- Brief an Selma, Bosnien
Liebe Selma,
in meiner Geschichte gibt es ein Lied, das rückwärts gesungen werden muss.
Aber manchmal, Selma, gibt es keinen Gesang mehr.
Nur noch Atem.
Nur noch das, was übrigbleibt, wenn Stimmen nicht mehr vollständig sind.
Ich stelle mir dich vor in Bosnien.
Vielleicht kennst du Häuser, die einmal voller Leben waren und jetzt so still sind, dass selbst die Wände vorsichtig geworden sind.
Vielleicht kennst du Straßen, die gelernt haben, sich nicht mehr an Namen zu erinnern.
In meiner Geschichte sagte meine Mutter, dass man Gift aus dem Körper singen kann, wenn man die Welt umdreht.
Ich habe das als Kind geglaubt.
Du weißt wahrscheinlich, dass die Welt sich nicht umdrehen lässt.
Sie bleibt stehen.
Auch wenn alles darin fällt.
Auch wenn alles darin zerbricht.
Das Rückwärtslied, von dem ich schreibe, klingt bei dir anders.
Es hat keine Melodie mehr.
Es hat Lücken.
Pausen, die nicht freiwillig sind.
Vielleicht hast du gelernt, in diesen Pausen zu leben.
Zwischen zwei Sätzen.
Zwischen zwei Erinnerungen.
Zwischen dem, was gesagt werden kann, und dem, was niemals laut werden darf.
Ich schreibe dir nicht, um dir etwas zu erklären.
Ich schreibe dir, weil ich weiß, dass es Frauen gibt, die nicht mehr gefragt werden, wie sie überlebt haben.
Weil die Frage selbst schon zu klein ist für das, was sie tragen.
In meinem Lied gibt es eine Stelle, an der alles abbricht.
Genau dort beginnt dein Teil.
Nicht als Musik.
Sondern als Riss.
Als etwas, das bleibt, wenn selbst das Rückwärts nicht mehr hilft.
Vielleicht ist das das Ehrlichste, was ich sagen kann:
Es gibt kein Lied, das alles heilt.
Aber es gibt Stimmen, die zeigen, dass das Schweigen nicht die ganze Geschichte ist.
Und deine Stimme, Selma, ist eine davon.
Nicht weil sie schön ist.
Sondern weil sie da ist.
In meinem unvollständigen Rückwärtslied,
…