTF hat das mit Literatur zu tun?
Projektion ist der mächtigste Gegner der Urteilsfindung, der literarischen wie der moralischen. Sie kann, wie der Fall von Wir Ossis zeigt, aber auch zur Versöhnung genutzt werden.
Wenn Ihr mich gerne als Gegner hernehmen wollt, um eure Lager zumindest zeitweise zu einem einzigen großen moralischen Bollwerk zu vereinigen, könnt ihr das natürlich machen. Das ist gelebte Literatur.
Anmerkung von adlibitum:
Als weiterführende Lektüre empfehle ich Die gleißende Welt von Siri Hustvedt.